Dtsch med Wochenschr 2005; 130(22): 1363
DOI: 10.1055/s-2005-868734
Editorial

© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Renaissance der Infektions- und Tropenkrankheiten

Renaissance of infectious and tropical diseasesE. C. Reisinger1
  • 1Abteilung für Tropenmedizin und Infektionskrankheiten, Klinik für Innere Medizin, Universität Rostock
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eingereicht: 12.5.2005

akzeptiert: 12.5.2005

Publication Date:
25 May 2005 (online)

Die erste Pestwelle traf Italien, aus Asien kommend, im Jahr 1347 und breitete sich von hier mit einer Geschwindigkeit von durchschnittlich 5 km pro Tag über Europa aus. In manchen Städten Mitteleuropas wurde die Bevölkerung um mehr als ein Drittel reduziert. Aber auch im 20. Jahrhundert haben die Seuchen nichts von ihrem Schrecken verloren. Die Spanische Grippe raffte im Winter 1918/1919 mehr als 30 Millionen Menschen hinweg. Nie zuvor und nie danach hatten Kriege in nur einem Jahr so viele Menschenopfer gefordert. 1980 wurde uns mit dem Auftreten von AIDS in Erinnerung gerufen, dass Pandemien auch heute allgegenwärtig sind. Seitdem wurden zahlreiche weitere große Epidemien und Pandemien registriert. Die 7. Cholera-Pandemie erreichte 1993 Südamerika, 1994 rief das Sin Nombre Virus eine pulmonale Hantavirus-Epidemie im Südosten der USA hervor, 1995 trat eine Ebola-Virus-Epidemie in Kikwit, Demokratische Republik Kongo, auf. 2003 hielt SARS die Welt in Atem und 2004 die drohende Pandemie durch die Hühnergrippe.

Diesen Ereignissen stehen große Erfolge in der Bekämpfung der Infektionskrankheiten gegenüber. 22 von 92 Medizin-Nobelpreisen wurden im letzten Jahrhundert für die Erforschung von Infektionskrankheiten und Infektionserregern vergeben, unter anderem an deutsche Wissenschaftler wie Emil von Behring (1901, Diphtherie-Antiserum), Robert Koch (1905, Mycobacterium tuberculosis), Paul Ehrlich (1908, Immunisierung) und Gerhard Domagk (1939, Prontosil). Auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse und mit globalen logistischen Anstrengungen ist es gelungen, die Pocken auszurotten und die Poliomyelitis vom amerikanischen Kontinent zu verdrängen. Gleichzeitig wurden aber in den letzten Jahren viele neue Krankheitserreger entdeckt (z. B. Legionella, Ehrlichien, HIV, Lassa-, Ebola-, Marburg- und Hepatitis-C-Viren, SARS, Vogelgrippe und viele andere). Altbekannte Erkrankungen wurden als Infektionskrankheiten entlarvt (Creuzfeldt-Jakob-Erkrankung/Prionen, Magenkarzinom/Helicobacter pylori, Lyme-Erkrankung/Borrelia burgdorferi, Morbus Whipple/Tropheryma whippeli), und mit neuen Resistenzmechanismen finden wir auch alte Erreger im neuen Gewand, die sich weltweit ausbreiten: Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA), Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE), Extended-Spectrum-Beta-Laktamase (ESBL) bildende Keime, Multidrug-resistente Mykobakterien.

Um der Bedeutung der Infektionskrankheiten und der Tropenmedizin in Deutschland Rechnung zu tragen, wurde kürzlich die ärztliche Aus-, Fort- und Weiterbildung im Bereich der Tropenmedizin, Reisemedizin und Infektionskrankheiten neu strukturiert. Das 32-stündige Curriculum „Reisemedizinische Gesundheitsberatung” der Deutschen Gesellschaft für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit e. V. wurde von der Bundesärztekammer in den Katalog der curriculären Fortbildungen aufgenommen und die „Tropenmedizin” wurde in der neuen Ärzteapprobationsordnung 2002 als Pflichtwahlfach verankert. Der Querschnittsbereich „Infektiologie und Immunologie” wurde durch die neue Ärzteapprobationsordnung eingeführt und die Infektiologie wurde als Zusatzweiterbildung am Deutschen Ärztetag 2003 in Köln beschlossen.

Während zur Entwicklung eines Antibiotikums bis zur Marktreife Jahrzehnte vergehen, kann die Natur aus einem schier unerschöpflichen Reservoir an Möglichkeiten mit einer einzigen Mutation Resistenzen hervorbringen. Wir können daher im Kampf gegen Mikroorganismen nur erfolgreich sein, wenn Ärzte, Naturwissenschaftler, Pharmazeuten und Pharmaindustrie eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten. Diesem Gedanken verpflichtet sich der 8. Kongress für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin vom 9. bis 11. Juni 2005 in Hamburg.

Prof. Dr. E. C. Reisinger

Abteilung für Tropenmedizin und Infektionskrankheiten, Klinik für Innere Medizin der Universität Rostock

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18057 Rostock

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Fax: 0381/4947509

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