Dtsch Med Wochenschr 1913; 39(20): 934-936
DOI: 10.1055/s-0028-1128406
© Georg Thieme Verlag, Stuttgart

Die erweiterte Operation der malignen Oberkiefertumoren

F. Kuhn - Direktor des Hospitals
  • Aus dem Norbert-Hospital Berlin-Schöneberg, Hauptstraße
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Publikationsdatum:
26. Mai 2009 (online)

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Zusammenfassung

Nach unserer Ansicht ist ein Fortschritt auf diesem genannten Gebiete der Oberkieferresektionen nach drei Richtungen zu erstreben.1. Es ist vor allem eine möglichste Vermeidung von Voroperationen anzustreben und eine Zerstörung von Nachbarorganen und solchen Teilen, die dem eigentlichen Operationsgebiet fernliegen, deren Erhaltung aber sowohl kosmetisch, mehr aber noch funktionell für die Nachbehandlung wertvoll ist. Als solche Teile kommen vor allem in Betracht das Fazialisgebiet mit Rücksicht auf das Auge (Lagophthalmus), ferner auf den Schluckakt, ferner auch für den leichteren Ent-schluß zu ausgedehnten Frühoperationen (denn es begreift sich leicht, daß auch für einen Kranken der Entschluß zu einer Operation leichter ist, wenn die großen, entstellenden Gesichtsnarben wegfallen). Für das Auge sind die Gefahren der Operation erheblich; ist es doch schon häufig durch den Wegfall der unteren Wand der Augenhöhle in seiner Lage bedroht. Mehr aber kommt es in Gefahr durch größere Verletzung der Fazialisäste und die Störung der Sensibilität durch Schädigung des N. infraorbitalis. Auf diese Weise kommt es bekanntlich leicht zu Conjunctivitis, Chemosis und Korneal-geschwüren.

2. Natürlich muß bei aller Schonung der Gesichts weichteile die Radikalität des Eingriffes eher wachsen als geringer sein. Nur soll dieses radikale Eingreifen mehr die kranken Gebiete betreffen als die gesunden. (Es versteht sich, daß wir nur in Fällen von Früh Operationen darauf bestehen, die Weichteile des Gesichtes zu schonen. Wo es im Interesse der Gründlichkeit nötig ist, werden auch wir uns bemühen, breite Zugänge zu dem Operationsterrain zu schaffen.) Um solches zu erreichen, ist es unumgänglich, daß sich bei der Operation der zur Wegnahme kommende Oberkieferknochen frei und bequem ohne Rücksicht auf Atmung, Schluckakt und Narkose dem Operateur darbieten kann, wie ein zur Amputation bereitgestellter Teil einer Extremität, und daß der Operateur nach dessen Entfernung ungestört, beliebige Zeit, Ruhe und Muße hat, sich in die Einzelheiten der Tiefe des Wundfeldes zu vertiefen und dabei zu verweilen und wegzunehmen, so weit und so breit er es nötig findet.

„selbstverständlich gebietet em Hineinwachsen der Geschwulst in das Gehirn, die Operation zu beenden. Anderweitige Rücksichten habe ich bei meinen Operationen nicht anerkannt. Wer das entsetzliche Ende von Menschen, welche ohne Operation an Oberkieferkrebs starben, beobachtet hat, der versteht diese meine Anschauung; er wird zugeben müssen, daß Menschen, welche eine soweit vorgeschrittene Erkrankung haben, auch mit einem Minimum von Genesungshoffnung die Gefahr, an der Operation zu sterben, auf sich nehmen müssen. Der Operateur wird nur dann etwas erreichen, wenn er die aus solcher Anschauung erwachsende Energie hat.”

3. Versorgung der Luftwege und Narkose. Daß bei der Erfüllung der beiden genannten Forderungen die Sorge für eine tunlichst ruhige Narkose einerseits, anderseits für die Ausschaltung der Luftwege ohne Trachéotomie selbstverständliche Voraussetzungen sind, braucht Verfasser mit Rücksicht auf seine anderen Arbeiten nicht besonders zu betonen. Nur in einer automatisch garantierten Ausschaltung der ganzen Mundhöhle und der tieferen Luftwege bei feinster Bedienung der Atmung und des Narkoticums liegt die Gewährleistung für die Erfüllung all der obigen Forderungen.

Der Nutzen der per oralen Intubation dürfte auf keinem Gebiete mehr anerkannt sein als auf dem Gebiete der Wegnahme des Oberkiefers.

Neben ihr kann es mehr oder minder dem Ermessen des Operateurs anheimgestellt bleiben, ob er neben der Intubation noch eine präventive Unterbindung der Carotis vorausschicken will. Bekanntlich hat es sich empfohlen, diese Unterbindung nach Wie ting1) zwischen Thyreoidea und Lingualis zu machen, damit nicht eine Thrombosierung des Stammes der Carotis communis eintritt.