Krebs ist eine uralte Erkrankung, von der nicht nur Menschen, sondern auch Tiere und
Pflanzen befallen werden. Praktisch alle hoch entwickelten vielzelligen Organismen
mit differenzierten Zellen können von einer Krebserkrankung betroffen sein. Die ältesten
Hinweise auf Krebserkrankungen stammen von fossilen Saurierknochen. Auch bei den Vorläuferformen
des Menschen kam Krebs vor. In Kenia wurden 1932 Teile des Skelettes eines Australopithecus
gefunden. Zum Skelett gehörte auch ein fossiler Kieferknochen, bei dem Ärzte die Spuren
eines Burkitt-Lymphoms vermuten. Es kann angenommen werden, dass Krebserkrankungen
die gesamte menschliche Evolution begleitet haben [1].
Hautkrebs bei den ersten Schmieden?
Hautkrebs bei den ersten Schmieden?
Beim modernen Homo sapiens können Krebserkrankungen bis in die vorhistorische Zeit
zurückverfolgt werden. Der Nachweis gelingt dabei einerseits über einen direkten Weg,
bei dem Knochen- und Mumienfunde analysiert oder uralte ärztliche Dokumente ausgewertet
werden. Andererseits gibt es aber auch einen indirekten Weg, um auf mögliche frühe
Krebserkrankungen zu schließen. Die ersten Schmiede arbeiteten mit Arsenbronzen und
kannten noch keine Zinn- oder Bleibronzen. Es ist wahrscheinlich, dass der Kontakt
mit Arsen neben anderen Erkrankungen auch Hautkrebs auslöste. Der Gott der Schmiede
trägt zum Beispiel viele Namen; bei den Griechen heißt er Hephaistos, bei den Römern
Vulkan und bei den Germanen Wieland (Abb. [1]). Wenn auch die Namen verschieden sind, die Person des Gottes ist in allen frühen
Kulturen nahezu identisch. Der Gott der Schmiede hinkt in den Beschreibungen oder
fällt durch Lähmungen in verschiedenen Körperbereichen auf. Da die frühen Hochkulturen
in ihren Schmelzöfen für Metalle noch keine hohen Temperaturen erreichen konnten,
wurde der halb geschmolzene Kupfer- und Arsenanteil zunächst zur echten Bronze verhämmert
und eignete sich erst anschließend für einen Gebrauch. Unter Lufteinfluss oxidiert
Arsen allerdings sehr rasch und geht direkt vom festen in einen gasförmigen Zustand
über. Die frühen Schmiede arbeiteten deshalb in einer Giftwolke aus Arsen und ruinierten
ihre Gesundheit. Die Vorbilder zum Gott der Schmiede waren sicherlich frühe Meisterschmiede,
und diese Männer waren häufig krank. Die Mythen beschreiben bei ihnen zwar nur Lähmungen,
doch wahrscheinlich litten sie auch an durch Arsen ausgelöste Hautkrebserkrankungen.
Es fällt auf, dass ab dem 3. Jahrtausend vor Christus die Arsenbronzen langsam verschwanden
und nach und nach durch Zinn- und Bleibronzen abgelöst wurden [2].
Melanomerkrankungen der ersten Inka
Melanomerkrankungen der ersten Inka
In manchen frühen Knochenfunden können Metastasen eines Melanoms nachgewiesen werden
(Abb. [2]). Dabei lassen sich über die Häufigkeit von Melanommetastasen in Knochen genetische
Anpassungen an ein Leben unter hoher Belastung durch UV-Strahlungen nachweisen. Bei
der Entwicklung eines Melanoms gibt es eine starke genetische Komponente. Hellhäutige
und blonde Menschen erkranken schneller und häufiger als dunkelhäutige und dunkelhaarige.
In Australien sind zum Beispiel die europäischen Einwanderer und ihre Nachkommen viel
häufiger von einem Melanom betroffen als die Ureinwohner. Bei den heutigen Nachfahren
der Inka in Peru ist ein Melanom recht selten. Die Menschen der Hochanden sind genetisch
an die intensive UV-Bestrahlung der Sonne angepasst und erkranken weniger oft als
Europäer an Hautkrebs. In uralten Knochenfunden aus der frühen vorkolumbianischen
Inka-Zeit lassen sich jedoch häufiger als bei den gegenwärtigen Nachkommen der Inka
die Folgen von Melanommetastasen am Schädelknochen nachweisen. Durch Altersbestimmungen
der Knochenfunde wird vermutet, dass die Vorfahren der heutigen Bewohner erst vor
rund 3000 Jahren in den Hochanden einwanderten. Diese Menschen waren genetisch noch
nicht an eine hohe UV-Bestrahlung angepasst und erkrankten wesentlich häufiger an
einem Melanom als ihre heutigen Nachkommen. Durch diese Anpassung konnte der Mensch
dauerhaft die Anden besiedeln und sogar eine Hochkultur erschaffen [1].
