Notfall & Hausarztmedizin (Hausarztmedizin) 2004; 30(11): B 506
DOI: 10.1055/s-2004-837110
Blickpunkt

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Belastungsinkontinenz - Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer moduliert den Sphinktertonus

Further Information

Publication History

Publication Date:
22 December 2004 (online)

 
Table of Contents

Belastungsinkontinenz ist die häufigste Form der Harninkontinenz unter der nach aktuellen Befragungen bis zu 37% der Frauen leiden. Bei körperlicher Anstrengung oder Bewegungen, die einen abdominellen Druckanstieg bewirken, kommt es zu einem unwillkürlichen Harnverlust in Form von Tropfen oder Spritzern. Typisch ist der Harnabgang beim Husten, Niesen oder Lachen, beim Heben von Lasten, beim Treppensteigen oder beim Sport. In schweren Fällen kann schon eine Lageveränderung von der sitzenden in die stehende Position als Auslöser wirken.

#

Verschlussdruck der Harnröhre reicht nicht aus

Zum Harnverlust bei Belastung kommt es dann, wenn der intravesikale Druck den des Sphinkterapparates übersteigt. Ursache kann eine Hypermobilität der Harnröhre oder eine intrinsische Sphinkterschwäche mit ungenügendem Kompressionsdruck der Harnröhre sein, erläuterte PD Martina Manning von Lilly Deutschland. Risikofaktoren für eine solche Schädigung der kontinenzerhaltenden Strukturen im unteren Harntrakt sind Schwangerschaft und vaginale Geburt, da es dabei zu einer starken Dehnung des Beckenbodens kommt. Auch Adipositas, Östrogenmangel oder Unterleibsoperationen können eine Belastungsinkontinenz begünstigen.

Physiotherapeutische Maßnahmen wie Beckenbodentraining, Biofeedback oder Elektrostimulation können das Leiden lindern, erläuterte PD S. Hundertmark, Hamburg. Für schwerere Fälle kommen Pessare, als Ultima Ratio operative Verfahren in Betracht. Er erwarte jedoch, dass die Kombination physiotherapeutischer Maßnahmen mit der seit August 2004 neu verfügbaren Pharmakotherapie mit Duloxetin (Yentreve®) additive Effekte zeigt, so der Gynäkologe.

#

Komplexe nervale Steuerung

Denn auch Störungen bei der komplexen Interaktion zwischen Nervensystem und unterem Harntrakt wie etwa eine verminderte Innervation des quergestreiften Blasenschließmuskels (Rhabdosphinkter) können zu neuromuskulären Funktionsverlusten und Sphinkterinsuffizienz führen, erklärte Prof. W. Jost, Wiesbaden. Hier greift Duloxetin an: Der selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer stärkt die Kontraktion des Rhabdosphinkters durch zentrale Neuromodulation und erhöht den Auslasswiderstand der Urethra während der Speicherphase.

Während der Harnspeicherung wird aus den Neuronen des sakralen Miktionszentrums (Onuf'scher Nukleus) Glutamat freigesetzt. Glutamat "schaltet den Rhabdosphinkter an", indem es die Freisetzung von Acetylcholin aus präsynaptischen Endungen des Nervus pudendus vermittelt, erklärte Jost. Durch die Hemmung der Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahme im Onuf Nukleus durch Duloxetin wird die Wirkung von Glutamat während der Harnspeicherphase verstärkt und so der Sphinktertonus erhöht.

#

Jede zehnte Patientin wird "trocken"

Seine Wirksamkeit und Sicherheit hat Duloxetin in vier plazebokontrollierten Doppelblindstudien mit mehr als 1900 Patientinnen unter Beweis gestellt, berichtete Prof. U. Jonas, Hannover. Vor Aufnahme in die Studien trat bei den Frauen wöchentlich mindestens sieben Mal unwillkürlicher Harnverlust auf (Inkontinenzepisodenfrequenz, IEF ≥ 7). In zwei klinischen Studien mit insgesamt 1177 Patientinnen verminderte die Einnahme von 40 mg Duloxetin zweimal täglich über zwölf Wochen die Frequenz der Inkontinenzepisoden signifikant im Median um 50% versus 27 und 29% in den Plazeboarmen. Das miktionsfreie Intervall dagegen verlängerte sich signifikant um durchschnittlich 20 versus 1,7 Minuten bzw. um 15 versus 3,8 Minuten [2], [3].

Auch bei Patientinnen mit schwerer Belastungsinkontinenz (IEF ≥ 14 pro Woche) wirkte das Medikament gut: Wie eine Metaanalyse aller Studien [1] gezeigt hat, nahm unter Duloxetin die IEF im Median um 52,8% ab im Vergleich zu 33% unter Plazebo.

Unter Duloxetin gaben die Patientinnen signifikant häufiger als unter Plazebo eine Besserung ihrer Beschwerden an. Zudem verbesserte sich die Lebensqualität in den Bereichen Vermeidungsverhalten, soziale Belastung und psychosoziale Einflüsse signifikant. Wie Jonas zusammenfasste, zeigte sich der Therapieerfolg bereits bei der ersten Kontrolluntersuchung nach vier Wochen. In offenen Studien hielt der Effekt bis zu einem Jahr an. Insgesamt wurden 11% der Patientinnen durch die Therapie völlig von ihrer Belastungsinkontinenz befreit, so Jonas.

Dagmar Jäger-Becker, Rodgau

#

Literatur

#

Literatur