Notfall & Hausarztmedizin (Hausarztmedizin) 2005; 31(1/02): B 8-B 9
DOI: 10.1055/s-2005-863770
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© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Aktuelle Studienergebnisse - Acarbose senkt die Anzahl stummer Infarkte und hemmt Entzündungsmediatoren

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Publication Date:
17 February 2005 (online)

 
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Das orale Antidiabetikum Acarbose[1] reduziert nicht nur die Rate klinisch manifester Infarkte bei frühen Typ 2-Diabetikern, sondern verringert zugleich die Inzidenz stummer Myokardinfarkte. Das hat eine Zusatzanalyse der EKG-Auswertungen in der STOP NIDDM-Studie (Study To Prevent Non Insulin-Dependent Diabetes Mellitus) durch PD Dr. Uwe Zeymer et al., Ludwigshafen, ergeben ([1]).

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Reduktion der Rate kardiovaskulärer Komplikationen

In der STOP NIDDM-Studie war bei 1368 Teilnehmern gezeigt worden, dass Acarbose bei Patienten mit gestörter Glukosetoleranz signifikant das Risiko minimiert, einen manifesten Diabetes zu entwickeln. Parallel dazu war zugleich eine beeindruckende Reduktion der Rate kardiovaskulärer Komplikationen gesehen worden, wobei vor allem die Anzahl an Myokardinfarkten in der Acarbose-Gruppe erheblich niedriger war als unter Plazebo.

Zeymer et al. untersuchten daraufhin in ihrer Zusatzanalyse, inwieweit auch das Auftreten stummer Myokardinfarkte durch Acarbose reduziert wurde. Die EKGs von Patienten mit manifestem Infarkt wurden dabei ebenso ausgeschlossen wie diejenigen von Studienteilnehmern, bei denen kein eindeutig zu bewertendes EKG vorlag.

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Signifikant höhere Rate stummer Infarkte unter Plazebo

Insgesamt gelangten nach Zeymer et al. die EKGs von 1181 Patienten zur Auswertung. Bei 72 Patienten zeigten sich deutliche Veränderungen zwischen dem initial abgeleiteten EKG und dem bei Studienende. Davon waren 33 Patienten in der Acarbose- und 39 in der Plazebogruppe. Es wurde eine signifikant höhere Rate an stummen Myokardinfarkten unter Plazebo beobachtet: bei sieben von 686 Patienten unter Plazebo im Vergleich zu nur bei einem Patienten von 682 unter Acarbose-Therapie.

Fasst man die Daten zu symptomatischen und stummen Herzinfarkten zusammen, so ereigneten sich in der Acarbose-Gruppe nach Angaben der Autoren je ein symptomatischer und ein stummer Herzinfarkt gegenüber insgesamt 19 solcher Ereignisse unter Plazebo.

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Protektive Effekte der Acarbose bekräftigt

Die Daten bestätigen einmal mehr die protektiven Effekte der Acarbose. Sie belegen, dass durch die mittels Acarbose-Therapie erzielte Reduktion der postprandialen Hyperglykämie direkt kardiovaskulären Ereignissen vorgebeugt wird. Dies gilt sogar für Patienten, die (noch) keinen manifesten Typ 2-Diabetes entwickelt haben, sondern lediglich eine Glukosetoleranzstörung. Diese Befunde sind nach Zeymer bedeutsam vor dem Hintergrund, dass rund 50% der Mortalität bei Typ 2-Diabetikern auf das Konto von Herz-Kreislaufkomplikationen geht.

Die neuen Daten zu stummen Infarkten bekräftigen zudem einmal mehr das Modell, dass eine postprandiale Hyperglykämie eindeutig ein Risikofaktor für kardiovaskuläre Komplikationen ist. Sie sind gleichzeitig ein starkes Argument für die Behandlung von Patienten mit Glukoseverwertungsstörungen.

