Dtsch med Wochenschr 2016; 141(10): e96-e103
DOI: 10.1055/s-0042-101467
Fachwissen
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Überdiagnostik mit Bildgebung bei Rückenschmerzen

Qualitätssicherung mittels GKV-RoutinedatenQuality Assurance using routine data: Overdiagnosis by radiological imaging for back pain
R. Linder*
1  Wissenschaftliches Institut der TK für Nutzen und Effizienz im Gesundheitswesen, Hamburg
,
D. Horenkamp-Sonntag*
1  Wissenschaftliches Institut der TK für Nutzen und Effizienz im Gesundheitswesen, Hamburg
,
S. Engel
1  Wissenschaftliches Institut der TK für Nutzen und Effizienz im Gesundheitswesen, Hamburg
,
U. Schneider
1  Wissenschaftliches Institut der TK für Nutzen und Effizienz im Gesundheitswesen, Hamburg
,
F. Verheyen
1  Wissenschaftliches Institut der TK für Nutzen und Effizienz im Gesundheitswesen, Hamburg
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Publication Date:
13 May 2016 (online)

Zusammenfassung

Hintergrund | Bei akuten nicht-spezifischen Rückenschmerzen sind die Beschwerden üblicherweise selbst begrenzend. Nur bei klinischem Verdacht auf einen gefährlichen Verlauf sollte gemäß Nationaler Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz sofort eine bildgebende Diagnostik erfolgen. Ansonsten gilt es, mindestens 6 Wochen abzuwarten.

Patienten und Methodik | Mit Routinedaten der gesetzlichen Techniker Krankenkasse wurde analysiert, bei wie vielen Versicherten, die erstmalig akute Rückenschmerzen hatten und bei denen kein Hinweis auf einen gefährlichen Verlauf vorlag, eine nicht indizierte Bildgebungsdiagnostik erfolgte.

Ergebnisse | Bei ca. 10 % der Fälle erfolgte nach Diagnosestellung eine radiologische Bildgebungsdiagnostik. Wenn eine Bildgebung durchgeführt wurde, fand sie in einem Drittel der Fälle zu früh statt oder war gänzlich unnötig. Da es sich methodisch um eine sehr konservative Schätzung handelt, steht zu vermuten, dass in der Versorgungsrealität das Ausmaß der Überdiagnostik größer ist.

Folgerungen | Bei jedem Dritten, der wegen erstmalig aufgetretener akuter nicht-spezifischer Rückenschmerzen eine radiologische Diagnostik erhält, wird die sechswöchige Wartezeit nicht eingehalten. Hochgerechnet auf die gesetzliche Krankenversicherung sind jährlich 48 957 Versicherte betroffen. Überdiagnostik ist nicht nur ökonomisch problematisch, sondern hinsichtlich Patientenorientierung und -sicherheit kann sie dem Patienten auch erheblichen Schaden zufügen – entweder durch die Diagnostik selbst oder durch die Diagnostik ausgelöste Therapieformen.

Abstract

Background and Problem: Acute nonspecific back pain disorders are typically self-limiting. According to the national guideline low back pain, only in case of clinical suspicion of a serious course radiological imaging should take place immediately. Otherwise, the guideline recommends waiting at least six weeks.

Patients and Methodology: Using Statutory Health Insurance (SHI) routine data of the Techniker Krankenkasse we analyzed how many of the insured persons suffering from acute back pain for the first time with no indication of a serious outcome received a non-indicated diagnostic imaging.

Results: In about 10 % diagnostic imaging is conducted after initial diagnosis. If an imaging is carried out, roughly one third of these cases takes place ahead of time or is completely unnecessary. Methodically this is a very conservative estimation, thus it seems likely that the extent of overdiagnosis in actual medical care situation is even larger.

Conclusions: Every third patient who received radiological diagnostics due to first acute nonspecific back pain underwent the procedure more quickly than recommended (less than six weeks). Overdiagnosis is not only economically problematic but also with respect to patient orientation and patient safety. It may cause substantial damage to patients – either by the use of diagnostics itself or by means of therapies initiated after diagnostics.

* geteilte Erstautorenschaft


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