Vor den Inka lebte in Peru das Volk der Mochica, die sehr geschätzte Keramikarbeiten
hinterließen. Viele Gefäße haben die Form von Menschen und Menschenköpfen, wobei die
Künstler großen Wert auf realistische Darstellungen legten. Dabei wurden auch kranke
Menschen abgebildet. Es gibt unter den Keramiken Menschen mit Hasenscharten oder einem
Sarkom im Gesicht. Manche im Ton dargestellte Hautveränderungen lassen auf unterschiedliche
Hauterkrankungen schließen, zu denen möglicherweise auch Hautkrebs gehören könnte.
Bei einer Figur glauben Fachleute sogar die Spuren einer Syphilis-Infektion zu erkennen.
Diese Figur wäre damit ein denkbarer Beleg, dass sich die Syphilis, wie häufig angenommen,
in Amerika entwickelt hat und nach der Entdeckung Amerikas in Europa eingeschleppt
wurde [4].
Hautkrebs im alten Ägypten
Hautkrebs im alten Ägypten
In der frühen Antike wurden Krankheiten als eine Strafe der Götter oder als ein göttliches
Zeichen gewertet. In Erzählungen der altägyptischen Literatur hadern viele Patienten
mit ihren Göttern und beklagen, warum gerade sie so schwer erkrankt sind. Behandelt
wurde mit Magie und Zauberei, aber es gab auch erste wissenschaftliche Ansätze. Manche
Arzneimittel verblüffen sogar noch heute. Für Reisende durch Wüstengebiete wurde die
Krautwurzel „Ami-Majos” empfohlen. In diesem Kraut isolierten später Chemiker den
Wirkstoff 8-Methoxypsoraten, der vor einem Sonnenbrand schützt. Gut erreichbare Krebserkrankungen
wurden entweder herausgeschnitten oder ausgebrannt. Es ist wahrscheinlich, dass solche
Therapiemaßnahmen auch beim Hautkrebs angewendet wurden [3].
An uralten Mumien können noch heute manchmal Krebserkrankungen diagnostiziert werden,
die mit Knochen nicht in Verbindung stehen. Gerade altägyptische Mumien bilden hier
ein breites Untersuchungsfeld (Abb. [3]). An diesen oft rund 5000 Jahre alten Toten tauchen sogar Raritäten auf. An zwei
altägyptischen Mumien wurden beispielsweise Deformationen gefunden, die auf ein 1960
erstmals beschriebenes Gorlin-Syndrom hinweisen. Bei diesem Syndrom können multiple
Hauttumoren auftreten, so dass die Erkrankung auch Basalzellnävoidsyndrom heißt. Beide
männliche Mumien sind wahrscheinlich Brüder gewesen, denn die Erkrankung besitzt eine
genetische Komponente und tritt mit einer Häufigkeit von 1:50 000 sehr selten auf
[1].
Der Tumor des Gottes Xensu
Der Tumor des Gottes Xensu
Nach der Erfindung der Schrift wurden zahlreiche Dokumente überliefert, die ebenfalls
auf frühe Krebserkrankungen hinweisen. Sie bieten gute Ergänzungen zu den direkten
Analysen von Mumien und Knochenfunden. Die ältesten Hinweise stammen von Ärzten aus
Ägypten und Mesopotamien. Im altägyptischen Papyrus Ebers wird bereits zwischen verschiedenen
Krebserkrankungen unterschieden, und im Papyrus Edwin Smith werden sogar Operationstechniken
zur Behandlung von Krebspatienten erwähnt (Abb. [4]). Der Papyrus Kahoun beschreibt schließlich genau die Symptome eines Gebärmutterkrebses
der Frau. Altägyptische Ärzte wussten auch, dass unbehandelte Tumoren dem Patienten
manchmal eine längere Lebenserwartung sichern konnten als eine ausgiebige medizinische
Behandlung wie etwa das Ausschneiden und Ausbrennen oder das Auftragen von bestimmten
Salben, die akut gefährlicher sein konnten als die Krebserkrankung selbst. Der Papyrus
Ebers [3] schreibt: „… Es ist ein Tumor des Gottes Xensu. Lege nicht Hand gegen ihn an …”
Heute vermuten Ärzte im gut beschriebenen „Tumor des Gottes Xensu” ein Kaposi-Sarkom.
Hier wussten die Ärzte der Pharaonenzeit, dass sie mit ihrer Kunst am Ende waren (Abb.
[5]).
Insbesondere für die Behandlung von Hautkrebs wurden im alten Ägypten und Mesopotamien
giftige Kräuterpasten mit manchmal beigemischten Teer- und Arsenzusätzen entwickelt,
um das Operationsfeld zu bestreichen. Im alten Indien gab es eine Creme auf der ausschließlichen
Grundlage von Arsen, und altchinesische Mediziner behandelten Geschwülste mit Quecksilber.
