Dtsch med Wochenschr 2005; 130(51/52): 2961-2966
DOI: 10.1055/s-2005-923336
Weihnachtsheft

© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Gott im Spiegel?

Zur Sichtbarkeit des Unsichtbaren in der antiken OptikGod in a mirror? About the visibility of the invisible in ancient perceptionA. Weissenrieder1
  • 1Theologische Fakultät, Universität Heidelberg
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Publication Date:
15 December 2005 (online)

Kunstwerke sind oft Stellvertreter von Abwesendem. Sie sind Fenster in eine andere Welt. Darin sind sie in einer Paradoxie gefangen: Kunstwerke zeichnen sich gleichzeitig durch sichtbare Oberfläche wie Form, Farbe oder Material aus und sind doch transparente Platzhalter. Der „beheizbare Spiegel“ des Künstlers Heimo Zobering ist ein solches Kunstwerk: Durch Wärmeempfindung macht der Spiegel den Betrachter physisch auf sich aufmerksam. Er signalisiert durch die Wärmeausstrahlung eine Abweichung gegenüber der normalen Funktion von Spiegeln und gegenüber der normalen Funktion vom „Blick in den Spiegel”. Durch seine Wärmefunktion in Form einer Heizschlange hinter dem Spiegelglas hat er eine Selbstreferentialität. Er kann durch Wärmeausstrahlung auf sich hinweisen. Und er signalisiert: Hier findet eine Begegnung zwischen dem Ich und dem Anderen statt und gleichsam ein Eintritt in eine andere Welt. Der Raum um den Spiegel wird ebenso erwärmt wie der Spiegel selbst. Das Spiegelbild immaterialisiert sich, wird gleichzeitig ungreifbar und doch sichtbar. Der Spiegel signalisiert darin die Sichtbarkeit des Unsichtbaren.

Viele erleben auch Weihnachten als vorübergehenden Eintritt in eine andere Welt. Es stimmt: Kein Weihnachtsfest ist besonders, wenn es nicht Eintritt in eine andere Welt ist. Aber kein Weihnachtsfest ist wahr, wenn es nicht den Einbruch einer anderen Welt in unseren Alltag erleben lässt. Wenn nicht etwas Fremdes nach uns greift. Das Neue Testament zeugt an vielen Stellen vom Erfassen dieses Fremden: der Sichtbarkeit des Unsichtbaren. Der Apostel Paulus greift zur Beschreibung dessen die Spiegelmetaphorik auf. Er beschreibt im 2. Korintherbrief die Offenbarung der wahren Herrlichkeit Gottes mittels eines Spiegels: „Wir alle aber blicken in einem Spiegel mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn und werden in dasselbe Bild verwandelt werden” (2. Kor 3,18).

Was mit dem Erfassen des Fremden, dem Bezug zwischen Spiegel und Gotteserkenntnis gemeint war, muss den ersten Adressaten und Tradenten unmittelbar verständlich gewesen sein. Heute ist es ein Rätsel. Fraglich ist zum einen die Sichtbarkeit der Herrlichkeit Gottes in einem Spiegel, wie auch die Frage, in welcher Weise Wahrnehmung vermittels eines Spiegels funktionierte. Eine Reihe von Exegeten vermuten daher, dass es sich in 2. Kor 3,18 nicht um einen gewöhnlichen Spiegel handelt, sondern „um einen wunderbaren Spiegel, in dem für den Propheten (…) das Unsichtbare sichtbar wird” [1]. Diese Antwort vermag kaum zu überzeugen.

Um dem biblischen Bild der Sichtbarkeit der Herrlichkeit Gottes näher zu kommen, wählen wir als Ausgangspunkt antike Optik und bringen sie mit antiken Abbildungen ins Gespräch. Grundlage ist die Wissenschaftsgeschichte der jüngeren Zeit, die die These begünstigte, dass Sehen ebenso wenig als anthropologisch-universelle Tätigkeit interpretiert werden kann wie Denken und Sprechen. Sehen kann vielmehr als eine historisch-kulturelle Praxis gedeutet werden, die in zahlreichen Varianten aufzutreten vermag [3]. Führt man diesen Gedanken weiter, dann ergibt sich, dass es Sehtheorien gibt, die bestimmte Praktiken und Techniken des Sehens ermöglichen. Das bezieht sowohl religiöse Rituale wie auch optische Geräte mit ein. Ganz besonders gilt dieser Gedanke möglicherweise für die Sehtheorien der antiken Welt [2].