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Acarbose hemmt Entzündungsprozesse im Gefäßsystem

Acarbose reduziert postprandiale Hyperglykämien. Kürzlich hat eine klinische Studie von Rudofsky et al. gezeigt, dass damit zugleich eine durch die Nahrungsaufnahme stimulierte Aktivierung des bedeutsamen Entzündungsmediators NF-kB gehemmt wird ([2]). Dieser Effekt kann wahrscheinlich dazu beitragen, diabetischen Komplikationen vorzubeugen, vermuten die Autoren von der Universität Heidelberg.

Die Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Peter Nawroth stützt sich bei dieser These auf ihre Untersuchung bei 20 Patienten mit Typ 2-Diabetes. Die Patienten erhielten acht Wochen lang doppelblind, randomisiert und plazebokontrolliert dreimal täglich 100 mg Acarbose. Aus ihrem Blut wurden vor und zwei Stunden nach der Einnahme eines standardisierten Frühstücks Monozyten isoliert und die NF-kB-Aktivität bestimmt.

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Reduktion der postprandialen NF-kB-Aktivierung

In der Studie bestätigte sich, dass Acarbose eine signifikante Reduktion der postprandialen Hyperglykämie bewirkt. Während in der Plazebo-Gruppe nach der Mahlzeit eine deutliche Aktivierung des Transkriptionsfaktors NF-kB zu sehen war, konnte ein solcher Effekt nach einer achtwöchigen Acarbose-Einnahme nicht mehr festgestellt werden (s. Abbildung). "Die unter Plazebo durch die Nahrung stimulierte NF-kB-Aktivierung war unter Acarbose nach diesem Zeitraum nicht mehr zu sehen", schreiben die Autoren.

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Vergleich der NF-.B-Bindungsaktivität in isolierten Monozyten zwischen Plazebo und Acarbose vor und nach acht Wochen Therapie. Die ermittelten Nüchternwerte wurden als 100% gesetzt (nü = nüchtern, pp = postprandial).

Aus den Daten ist nach Rudofsky et al. zu schließen, dass Acarbose durch eine Senkung der postprandialen Glukosespitzen auch die NF-kB-Aktivierung nach der Nahrungsaufnahme unterbindet.

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Postprandiale Hyperglykämie triggert die Atherosklerose

Das Untersuchungsergebnis besitzt Relevanz für die Therapie des Typ 2-Diabetikers, denn es gibt inzwischen gute Belege dafür, dass die Hyperglykämie die treibende Kraft bei der Entwicklung und Progression diabetischer Komplikationen ist. Das gilt, so die Autoren der Studie, auch für kurzfristige postprandiale Hyperglykämien, die - möglicherweise über die forcierte Bildung von Sauerstoffradikalen - assoziiert sind mit Störungen der vaskulären Funktion und atherosklerotischen Gefäßveränderungen. Jede Nahrungsaufnahme provoziert eine Aktivierung proinflammatorischer Prozesse bei Typ 2-Diabetikern. Die Stimulation von NF-kB wird von den Wissenschaftlern dabei als entscheidender Schritt angesehen, da der Transkriptionsfaktor die Expression vieler proinflammatorisch wirkender Proteine reguliert.

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Mit Acarbose diabetischen Komplikationen vorbeugen

Die Aktivierung des Entzündungsmediators NF-kB dürfte somit eine wesentliche Grundlage zellulärer Dysfunktionen sein, die schließlich in eine diabetische Komplikation münden. Dieser entscheidende Schritt der Pathogenese, der offensichtlich massive Entzündungsprozesse in den Blutgefäßen und über diesen Weg auch die Entwicklung diabetischer Komplikationen triggert, scheint durch die Acarbose inhibiert zu werden.

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Diabetesprävention mit Acarbose spart Geld

Vor dem Hintergrund eines steigenden Kostendrucks im deutschen Gesundheitssystem gewinnt die Frage nach kosteneffektiven Therapien an Bedeutung. Aufgrund der demographischen Entwicklung trifft dies insbesondere auf die Behandlung des Diabetes mellitus Typ 2 (DM) zu. Neben einer Therapie mit Metformin stellt die Acarbose eine mögliche Behandlungsalternative bei der Diabetesprävention dar. Die Kosteneffektivität dieser Alternative wurde von der Fachklinik Bad Heilbrunn kürzlich auf der 7. Europäischen Jahreskonferenz der "International Society of Pharmacoeconomics and Outcome Research" in Hamburg präsentiert (Value in Health 2004; 7 (6): 741).

