Psychother Psych Med 2016; 66(06): 221-226
DOI: 10.1055/s-0042-101414
Aktuelle psychosomatische und psychotherapeutische Behandlungsansätze
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Der „allgemeine Eindruck (Impression Formation)“ in der Diagnostik und Therapie psychischer Störungen

Impression Formation in the Diagnosis and Treatment of Mental DisordersMichael Linden1, Tina Dymke1, Susanne Hüttner1, Sabine Schnaubelt2
  • 1Forschungsgruppe Psychosomatische Rehabilitation, Charité Universitätsmedizin Berlin
  • 2Rehazentrum Seehof der DRV-Bund, Abteilung für psychische und psychosomatische Erkrankungen, Teltow/Berlin
Further Information

Publication History

eingereicht 13 September 2015

akzeptiert 20 January 2016

Publication Date:
10 June 2016 (online)

Zusammenfassung

Bei der Abfassung des psychopathologischen Befundes ist noch vor der Beurteilung von Mnestik, Affekt oder Antrieb der „allgemeine Eindruck“ zu beschreiben. Während es im klinischen Kontext kaum empirische Untersuchungen dazu gibt, findet man in der Allgemeinpsychologie eine Reihe von Befunden zu diesem Thema unter dem Stichwort „Impression Formation (Eindrucksbildung)“. Es konnte gezeigt werden, dass Menschen auf der Basis der äußeren Erscheinung, d. h. Kleidung, Statur, Geruch, Mimik oder Gestik, weitreichende Urteile über andere Personen fällen. Die Impression Formation wirkt sich damit unmittelbar auf die soziale Interaktion aus. Bei psychischen Erkrankungen, die zu einer auffälligen Impression Formation führen können, entscheidet dies wesentlich mit über die Krankheitsfolgen. Da der erste Eindruck eine emotionale Reaktion ist, kann er mit Adjektivlisten, wie bspw. dem „bipolaren MED-Rating“ erfasst werden. Derartige Instrumente ermöglichen in der klinischen Praxis Patienten und Therapeuten eine Beschreibung des allgemeinen Eindrucks, um daran anknüpfend ein Problembewußtsein und Therapieansätze erarbeiten zu können. Derartige Therapien können in der Ergotherapie durchgeführt werden. Eigene Erfahrungen in einer Gruppe „Ausstrahlung und Wirkung“ zeigen, dass der erste Eindruck interindividuell sehr einheitlich wahrgenommen wird, dass Fremd- und Selbsteinschätzung im Wesentlichen übereinstimmen und dass durch therapeutische Interventionen eine Veränderung des ersten Eindrucks in Richtung einer geringeren Auffälligkeit ermöglicht wird.

Abstact

The first item of any psychopathological assessment is “general impression”. There is some research under the heading of “impression formation” which shows that the outer appearance of a person decides about how a person is perceived by others and how others react. Impression formation is an important factor in social interaction. This is of special importance in mental disorders, which may express themselves in a distorted impression formation. As impression formation is by and large an emotional process, measurement can be done by adjective lists. An example is the bipolar MED rating scale. Such lists can be used in therapy to help patients and therapists to understand the problem and initiate modifications. A special group intervention in occupational therapy is described. Results suggest that impression formation is quite objective, that self- and observer judgments coincide and that therapy can help to adopt a less irritating outer appearance.