Anmerkungen

  • 1 Kittel A. Art. Katoptri zw, ThWNT II. 1935: 693
  • 2 Simon G. Der Blick, das Sein und die Erscheinung in der antiken Optik,. München 1992
  • 3 Siegel R E. Galen on Sense Perception. His doctrines, observations and experiments on vision, hearing, smell, taste, touch and pain, and their historical sources, Basel/New York 1970;. vgl. zudem Weissenrieder A Der Blick in den Spiegel, in: Weissenrieder A/Wendt F/Von Gemünden P Picturing the New Testament. Studies in Ancient Visual Images (WUNT II/193), Tübingen 2005: 313-343
  • 4 Simon, Blick, 232
  • 5 Simon, Blick, 233
  • 6 Vgl. Borbein A H. Campanareliefs. Typologische und stilistische Untersuchungen (MDA Erg. H. 14), Heidelberg 1968; Balensiefen L. Die Bedeutung des Spiegelbildes als ikonographisches Motiv in der antiken Kunst,. Tübingen 1990
  • 7 Vgl. zu der grundgelegten ikonographischen Theorie Weissenrieder A/Wendt F Images as Communication. The Methods of Iconography, IV: Images as a construct of reality: Radical and Social Constructivism,. in: Picturing the New Testament, 3 - 52
  • 8 Borbein, Campanareliefs, 179 bestimmt die Campanareliefs aufgrund der streng symmetrischen Komposition und des eklektischen Stils als typisch römische Reliefs. 
  • 9 Beachtenswert ist, dass die Spiegelung des Hauptes der Medusa eigentlich ihren Hinterkopf darstellen müsste. Somit deutet die Spiegelung schon ein Bild im Bild an und damit eine artefizielle Reflektion der Geschichte. 
  • 10 Schefold K. Die Wände Pompejis. Topographisches Verzeichnis der Bildmotive 1957 (DAI 14), 33.51ff. und 81ff
  • 11 Zanker P. >Iste ego sum<. Der naive und der bewusste Narziß.  BJb. 1966;  166 152-170
  • 12 Ovid Met. III,416-419. (Übersetzung: Albrecht)
  • 13 Deleuze G. Logik des Sinns,. Frankfurt a.M 1993: 314
  • 14 Schefold, Malerei, 190. 
  • 15 Die Armhaltung ist Anlass vielfältiger Spekulationen in der Forschung. Eine größere Zahl an Forschern hält die auf dem Kopf ruhende Handhaltung für ein erotisches Moment. Wieseler F. Narcissos. Eine kunstmythologische Abhandlung nebst einem Anhang über die Narcissen und ihre Beziehung im Leben, Mythos und Cultus der Griechen, Göttingen 1856, 45 vergleicht die Haltung mit Liebeswonne. 
  • 16 Vgl. so schon Wieseler, Narcissos, 77-79. Vgl auch Hadot P., Le mythe de Narcisse et son interprétation par Plotin, Nouvelle Revue des Psychoanalyse 1973; 13: 82-84
  • 17 Als Hinweis auf die Abbildungen des Narziss können möglicherweise Belege bei Theodoret PG 82,397 und Chrysostomos gelesen werden: Wie das klare Wasser das Gesicht dessen widerspiegelt, der hineinschaut, so könne das reine Herz eine Art Spiegel für die göttliche Herrlichkeit werden. Chrysostomos PG 61,448 führt weiterhin aus: „[…] and not only do we behold the glory of God, but from it also receive a sort of splendor […] doth the soul being cleansed […] receive a ray from the glory of the Spirit and send it back.” Übersetzung NPNF XII, 314
  • 18 Goodenough E R. Jewish Symbols in the Greco-Roman Period XII: Summery and Conclusions (Bollingen Series 37),. New York 1965: 143
  • 19 Theißen G. Psychologische Aspekte paulinischer Theologie (FRLANT 131),. Göttingen 1983: 121f

Dr. A. Weissenrieder

Wissenschaftlich-Theologisches Seminar, Universität Heidelberg

Kisselgasse 1

69117 Heidelberg