Dtsch Med Wochenschr 2016; 141(04): e32-e37
DOI: 10.1055/s-0041-111182
Fachwissen
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Organisierte Suizidbeihilfe in Deutschland

Medizinische Diagnosen und persönliche Motive von 117 SuizidentenAssisted suicide in Germany: medical diagnoses and personal reasons of 117 decedents
F. Bruns
1   Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, Charité – Universitätsmedizin Berlin
,
S. Blumenthal
2   Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
,
G. Hohendorf
3   Institut für Geschichte und Ethik der Medizin und Abteilung für Klinische Toxikologie, Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München
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Publication Date:
17 February 2016 (online)

Zusammenfassung

Hintergrund und Fragestellung | In der Debatte um den ärztlich assistierten Suizid spielen Ängste vor unerträglichen Leidenssituationen am Lebensende eine große Rolle. Befürworter einer Liberalisierung der ärztlichen Suizidbeihilfe verweisen regelmäßig auf Situationen, in denen Leiden auch mithilfe der Palliativmedizin nicht zu lindern sei und daher nur die Beihilfe zum Suizid einen Ausweg biete. Dabei stellt sich die Frage, ob die Fokussierung auf finale Krankheitszustände und nicht therapierbare Symptome die Realität richtig widerspiegelt.

Methodik | Wir analysierten retrospektiv Diagnosen und Motive der Menschen, die sich in Deutschland zwischen 2010 bis 2013 mit Unterstützung des Vereins „Sterbehilfe Deutschland” (StHD) das Leben genommen haben. Dafür werteten wir 118 von StHD publizierte Fallbeschreibungen aus, in denen die Suizidbegleitung sterbewilliger Vereinsmitglieder dokumentiert wird.

Ergebnisse | 67 % der Suizidenten waren über 70 Jahre alt, Frauen waren mit 71 % überrepräsentiert. Es waren folgende Diagnosen vertreten:

• 25,6 %: metastasierte Krebserkrankung

• 20,5 %: schwere neurologische Erkrankung

• 23 %: altersassoziierte Erkrankungen oder Behinderungen

• 14,5 %: psychische Erkrankung

7,7 % der Suizidenten waren körperlich und seelisch gesund.

12,8 % gaben als Hauptmotiv für ihren Suizid nicht behandelbare körperliche Symptome im Rahmen einer schweren Erkrankung an. Für 29 % war das Fehlen einer Lebensperspektive angesichts schwerer Erkrankung ausschlaggebend für die Selbsttötung. Lebensmüdigkeit ohne Vorliegen einer schweren Erkrankung gaben 20,5 % als Hauptmotiv für ihren Suizid an. Angst vor Pflegebedürftigkeit war für knapp 24 % das Hauptmotiv für die Selbsttötung.

Folgerung | Unsere Untersuchung zeigt, dass sowohl die Diagnosen als auch die Beweggründe von Menschen, die organisierte Suizidbeihilfe in Anspruch genommen haben, heterogener und weniger eindeutig sind, als mitunter suggeriert wird. Unerträgliches körperliches Leiden im Endstadium einer Erkrankung spielt in diesem Zusammenhang zwar eine Rolle, andere Beweggründe überwiegen jedoch. Diese Befunde sollten bei der Debatte über die Liberalisierung der Suizidbeihilfe berücksichtigt werden.

Abstract

Background: In Germany both scientific and public debates on physician assisted suicide often focus on patients with unbearable suffering in terminal condition. Proponents of physician assisted suicide bring forward the argument that there are end-of-life situations where only assisted suicide can bring relief from intolerable pain, dyspnea or other symptoms. But does focusing on unbearable symptoms in terminal condition reflect the reality of assisted suicide? Our data from 117 assisted suicides in Germany indicates that the reasons for assisted suicide are more complex than the current debate in Germany suggests.

Methods: We analyzed diagnoses and reasons that prompted patients to suicide with the help of the German right-to-die organization „Sterbehilfe Deutschland“ (StHD) between 2010 and 2013. 118 case reports of assisted suicide published by StHD were evaluated retrospectively.

Results: Between 2010 and 2013 StHD provided assistance in 118 suicides. 71 % of the deceased were women. 67 % were aged 70 years or older. 25,6 % suffered from metastasized cancer, 20,5 % had a severe neurological disease. 23 % suffered from age-associated diseases or disability. 14,5 % of the decedents had a predominant psychiatric diagnose, 7,7 % were physically and mentally healthy. The main reasons for suicide were loss of life perspective in the face of a severe disease (29 %), fear of care dependency (23,9 %), weariness of life without any severe disease (20,5 %). Only 12,8 % named non-treatable symptoms as a reason.

Conclusion: Loss of life perspective in the face of a severe disease, fear of long-term care and weariness of life without any severe disease rather than unbearable suffering of non-treatable symptoms seem to be the most common reasons for members of StHD to commit suicide. These empirical findings should be mentioned in future debates on assisted suicide in Germany.

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