Notfall & Hausarztmedizin (Hausarztmedizin) 2004; 30(3): 119-120
DOI: 10.1055/s-2004-824809
Blickpunkt

© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Pharmakodynamische und pharmakokinetische Arzneimittelinteraktionen

Gleichzeitige Gabe mehrerer PharmakaW. Beil1
  • 1Institut für Pharmakologie, Medizinische Hochschule Hannover
Further Information
#

Anschrift des Verfassers

Prof. Dr. med. W. Beil

Institut für Pharmakologie

Medizinische Hochschule Hannover

Carl-Neuberg-Str. 1

30625 Hannover

Publication History

Publication Date:
19 April 2004 (online)

Table of Contents

Bei gleichzeitiger Gabe mehrerer Pharmaka können sowohl Pharmakodynamik als auch Pharmakokinetik der Einzelsubstanzen verändert sein. Folge sind eine abweichende Wirkung beziehungsweise vermehrte Nebenwirkungen verbunden mit Krankenhauseinweisungen und beträchtlichen Zusatzkosten. Daher haben Interaktionen im klinischen Alltag eine große Bedeutung und sind bei der Anwendung von Medikamenten auf jeden Fall zu beachten.

#

Pharmakodynamische Interaktionen

Pharmakodynamische Interaktionen sind zu erwarten, wenn Pharmaka an einem Rezeptor oder Regelkreis synergistisch oder antagonistisch wirken. Einige Beispiele sind in der [Tabelle 1] angeführt [1] [2] [3] [4].

#

Pharmakokinetische Interaktionen

Pharmakokinetische Interaktionen treten auf allen Ebenen der Pharmakokinetik (Resorption, Verteilung, Metabolismus, Ausscheidung) auf. Nachfolgend werden nur metabolische Interaktionen angesprochen.

Arzneimittel werden in der Regel durch Cytochrom (CYP)-Enzyme in der Leber mittels Phase I-Reaktionen (Oxidation, Reduktion) metabolisiert. Einige Arzneimittel werden zusätzlich oder direkt mittels Phase II-Reaktionen (Konjugation mit z.B. Glukuronsäure) verstoffwechselt. Die CYP-Familie besteht aus zirka 30 Isoenzymen, von denen überwiegend die Enzyme CYP1A2, 2C9, 2C19, 2D6 und 3A3 für die Metabolisierung von Arzneimitteln verantwortlich sind. Werden zwei Arzneimittel vorwiegend über dasselbe CYP-Isoenzym metabolisiert, kann eine Wechselwirkung auftreten [5] [6]. In [Tabelle 2] sind wichtige Substrate der einzelnen Isoenzyme angeführt.

Eine Gruppe von Pharmaka, bei denen metabolische Interaktionen von Bedeutung sind, ist die Substanzklasse der PPI. So werden Omeprazol, Esomeprazol und Pantoprazol initial durch CYP2C19 und CYP3A4 verstoffwechselt, wobei Omeprazol und Esomeprazol allein durch CYP metabolisiert werden. Pantoprazol wird des Weiteren in einer Phase II-Reaktion zum Desmethylpantoprazolsulfat konjugiert [7]. Außerdem besitzt es eine deutlich geringere Affinität zum CYP450-System. Pantoprazol zeigt aus diesen Gründen im Gegensatz zu Omeprazol und Esomeprazol keine Arzneimittelinteraktionen auf metabolischer Ebene [8] [9] [10].

#

Fazit für die Praxis

In der Notfall- und Intensivmedizin ist die kombinierte Gabe von Arzneistoffen die Regel. Bei der gleichzeitigen Gabe mehrerer Medikamente kann sich der pharmakologische Effekt (Wirkung, Nebenwirkung) verändern. Pharmakodynamische Interaktionen sind bei Kenntnis der pharmakologischen Eigenschaften der Einzelsubstanzen abschätzbar. Pharmakokinetische Interaktionen können bei Kenntnis der Metabolisierungsdaten (beteiligte CYP-Enzyme) ebenfalls abgeschätzt werden. Stehen innerhalb einer Pharmakagruppe risikoarme Alternativen zur Verfügung, sollten diese in jedem Fall vorgezogen werden, um mögliche Interaktionen zu minimieren.

Tab. 1 Pharmakodynamische Interaktionen

Medikament

Kombipartner

Wirkung

Beta-Rezeptorantagonist

Kalziumkanalblocker

AV-Verlängerung

AV-Block

Trizyklische Antidepressiva (TCA)

Ketamin Sympathomimetika

RR-Erhöhung (Ketamin hemmt wieTCA die neuronale Wieder-aufnahme von Katecholaminen)

Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer

Pethidin

Pentazocin

Tramadol

Serotoninsyndrom (die Analgetika induzieren eine Serotoninfreisetzung)

Amiodaron

Makrolide, TCA, Haloperidol, Terfenadin, Tacrolimus

QT-Verlängerung, Gefahr von Kammerarrhythmien

Tab. 2 Biotransformation von Pharmaka und beteiligte CYP-Isoenzyme

Isoenzym

Substrate

CYP 1A2

Theophyllin, Verapamil

CYP 2C9

NSAR: Diclofenac, Ibuprofen, Celecoxib

Cumarinderivate: Warfarin, Phenprocoumon

Antidiabetika: Tolbutamid, Glipizid, Fluconazol, Fluvoxamin, Fluvastatin

CYP 2C19

PPI: Omeprazol, Lansoprazol, Esomeprazol, Pantoprazol + Phase II

Diazepam, Phenytoin, Fluvoxamin

CYP 2D6

Opiate: Codein, Tramadol (werden aktiviert)

β-Blocker: Metoprolol, Timolol, Carvedilol

Antidepressiva: Amitryptylin, Imipramin, Citalopram, Fluvoxamin

Neuroleptika: Haloperidol, Properidol

Antiarrythmika: Propafenon, Amiodaron (Inhibitor)

CYP 3A4

Benzodiazepine: Alprazolam, Midazolam, Diazepam, Triazolam

Antiarrythmika: Amiodaron

Ca-Antagonisten: Verapamil, Diltiazem, Nifedipin, Nitrendipin

Antiepileptika: Carbamazepin (zusätzlich Induktor!)

Statine: Lovastatin, Simvastatin, Atorvastatin

HIV-Proteasehemmer: Indinavir, Saquinavir, Ritonavir

Immunsuppressiva: Ciclosporin, Sirolimus, Tacrolimus

Makrolide: Erythromycin, Clarithromycin

Antimykotika: Ketoconazol, Itraconazol

Nahrungsmittel: Grapefruitsaft (Naringin)

Für weitere Details: http:/medicine.iupui.edu/flockhart/p450.pdf

#

Literatur

#

Anschrift des Verfassers

Prof. Dr. med. W. Beil

Institut für Pharmakologie

Medizinische Hochschule Hannover

Carl-Neuberg-Str. 1

30625 Hannover

#

Literatur

#

Anschrift des Verfassers

Prof. Dr. med. W. Beil

Institut für Pharmakologie

Medizinische Hochschule Hannover

Carl-Neuberg-Str. 1

30625 Hannover