Gesamtkosten aus Sicht des deutschen Gesundheitssystems

Die Analyse basiert auf der Endpunktstudie STOP NIDDM. Diese hat gezeigt, dass die Therapie mit Acarbose zu einer signifikanten Verzögerung beziehungsweise Vermeidung eines DM sowie kardiovaskulärer Ereignisse führt. An der plazebokontrollierten Studie nahmen 1368 Personen mit gestörter Glukosetoleranz (IGT) teil. 682 Personen wurden im Mittel über 3,3 Jahre mit Acarbose behandelt (Plazebo: 686 Personen).

Im Rahmen der Kosteneffektivitätsanalyse wurden die Gesamtkosten aus der Perspektive des deutschen Gesundheitssystems berechnet und zwischen den beiden Behandlungsgruppen verglichen. Bei der Berechnung der Gesamtkosten wurden unter anderem die Kosten für DM, Myokardinfarkt, Schlaganfall, Angina Pectoris, chronische Herzinsuffizienz und periphere arterielle Verschlusskrankheit berücksichtigt. Ferner wurden die Kosten für Arztbesuche, medizinische Untersuchungen und nur in der Acarbosegruppe zusätzlich die Kosten der Acarbose in die Bewertung eingeschlossen. Die Analyse wurde sowohl für die Gesamtpopulation als auch für zwei Subgruppen durchgeführt (Subgruppe 1: Hohes Risiko für DM; Subgruppe 2: Hohes Risiko für eine koronare Herzkrankheit (KHK)).

Die Grafik zeigt die Gesamtkosten in den beiden Behandlungsgruppen über 3,3 Jahre für die Gesamtpopulation und die beiden Subgruppen. Die Kosten der Acarbose-Medikation sind im oberen Teil der Acarbose-Säule dargestellt.

Mehrkosten durch vermiedene Folgekrankheiten kompensiert

Die Mehrkosten für die Acarbose-Therapie im Vergleich zu Plazebo über den Studienzeitraum von 3,3 Jahren betragen lediglich 70 Euro (2630 € vs. 2700 €). Dies bedeutet, dass die Mehrkosten für die Acarbosebehandlung durch vermiedene Folgekrankheiten (z.B. DM, KHK) wieder kompensiert werden. In den beiden Subgruppen ergeben sich Einsparungen für das deutsche Gesundheitssystem in Höhe von 42 Euro (Subgruppe DM) beziehungsweise 675 Euro (Subgruppe KHK).

Fazit

Die STOP NIDDM-Studie hat gezeigt, dass die Therapie mit Acarbose zu einer signifikanten Verzögerung beziehungsweise Vermeidung eines DM sowie kardiovaskulärer Ereignisse führt. Unterstützend belegen jetzt die Ergebnisse der Kosteneffektivitätsanalyse, dass sich bereits in einem Zeitraum von 3,3 Jahren Kosteneinsparungen für das deutsche Gesundheitssystem bei Risikopersonen ergeben können. Auch für die Gesamtpopulation der Personen mit gestörter Glukosetoleranz stellt Acarbose durch die Verhinderung von kardiovaskulären Folgeschäden eine kosteneffektive Therapie dar.

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Literatur

  • 1 Zeymer U. et al.. Eur J Cardiovasc Prevent Rehab. 2004;  11 (5) 412-415
  • 2 Rudofsky . et al.. Horm Metab Res . 2004;  36 630-638

02 Glucobay®, Bayer Vital GmbH

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Literatur

  • 1 Zeymer U. et al.. Eur J Cardiovasc Prevent Rehab. 2004;  11 (5) 412-415
  • 2 Rudofsky . et al.. Horm Metab Res . 2004;  36 630-638

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Vergleich der NF-.B-Bindungsaktivität in isolierten Monozyten zwischen Plazebo und Acarbose vor und nach acht Wochen Therapie. Die ermittelten Nüchternwerte wurden als 100% gesetzt (nü = nüchtern, pp = postprandial).

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