Früh war bekannt, dass Hautkrebs stets großzügig operiert werden musste und es notwendig
war, auch das auf den ersten Blick noch gesunde Nachbargewebe zu entfernen. Aufgrund
seiner großen Erfahrungen schrieb der Grieche Hippokrates, einer der Väter der modernen
Medizin: „… Es ist besser, den verborgen liegenden Tumor nicht zu behandeln; denn
werden sie behandelt, sterben die Patienten sehr bald, bleiben sie jedoch unbehandelt,
so leben sie noch eine lange Zeit” (Aphorismus Nr. 38). Die heute übliche Bezeichnung
„Krebs” stammt von dem Römer Galen, der in seinen bis in das Mittelalter gültigen
Schriften bereits zwischen 60 verschiedenen Krebserkrankungen unterschied. Galen hatte
beobachtet, dass beim fortgeschrittenen Brustkrebs das krankhafte Gewebe oft wie der
Körper eines Krebses aussah und die Blutgefäße zur Versorgung des krankhaften Gewebes
an die Beine eines Krebses erinnerten [4].
Kosmetika und Hautkrebs
Kosmetika und Hautkrebs
Es ist sehr wahrscheinlich, dass die in den alten Hochkulturen üblichen Kosmetika
die Entwicklung von Hautkrebs gefördert haben. Die schwarze Schminke der Ägypterin
wurde aus Bleiglanz hergestellt. Heute ist bekannt, dass Blei krebserregend sein kann.
Für ihre Kosmetika und Salben erschlossen die Ägypter sogar weite Handelswege. Manche
ihrer Salben enthielten beispielsweise Antimon, das in der Antike fast nur am Fluss
Sambesi tief im Inneren von Afrika gefunden wurde. Andere Zutaten wie etwa die Rinde
des Zimtbaumes oder Pfefferkörner kamen über Zwischenhändler vermutlich aus Indien
oder China. Im alten Indien hellten Frauen der Oberschicht ihre Haut mit einer Creme
aus Bleiweiß (Bleioxid) auf. Sie stellten damit ihren Reichtum zur Schau und demonstrierten,
dass sie es nicht notwendig hatten, im Freien zu arbeiten. Im römischen Reich spitzten
Frauen der Oberschicht schließlich den Kosmetikkult mit damals noch unbekannten giftigen
Inhaltsstoffen noch weiter zu. Poppaea, die Ehefrau von Kaiser Nero, benutzte Bleiweiß
zum Aufhellen der Haut nahezu täglich. In der Nacht trug sie eine Gesichtsmaske aus
Bohnenbrei, der am Morgen durch ein Bad in Eselsmilch wieder entfernt wurde. Danach
ließ sie sich den Körper mit weißem Kalk pudern und das Gesicht mit Bleiweiß salben.
Wangen und Lippen wurden zuletzt mit einem grellen Rot überdeckt. Da die Kaiserin
für reiche Römer ein Vorbild war, haben sicherlich viele Frauen ihre Gesichtshaut
regelmäßig mit Bleiweiß strapaziert und damit manche Krebserkrankung ausgelöst [2].
Abb. 1 Hephaistos, der griechische Gott der Schmiede, hatte lahme Beine und konnte nur im
Sitzen seiner schweren Arbeit nachgehen. Dargestellt ist eine griechische Trinkschale
aus dem 5. Jahrhundert v. Chr.
Abb. 2 Schädel aus der frühen Inka-Zeit, gefunden in Peru. Im Schädelknochen sind die Metastasen
eines Melanoms zu erkennen (aus: Cancer 19, 609 [1966]).
Abb. 3 Kopf der Mumie von Pharao Ramses II. (ca. 1280 - 1210 v. Chr.). Der Pharao hatte rote
Haare, die im Alter mit Henna nachgefärbt wurden. Er litt an Arthrose und Arterienverkalkung,
daneben hatte er Zahnprobleme (Ägyptisches Nationalmuseum, Kairo).
Abb. 4 Geräteschrank eines ägyptischen Arztes aus der Antike, Darstellung an einer Tempelmauer.
Manche Geräte wie Zangen oder Haken wirken erstaunlich modern (Tempel von Kom Ombo).
Abb. 5 Ausschnitt aus dem Papyrus Ebers (um 1600 v. Chr.). Der Papyrus beschreibt bereits
unterschiedliche Krebserkrankungen und gibt auch Anweisungen für etwa 900 Medikamente
auf der Grundlage von Pflanzen und Mineralien. Er ist in hieratischer Schrift verfasst.
Hieroglyphen stellten eine amtliche Dokumentenschrift dar und wurden im Alltag selten
verwendet (Universitätsbibliothek, Leipzig).