Zusammenfassung
Zwischen 1947 und 1969 wurden 303 Gutachten in Interruptioverfahren erstattet. 45,2%
der Anträge wurden befürwortet, 53,4% abgelehnt. Neurologische Leiden lagen in 10%
der Fälle vor. 79% der Frauen boten psychische Störungen, unter denen wiederum mit
89% reaktive Depressionen bei weitem überwogen. Endogene Psychosen stellten nur eine
Randgruppe dar. Bei den reaktiv depressiven Frauen ließen sich jüngere Ledige in der
ersten Schwangerschaft mit Umweltkonflikten und höherer Bereitschaft, Suizidabsichten
zu äußern, von älteren Verheirateten mit einem oder mehreren Kindern, dem Gefühl drohender
Leistungsinsuffizienz entspringender Zukunftsangst und Zurückhaltung in der Formulierung
von Selbstmordgedanken als zwei typische Gruppen abgrenzen. Die Häufigkeit vorangegangener
Suizidversuche und der Anteil abnormer Persönlichkeitsstrukturen waren in beiden Gruppen
gleich hoch. Die untersuchte Gruppe stellt sich eindeutig als suizidgefährdete Risikogruppe
dar. Beim Zusammentreffen abnormer Persönlichkeitszüge, früherer Selbstmordversuche
und familiärer wie sozialer Konflikte mit aktuellen Suizidimpulsen und einer vitalisierten
Depressivität muß vom Gutachter auch die reaktive Depression als wesentliches Kriterium
einer befürwortenden Entscheidung gewertet werden. Es kann nicht Aufgabe des psychiatrischen
Gutachters sein, dort Pseudobegründungen zu finden, wo die Indikationskataloge somatischer
Fächer nicht ausreichen, um auf diese Weise verkappte eugenische oder soziale Indikationen
wirksam werden zu lassen.
Summary
303 psychiatric opinions were given between 1947 and 1969 regarding the termination
of pregnancy. 45,2% of the applications were supported, 53,4% were rejected. In 10%
of the cases neurological disorders were present. 79% of the women had psychiatric
disorders among which reactive depressions had a definite majority of 89%. Endogenous
psychoses only represented a marginal group. Among the reactive depressive group young
unmarried women in their first pregnancy with environmental conflicts and an increased
readiness to express suicidal tendencies could be separated from a second group of
older married women with one or more children, with fear of the future resulting from
the feeling of an imminent inability to cope, and restraint in the formulation of
suicidal thoughts. The frequency of preceding suicidal attempts and the percentage
of abnormal personalities were equally high in both groups. The investigated group
must clearly be considered to be a suicide-endangered high risk group. If abnormal
personality traits, preceding suicide attempts, family and social conflicts with existing
suicidal tendencies, and a reactivated state of depression occur together a reactive
depression must also be considered an important criterium for a supportive attitude.