Dtsch Med Wochenschr 2026; 151(03): 96-102
DOI: 10.1055/a-2611-2616
Dossier

Geriatrische Patienten auf der Intensivstation – mehr als nur Leitlinien

Geriatric patients in intensive care – more than just guidelines

Authors

  • Hans Jürgen Heppner

  • Haitham Hag

Geriatrische kritisch Kranke zeichnen sich, anders als junge Erwachsene, durch Multimorbidität, Frailty und eingeschränkte Organreserven aus. Das Outcome wird maßgeblich von der Funktionalität und den Komorbiditäten bestimmt. Unreflektierte Behandlungsentscheidungen können rasch zu einer Über- oder Untertherapie führen. Zukünftig wird in der Intensivmedizin die Erfassung des Frailty Status und dessen prognostische Bedeutung zunehmen.

Abstract

The proportion of patients over the age of 80 in intensive care is steadily increasing as a result of demographic change. According to recent European studies, around 10–15% of all intensive care patients belong to this age group. Age-related changes and increased susceptibility to complications highlight the importance of individually tailored, situation-specific intensive care for this patient group. This plays a decisive role in all treatment decisions, alongside multimorbidity and the risk of age discrimination. Modern intensive care for geriatric patients should be designed to pay increasing attention to frailty and functional parameters as markers for outcome.

Kernaussagen
  • Die Identifikation und Berücksichtigung von Frailty im intensivmedizinischen Alltag sind unerlässlich, um eine individuell angepasste, patientengerechte Behandlung zu ermöglichen.

  • Prognostische Unsicherheiten lassen sich durch strukturierte Instrumente wie das FRAIL-Modell reduzieren, wodurch inadäquate Therapieversuche vermieden und realistische Therapieziele definiert werden können.

  • Die Entscheidung für oder gegen eine intensivmedizinische Behandlung bei älteren Patienten sollte immer auf einer umfassenden individuellen Einschätzung basieren. Prognoseinstrumente können hierfür Hilfestellung geben, dürfen jedoch nie die alleinige Entscheidungsgrundlage darstellen.

  • Zentrale ethische Prinzipien wie Autonomie, Patientenwille, Lebensqualität und Würde müssen berücksichtigt werden. Dies ist und bleibt die ärztliche Aufgabe, Indikationen zur Therapie zu identifizieren, aber auch den Mut zu haben, das Therapieziel in der Intensivmedizin, bei Fehlen der Behandlungsvoraussetzungen, hin zur palliativen Begleitung zu ändern.

  • Multimorbidität stellt eine der größten Herausforderungen für die moderne Intensivmedizin dar. Sie erfordert ein hohes Maß an medizinischer Expertise, interdisziplinärer Zusammenarbeit und empathischer Kommunikation mit Patienten und Angehörigen.

  • Ziel muss es sein, individuelle Behandlungswege zu finden, die die bestmögliche Lebensqualität und ein realistisches Outcome ermöglichen. Nur so kann die Intensivmedizin den Bedürfnissen einer älter werdenden und zunehmend multimorbiden Gesellschaft gerecht werden.

  • Die Integration von Biomarkern in das CGA ist als vielversprechend zu bewerten. So könnten Biomarker dabei helfen, funktionelle Einschränkungen, Gebrechlichkeit und individuelle Risiken frühzeitiger und objektiver zu erkennen. Dies ist für die Entscheidungsfindung und die Festlegung von Prioritäten bei der Zuweisung von Ressourcen wertvoll.



Publication History

Article published online:
20 January 2026

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