Z Sex-Forsch 2012; 25(1): 26-48
DOI: 10.1055/s-0031-1283940
Originalarbeit

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart ˙ New York

Körper- und Geschlechtserleben bei Personen mit kompletter Androgeninsensitivität[1]

Franziska Brunner, Caroline Prochnow, Katinka Schweizer, Hertha Richter-Appelt
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Publication Date:
16 March 2012 (online)

Übersicht:

Körper und Geschlecht werden nur selten getrennt voneinander betrachtet. Aus einem weiblichen Körper soll ein Geschlechtserleben als Frau resultieren, aus einem männlichen Körper ein Erleben als Mann. Dass in der Natur neben eindeutig weiblichen oder männlichen Körpern eine Vielzahl von andersartigen körperlichen (somatosexuellen) Entwicklungen, die als Intersexualität oder Störung der Geschlechtsentwicklung (engl.: Disorder of Sex Development, DSD) bezeichnet werden, vorkommen, wird hierbei außer Acht gelassen. Es herrscht auch kein Konsens darüber, welches Geschlechtserleben bei einem nicht eindeutig weiblichen oder männlichen Körper zu erwarten wäre. Ziel dieses Beitrages ist es, das Körper- und Geschlechtserleben von Personen mit komplettem Androgeninsensitivitätssyndrom (CAIS), einer Form von Intersexualität bei 46,XY Karyotyp und weiblichem Phänotyp, näher zu betrachten. Neben einem Überblick über den aktuellen Forschungsstand werden Ergebnisse der Hamburger Studie zur Intersexualität zu 13 Personen mit CAIS dargestellt. Hinsichtlich des Körper- und Geschlechtserlebens wird berichtet, in welchen Bereichen sich die Studienteilnehmenden von anderen Frauen unterscheiden. Diskutiert wird, welche Faktoren für eine Unzufriedenheit mit dem Körper ausschlaggebend sein könnten. In zukünftigen Studien sollte untersucht werden, ob ein Leben in einer anderen als der weiblichen Geschlechtsrolle bei bestimmten Individuen mit CAIS zu einer höheren Zufriedenheit führen würde. 

1 Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine modifizierte Version eines Buchkapitels aus „Intersexualität kontrovers: Grundlagen, Erfahrungen, Positionen“ (Schweizer und Richter-Appelt, Psychosozial Verlag 2012).