Notfall & Hausarztmedizin 2007; 33(8/09): 444
DOI: 10.1055/s-2007-990769
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Interview mit Professor Dr. Christel Hülße - Pertussis-Impfung: Für alle Erwachsenen empfohlen

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Publication Date:
01 October 2007 (online)

 
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Pertussis bei Erwachsenen ist weder selten noch harmlos. Sowohl Erkrankung als auch Impfung bieten keinen lebenslangen Schutz. Wir befragten Frau Prof. Dr. Christel Hülße, Impfexpertin und Koautorin der Krefeld Rostocker Erwachsenen Studie zur Hustengenese (KRESH) [1] zu den bemerkenswerten Studienergebnissen. Sie erläutert, warum Pertussis-Auffrischimpfungen im Erwachsenenalter so wichtig sind.

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Christel Hülße

? Gibt es epidemiologische Hinweise auf eine hohe Inzidenz von Pertussis bei Erwachsenen?

Prof. Hülße: Bis vor kurzem gab es für Deutschland keine gesicherten Daten zur Inzidenz von Pertussis bei Erwachsenen. Um Klarheit zu schaffen, wurde daher eine prospektive Sentinel-Studie (KRESH) bei zirka 1 000 Patienten durchgeführt. Die Patienten waren über 18 Jahre alt und husteten länger als sieben Tage. Ausgeschlossen waren Patienten mit chronischen Krankheiten der Atemwege.

Laboruntersuchungen und eine anamnestische Befragung der Patienten haben ergeben, dass jeder zehnte Patient mit lang anhaltendem Husten unter Pertussis litt. Hochgerechnet auf Deutschland bedeutet dies: Jedes Jahr erkranken hierzulande mehr als 110 000 Menschen im Erwachsenenalter neu an Pertussis.

? Pertussis ist also nicht nur eine "Kinderkrankheit". Was bedeutet die Zunahme der Erkrankungsfälle im Jugend- und Erwachsenenalter? Wird diese Entwicklung bisher unterschätzt?

Prof. Hülße: Sie wird ganz klar unterschätzt. Eine Infektion mit Bordetella pertussis gehört zu einer der Hauptursachen für lang anhaltenden Husten und kommt unter Erwachsenen häufiger vor als bisher allgemein angenommen. Man beachte, dass inzwischen schon 70% der gemeldeten, an Pertussis Erkrankten 15 Jahre und älter sind.

Wegen des bei Erwachsenen häufig atypischen Krankheitsverlaufs und der unterschätzten Inzidenz, wird die Diagnose Pertussis vielfach erst nach wochen- oder gar monatelanger erfolgloser Behandlung gestellt.

? Wie sieht ein atypischer Krankheitsverlauf bei Erwachsenen aus?

Prof. Hülße: Erwachsene schildern Symptome, ähnlich denen grippaler Infekte und beklagen lang anhaltenden belastenden persistierenden Husten. Im Mittel quält der Husten diese Patienten etwa sieben bis acht Wochen lang. Meinen Kollegen rate ich daher, betroffene Personen, die in die Praxis kommen und schon länger anhaltenden Husten haben, auf Pertussis zu untersuchen.

? Müssen erkrankte Erwachsene mit ähnlich schweren Folgen rechnen wie noch ungeschützte Säuglinge?

Prof. Hülße: Erwachsene sind weniger durch schwerwiegende und lebensbedrohliche Komplikationen gefährdet als Säuglinge. Studienergebnisse haben jedoch gezeigt, dass jeder zweite an Pertussis erkrankte Erwachsene über Husten mit Würgereiz klagt, jeder vierte Patient sich übergeben muss und Betroffene gelegentlich auch von Atemnot berichten.

Eine Pertussiserkrankung hat daher zur Folge, dass Patienten deutlich in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt sind und auch an Gewicht verlieren können. Schwere Komplikationen, wie Otitis Media und Pneumonien, treten in 25-30% der Fälle auf.

? Steigt die Komplikationsrate mit zunehmendem Alter?

Prof. Hülße: Bei Patienten über 50 Jahre muss bei fast jedem Zweiten mit Komplikationen gerechnet werden. Aber nicht nur Ältere leiden unter Komplikationen. Ähnlich unerfreulich stellt sich die Situation auch bei chronisch kranken Menschen, mit Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, dar. Sie gehören neben den älteren Patienten ebenfalls zur Gruppe der Risikopatienten mit erhöhten Komplikationsraten, bei denen es immer wieder zu Inkontinenz, Rippenbrüchen, Synkopen oder Krampfanfällen kommen kann.

? Die STIKO empfiehlt derzeit allen Frauen mit Kinderwunsch, allen Personen mit engem Kontakt zu Säuglingen sowie beruflich exponierten Personen die Pertussis-Impfung, wenn kein adäquater Immunschutz vorliegt. Was raten Sie persönlich Erwachsenen?

Prof. Hülße: Betrachtet man die momentane epidemiologische Lage in Deutschland, die Ergebnisse der KRESH-Studie und internationale Untersuchungen, wäre meiner Meinung nach, wenn wichtige Impfungen zum Beispiel gegen Tetanus, Diphtherie und Polio fehlen und für Pertussis eine Indikation vorliegt, eine generelle Auffrischimpfung für alle Personen im Erwachsenenalter mit einem Tdap-IPV-Impfstoff (z. B. Repevax®) sinnvoll.

Frau Prof. Hülße, wir bedanken uns für das Gespräch!

Mit freundlicher Unterstützung der Sanofi Pasteur MSD GmbH.

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Die Sächsische Impfkommission empfiehlt

"Es wird empfohlen, nicht nur wie bisher eine Auffrischung gegen Tetanus, Diphtherie und Poliomyelitis alle zehn Jahre vorzunehmen, sondern zusätzlich auch gegen Pertussis."

"Die Standard-(Regel-)Impfung für alle Personen alle zehn Jahre sollte mit tetravalenten Impfstoffen Tdap-IPV erfolgen." (Stand: Januar 2007)

Quelle: Sächsische Landesärztekammer. Hygiene Aktuell. Ärzteblatt Sachsen 2007; 1: 33-35

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Referenz

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Christel Hülße