Dtsch Med Wochenschr 2016; 141(25): 1854-1857
DOI: 10.1055/s-0042-120519
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Wie die Jungfrau zum Kinde

Denial of pregnancy
Peter Rott
1  Gemeinschaftspraxis FERA im Wenckebach-Klinikum
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Publication Date:
14 December 2016 (online)

Zusammenfassung

Die verdrängte Schwangerschaft gehört mit einer Inzidenz von 1:500 zu den eher häufigen Ereignissen der Geburtshilfe. Umso erstaunlicher erscheint es, dass in unserer Gesellschaft eine gewisse Tabuisierung dieses Themas besteht. Die Gründe mögen in unserer Moralvorstellung sowie unserer Sozialisierung liegen. Da Schwanger- und Mutterschaft einen mit großer Freude verbundenen Zustand darstellen muss, wird ein anderes Erleben oft als gesellschaftlich nicht akzeptiert wahrgenommen und negiert. Ein ähnliches Phänomen gibt es z. B. bei Wochenbettdepression.

In allen zur verdrängten Schwangerschaft vorhandenen Studien konnte belegt werden, dass es keine signifikanten Risikogruppen gibt, vielmehr zieht sich dieses ungewöhnliche Vorkommnis durch alle Gesellschafts- und Bildungsschichten. Auch die Parität zeigt in diesen Studien keine Auffälligkeiten.

Tiefenpsychologisch kann die Verdrängung als Anpassungs- bzw. Angststörung verstanden werden und dient auf unbewusster Ebene der Abwehr von intrapsychischen Konflikten. Die Uminterpretation körperlicher Veränderungen ermöglicht auch bei Gewichts- und Bauchumfangzunahme sowie kindlichen Bewegungen ein Unbewussthalten der Schwangerschaft und damit des Konfliktes.

Durch fehlende oder mangelhafte Vorsorge kommt es infolgedessen aber zu einer deutlichen Erhöhung der Risiken für Mutter und Kind. Dies besonders, wenn auch die Geburt nicht mit professioneller Hilfe stattfindet.

Je früher die Schwangere, ggf. mit Hilfe von Bezugspersonen oder medizinischem Personal, ihren Zustand erkennt, desto geringer können die Risiken gehalten werden. Dies bedeutet, unsere Wahrnehmung zu schulen und Ängste des Ansprechens zu überwinden.

Nach Aufdecken der Schwangerschaft muss die Frau in ein soziales Netz eingebunden werden, welches ihr vermitteln kann, dass die Verleugnung der Schwangerschaft kein psychotisches Symptom ist und häufiger als gedacht vorkommt. Gelingt dies, so ist die Perspektive für Mutter und Kind als sehr günstig einzustufen.

Abstract

With an incidence of 1:500, denial of pregnancy is a rather frequent incident in obstetrics. Strikingly, in our society, this issue is placed under a taboo. Reasons might be our moral values and socialization. Since pregnancy and motherhood have to be associated with joy, other sensations are often perceived as socially not accepted and thus denied. A similar phenomenon exists e. g. with postnatal depression.

In all existing studies on denial of pregnancy, it was proven that there are no significant at-risk groups. Instead, it occurs in all social and educated classes and no association with parity was shown.

Psychologically, the denial can be understood as an adaptive or anxiety disorder. Unconsciously, it serves as a defense mechanism against intrapsychic conflicts. Reinterpretation of physical changes allow sustained unconscious and thus conflict even in the presence of fetal movements and while body weight and abdominal girth are increasing.

Lacking and insufficient preventive examinations increase risks for mother and child. Especially, when delivery takes place without professional help.

The earlier the pregnant woman realizes her condition, if necessary with help from a reference person or medical personnel, the lower the risks. This implies to train detection and overcome fear of addressing the woman. After the pregnancy is revealed, the woman needs to be integrated into a social network, which conveys that denial of pregnancy is not a psychotic symptom and occurs more often than assumed. If this succeeds, the perspective for mother and child is favorable.