Sprache · Stimme · Gehör 2018; 42(04): 201-207
DOI: 10.1055/a-0659-6418
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Medienunterstütztes Narrationstraining mit kontextreichen Fotos: Erprobung eines innovativen Ansatzes in der Aphasietherapie

Feasibility of an Innovative Narrative Intervention in Aphasia Using High-context Photographs and Easily Available Technologies
Vera Leusch
1  Klinik für Neurologie, Uniklinik RWTH Aachen
,
Katja Hußmann
1  Klinik für Neurologie, Uniklinik RWTH Aachen
,
Stefan Heim
2  Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Medizinische Fakultät, RWTH Aachen; Klinik für Neurologie, Medizinische Fakultät, RWTH Aachen; Institut für Neurowissenschaften und Medizin (INM-1), Forschungszentrum Jülich
,
Cornelius Johannes Werner
3  Sektion Interdisziplinäre Geriatrie, Klinik für Neurologie, Uniklinik RWTH Aachen
,
Kerstin Ingrid Schattka
1  Klinik für Neurologie, Uniklinik RWTH Aachen
› Author Affiliations
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Publication History

Publication Date:
14 December 2018 (online)

Zusammenfassung

Hintergrund In der autobiografischen Narration, dem Erzählen über sich selbst, kann Identitätsarbeit gelingen. Personen mit Aphasie (PMA) benötigen aufgrund der hohen linguistischen Komplexität Unterstützungsmaßnahmen innerhalb von narrativen Texten, die Narration im sozialen Austausch erleichtern bzw. ermöglichen.

Methode In einem ersten Pilotprojekt im Rahmen einer Masterarbeit wurde eine narrativ ausgerichtete Intervention konzipiert und erprobt, in der PMA in Erzählsituationen über persönlich relevante Themen sog. Visual-Scene-Displays (VSD) mit kontextreichen Fotos am Smartphone einsetzen. Die Machbarkeit der Intervention wurde mit 2 PMA erprobt und der Mehrwert des Medieneinsatzes u. a. für den kommunikativen Austausch zwischen PMA und Gesprächspartnern anhand einer qualitativen und quantitativen Gesprächsanalyse untersucht.

Ergebnisse Zwischen den Bedingungen mit vs. ohne VSD-Dateien-Nutzung zeigten sich vielfältige Unterschiede im Gesprächsverhalten, sowohl bei den PMA als auch ihren KommunikationspartnerInnen (KP). Beide Patienten initiierten bis zu 18 % mehr Äußerungen und mussten bis zu 18 % weniger auf Fragen antworten. Sie erlebten die Kommunikation subjektiv als positiver. Die KP stellten bis zu 40 % weniger Verständnisfragen. Sie kommentierten dafür bis zu 19 % mehr und gaben bis zu 18 % mehr positive Bestätigung. Das Verständnis i. S.v. „content units“ war erhöht. Auch die KP waren mit der Kommunikation subjektiv zufriedener.

Diskussion Die Studie liefert damit einen neuen Ansatz zur logopädischen Versorgung bei Aphasie mit einer personenzentrierten und ressourcenorientierten Ausrichtung. Erste Ergebnisse bestätigen die Machbarkeit der Intervention sowie verschiedene positive Auswirkungen des hier beschriebenen Medieneinsatzes auf den kommunikativen Austausch über persönliche Themen. Eine Replikation mit größeren Stichproben ist notwendig.

Abstract

Background Autobiographical narration can help patients to (re-)form their identity. People with aphasia (PWA) have specific needs in terms of support for their narrative abilities resulting from their language and communication impairments.

Method This pilot study with 2 PWA investigates the use of visual screen displays (VSDs) to support autobiographical narration with contextually rich photos. Qualitative and quantitative parameters were obtained from face-to-face communications with familiar and unfamiliar communication partners in settings with and without VSDs.

Results The use of VSDs led to increased self-initiated utterances and there was less response-to-questions behaviour by the PWA. The communication partners also had to ask fewer questions in order to understand the PWA. Instead, there were increased positive comments and feedback. There was also an increase in the number of successfully conveyed information units. For both PWA and communication partners, attitude towards the situation was more positive when VSDs were used.

Discussion These first pilot data indicate the usefulness of including VSDs in aphasia therapy. The data must be considered preliminary and need to be corroborated in studies with larger samples.