Dtsch med Wochenschr 2005; 130(51/52): 2935-2936
DOI: 10.1055/s-2005-923330
Weihnachtsheft

© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Du bist Arzt in Deutschland

M. Middeke
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Publication Date:
15 December 2005 (online)

Im Rahmen der engagierten Medienkampagne „Du bist Deutschland” zur Stärkung des deutschen Selbstbewusstseins und zur Motivation der trägen Bundesbürger tritt auch ein Chirurg auf. Im OP stehend verkündet er durch seinen Mundschutz: „Bring die beste Leistung, zu der Du fähig bist!” Es ist nicht ganz klar, wen er damit ansprechen will: Meint er am Ende gar unsere Gesundheitspolitiker und Gesundheitspolitikerinnen? Die anderen Akteure, u. a. ein Fernsehmoderator, ein Bundesligaspieler oder ein Verleger, fordern z. B. „Gib nicht nur auf der Autobahn Gas”. Vielleicht sollten sich die Herren einmal anonym in ein deutsches Krankenhaus oder eine Kassenpraxis begeben, und verfolgen, wie hier von der großen Mehrzahl der deutschen Ärzte richtig Gas gegeben wird. Die längst real existierende Mehrklassen-Medizin wird allerdings verhindern, dass A-, B- oder auch C-Prominente bei uns mit den gemeinen Niederungen des deutschen Medizinalltags ernsthaft in Berührung kommen.

Viele Ärzte geben täglich so viel Gas, dass sie bereits an einem Erschöpfungssyndrom, an Depressionen, Schlafstörungen und anderen Stress-induzierten Erkrankungen leiden. Dabei ist die Verdrängung gesundheitlicher Gefährdung eine Besonderheit des Ärztestandes [5]. Das ist neben der sehr hohen Berufsehre ein wesentlicher Faktor dafür, warum die Ausbeutung der Ärzteschaft heute so leicht ist.

Ärztegesundheit ist ein seit langem vernachlässigtes Thema. Die Arbeitsbedingungen von Ärztinnen und Ärzten, insbesondere in der Klinik, sind in letzter Zeit mit Recht in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses gerückt, allerdings weniger aus Sorge um die Gesundheit der Ärzte als um die Qualität des öffentlichen Gesundheitswesens. Tatsächlich kann nicht mehr geleugnet werden, dass die überlangen Arbeitszeiten und die Überlastung der Ärzte ein Sicherheitsrisiko für die Patienten bedeuten [3] [4].

Obwohl sich die katastrophale Entwicklung der Arbeitsbedingungen in deutschen Krankenhäusern seit langem anbahnte und die gravierenden Probleme nun nicht mehr von der Hand zu weisen sind, gibt es aus dem deutschen Raum kaum Studien zum Thema Arbeitsbedingungen und Gesundheit von Ärztinnen und Ärzten. Eine Umfrage aus 1996 an 1704 Berliner Krankenhausärztinnen und -ärzten ergab, dass die Rahmenbedingungen der Arbeit offensichtlich eine wesentlich größere Belastung darstellen als die ärztliche Tätigkeit an sich [6]. An der Spitze der Arbeitsbelastungen standen:

zu hoher Verwaltungsaufwand Zeitknappheit und Zeitdruck geringe Aussichten auf Weiterbeschäftigung mangelnde Rückmeldung Überziehung der regulären täglichen Arbeitszeit

Man fragt sich, warum die Verwaltung ihren Kram eigentlich nicht selbst erledigt, wie in anderen Ländern und anderen Berufsbereichen. Immerhin sitzen in der Verwaltung ja auch die gesicherten Mitarbeiter. Am Universitätsklinikum Gießen haben 90 % der Mitarbeiter im Verwaltungsbereich eine Dauerstelle. Der Anteil sinkt über 75 % im Bereich Pflegedienst und medizinisch-technisches Personal bis auf 30 % (!) bei den Ärzten [1].

Das heißt, 2 von 3 Ärzten sitzen auf einem Schleudersitz, viele inzwischen mit Halbjahresverträgen. Gleichzeitig schenken die Ärzte dem Arbeitgeber Millionen unbezahlter Überstunden, alleine 85 000 im Monat an der Berliner Charité [2]. Gas geben lohnt sich zumindest nicht finanziell für den normalen Arzt. Des weiteren gibt es insbesondere in Universitätskliniken einen eklatanten Missbrauch von Forschungsmitteln, wenn Ärzte, die ausschließlich aus Forschungsgeldern bezahlt werden, zum Stationsdienst und zur Krankenversorgung herangezogen werden, um den Klinikbetrieb aufrecht zu erhalten.

Literatur

Prof. Dr. Martin Middeke

DMW Chefredaktion