Dtsch med Wochenschr 2004; 129(1/2): 23-24
DOI: 10.1055/s-2004-812655
Kurze Mitteilungen
Gastroenterologie / Onkologie
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Erblicher Darmkrebs

Vernetzung eines spezialisierten Zentrums mit Allgemeinmedizinpraxen[1] Hereditary colorectal cancerHuman genetics meets primary careE. Kunstmann1 , H. Rusche2
  • 1Zentrum Familiärer Darmkrebs Bochum (Zentrumssprecher: Prof. Dr. W. Schmiegel), Humangenetik Ruhr-Universität Bochum (Leiter: Prof. Dr. J. T. Epplen)
  • 2Lehrbereich Allgemeinmedizin Ruhr-Universität, Bochum (Leiter: Prof. Dr. H. Rusche)
Further Information

Publication History

eingereicht: 18.6.2003

akzeptiert: 10.9.2003

Publication Date:
02 January 2004 (online)

Das nicht polypöse kolorektale Karzinom (HNPCC) umfasst circa 5 % aller Kolonkarzinome und ist charakterisiert durch eine vermehrte Tumorinzidenz im Bereich des Kolons, Endometriums, des Dünndarms, der Ovarien und ableitenden Harnwege. Ursächlich ist eine Keimbahnmutation in einem DNA-Reparaturgen; meist ist das MLH1-, MSH2- oder MSH6-Gen betroffen [3]. HNPCC wird autosomal dominant vererbt, d. h. Kinder Betroffener haben ein 50 %iges Risiko, ebenfalls diese Anlage geerbt zu haben. Kommt es zur Inaktivierung der zweiten, vormals intakten Genkopie in einer Zelle, so entsteht genomische Instabilität, die durch Akkumulation weiterer Mutationen zu einer verkürzten Adenom-Karzinom-Sequenz führt [1].

Klinisch kann das HNPCC-Syndrom anhand der Amsterdam I- und II-Kriterien diagnostiziert werden. Erfüllt ein Patient die Bethesda-Kriterien, wird Verdacht auf HNPCC geäußert, der durch den Nachweis genomischer Instabilität im Tumorgewebe erhärtet werden muss (Tab. [1]).

Tab 1 Klinische Diagnostik-Kriterien des HNPCC-Syndroms. Amsterdam I- und II-Kriterien Drei erstgradig verwandte Familienangehörige mit kolorektalem oder HNPCC-assoziiertem Karzinom (Endometrium, Dünndarm, Ureter, Nierenbecken) Mindestens 2 Generationen betroffen Mindestens 1 Betroffener vor dem 50. Lebensjahr diagnostiziert (alle 3 Kriterien müssen erfüllt sein) Bethesda-Kriterien Amsterdam-Kriterien mindestens 2 kolorektale oder HNPCC-asso- ziierte Tumoren (synchron, metachron) Person mit kolorektalem Karzinom und erst- gradigem Angehörigem mit kolorektalem oder HNPCC-assoziiertem Karzinom < 45 Jahren oder Adenom < 40 Jahre Kolon- oder Endometriumkarzinom < 45 Jahre undifferenziertes rechtsseitiges Kolonkarzinom < 45 Jahre Kolonkarzinom vom Siegelringzelltyp < 45 Jahre Adenom des Kolons oder Rektums < 40 Jahre (mindestens 1 Kriterium muss erfüllt sein)

Aufgrund der raschen Tumorentstehung muss Betroffenen und deren Familienangehörigen ein engmaschiges Vorsorgeprogramm (Tab. [2]) empfohlen werden. Durch konsequente Vorsorge wird die Prognose von HNPCC-Anlageträgern deutlich verbessert [2]. Kann beim Indexpatienten die ursächliche Keimbahnmutation nachgewiesen werden, so können sich weitere Familienmitglieder untersuchen lassen, ob sie die Mutation ebenfalls geerbt haben. Ist die familientypische Mutation ausgeschlossen, sind die HNPCC-Vorsorgeuntersuchungen nicht notwendig.

Tab. 2 Empfohlene Vorsorgeuntersuchungen für Anlageträger und Risikopersonen mit hereditärem kolorektalem Karzinom 4. Untersuchung Frequenz Körperliche Untersuchung jährlich Abdomensonographie jährlich Komplette Koloskopie jährlich Gynäkologische Untersuchung einschließlich transvaginaler Sonographie jährlich Urinzytologie jährlich Ösophago-Gastro-Duodenoskopie (bei familiär gehäuften Magen- karzinomen) jährlich Vorsorgeuntersuchungen lebenslang, ab dem 25. Lebensjahr (bzw. 5 Jahre vor dem Erstmanifestationsalter in der Familie) empfohlen

1 Diese Arbeit wurde von der Deutschen Krebshilfe gefördert.