Dtsch med Wochenschr 2005; 130(51/52): 2956-2960
DOI: 10.1055/s-2005-923335
Weihnachtsheft

© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Von der Krankennahrung zum „Functional Food”

Wege und Irrwege fabrikmäßiger Nahrungsmittel vom 19. bis ins 21. JahrhundertFrom soup cubes for the sick to functional foodNutrition and modernity, 1880-2000W. U. Eckart1
  • 1Institut für Geschichte der Medizin Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
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Publication Date:
15 December 2005 (online)

Eine fette Bratwurst mit wertvollen Mineralstoffen, ein Zaubertrank, der verbrauchte Energie sofort zurück bringt, zucker- und fettarme Schokolade mit wichtigen Spurenelementen, oder Pommes Frites, die reich an bioaktiven Pflanzenstoffen sind? Was bislang nur ein Traum für Schlemmerfreunde oder undisziplinierte Naschkatzen war, könnte bald Realität werden. Richtiger allerdings sollten wir von Scheinrealität reden, denn mittlerweile gibt es immer mehr Lebensmittel auf dem Markt, die ersehnte Wunder bewirken, kerngesund, und sogar schön machen sollen, aber alle diese leeren Versprechungen gar nicht halten. Functional Food heißt das moderne Zauberwort, mit dem auch das ungesündeste Essen zur reinen Medizin werden soll. Functional Food ist der Begriff für sämtliche Lebensmittel, die mit Zusatzstoffen angereichert sind. Dabei handelt es sich um gesunde Inhaltsstoffe, die sich vorgeblich positiv auf die Gesundheit auswirken, „Power”-Zusätze also, die bestimmte Lebensmittel einfach wertvoller machen sollen. Gern wird neudeutsch auch von „Nutraceuticals” gesprochen (von engl.: nutrition und pharmaceuticals). Dazu zählen besonders vitaminisierte Produkte, LC-1-Yoghurts, Energiedrinks und Nahrungsergänzungsmittel unterschiedlichster Art. Ein gefährlicher Irrgarten der Scheinnatürlichkeit eröffnet sich hier, vor dem im Hinblick auf eine wirklich natürliche vitamin-, nähr- und ballaststoffreiche gesunde Ernährung nur dringend gewarnt werden sollte. Und dabei hat vor etwa 150 Jahren doch alles einmal so hoffnungsvoll mit den heute gelegentlich modisch „Convenience-Food”-Produkte genannten Nahrungsmitteln angefangen. Wer kennt sie nicht, die klassischen Fleischextrakt-Brühwürfel, Erbswürste und Trockensuppen der bekannten internationalen Hersteller? An der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert endlich ist aus pulverisierten Fertigsuppen und Brühwürfeln jedweder Art und Provenienz ein gigantischer Nahrungsberg aufgetürmt worden. Allein 1989 köchelten 3,2 Milliarden Liter Gemüse- und Fleischextraktaufgüsse in deutschen Töpfen, was mehr als fünfzigtausend Tonnen Suppenpulver im Gegenwert von etwa einer Viertelmillion Mark entsprach.

Literatur

  • 1 Fischli H, Rotzler W. Kulturgeschichte der Suppe. Zürich, Kunstgewerbemuseum Ausstellung zum Anlaß des 50jährigen Bestehens der Knorr Nährmittel AG in Thayngen 1957
  • 2 Hellmann K -U. Soziologie der Marke,. Frankfurt: Suhrkamp 2003
  • 3 Jussen B. (Hg.)  Liebig’s Sammelbilder: vollständige Ausgabe der Serien 1 bis 1138, (Elektronische Ressource, 2 CD-ROMs) (= Atlas der historischen Bildwissens; 1),.  Berlin: The Yorck Project,. 2002; 
  • 4 Krätz O. Justus Liebig (1803 - 1873) in seiner Zeit. Annäherung an ein schwieriges Genie.  Cem unserer Zeit. 2003;  37 416-423
  • 5 Ruch C, Rais-Liechti M, Peter R. Geschäfte und Zwangsarbeit: Schweizer Industrieunternehmen im „Dritten Reich” („Veröffentlichungen der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz - Zweiter Weltkrieg, Bd. 6),. Zürich 2001
  • 6 Suerbaum U. Shakespeare bei Liebig - Weltbild und Sammelkarten,. Trier in: Dieter Ingenschay, Gerd Stratmann (Hg.), Re-Collection. Grobe Tritte eines hinkenden Pegasus. Zu Reinhold Schiffers 60. Geburtstag 1993: 39-59
  • 7 Zur Geschichte der Suppe: 10 000 Jahre Suppe, 150 Jahre Knorr, Ausstellung zum 150jährigen Jubiläum der Firma Knorr,. Heilbronn: Maizena 1988
  • 8 Teuteberg H -J. Die Rolle des Fleischextrakts für die Ernährungswissenschaften und den Aufstieg der Suppenindustrie: kleine Geschichte der Fleischbrühe,. Stuttgart: Steiner 1990
  • 9 Frank Wedekinds Maggi-Zeit: Reklamen, Reiseberichte, Briefe, mit einem Essay von Rolf Kieser,. hg. von der Editions- und Forschungsstelle Frank Wedekind, Darmstadt 1992

Prof. Dr. Wolfgang U. Eckart

Institut für Geschichte der Medizin, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

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