ergopraxis 2017; 10(09): 12-13
DOI: 10.1055/s-0043-106248
Wissenschaft
© Georg Thieme Verlag Stuttgart – New York

Wiebke Harms – Empfehlung für ein Kompetenzprofil

Katrin Veit
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Publication Date:
01 September 2017 (online)

 

In ihrer Bachelorarbeit analysierte Wiebke Harms internationale Kompetenzprofile für Ergotherapeuten. Um der immer komplexer werdenden Profession auch in Deutschland gerecht zu werden, spricht sich die Ergotherapeutin auch hierzulande mit konkreten Empfehlungen für ein Kompetenzprofil aus.


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Wiebke Harms …

... ist 1992 in Paderborn geboren und verbrachte einen Teil ihrer Kindheit in Redmond, USA. Nach dem Abitur im Jahr 2012 begann sie ihr Ergotherapiestudium an der Hochschule für Gesundheit in Bochum. Anfang 2015 zog es sie noch einmal zurück ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten: Sie absolvierte dort eine praktische Studienphase in einem therapeutischen Reitzentrum und konnte so Hobby und Beruf verbinden. Nach dem Abschluss ihres Bachelorstudiums arbeitete sie in einer psychiatrischen Tagesklinik. Aufgrund ihrer Affinität zur Edukation entschied sie sich weiterzustudieren und ist momentan im zweiten Semester des Masterstudiengangs Health Professions Education an der Charité in Berlin. Anschließend würde sie gerne als Ergotherapeutin arbeiten und parallel in die Lehre oder Forschung einsteigen.

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Abb.: S. Jochim

Die Bachelorarbeit

Die Ergotherapie in Deutschland wandelt sich von einem reinen Ausbildungsberuf hin zu einer komplexeren Profession. Die Akademisierung ist eine Entwicklung in diesem Prozess. Aufgrund der unterschiedlichen Bildungswege verfügen Ergotherapeuten über vielfältige Abschlüsse und Qualifikationsprofile. Diese Diversität erschwert es den Therapeuten selbst sowie den Hochschulen und der Politik, die Ergotherapie international vergleichen und die Kompetenzen der Berufsangehörigen einschätzen zu können.

Eine Möglichkeit, das Fachwissen transparenter zu machen, stellt die Entwicklung von Kompetenzprofilen dar. In Deutschland gibt es zwar erste Ansätze, jedoch existiert bislang kein einheitliches Profil. In ihrer Bachelorarbeit analysierte Wiebke Harms deshalb neun internationale Kompetenzprofile – unter anderem aus Schweden, Australien, den Niederlanden und der Schweiz. Zusätzlich zog sie Kompetenzprofil und -modell des DVE für ihre Studie heran, welche der Berufsverband derzeit ausarbeitet.


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Ergebnis

In Anlehnung an die qualitative Inhaltsanalyse nach Gläser und Laudel analysierte Wiebke Harms neun Kompetenzprofile und bestätigte folgende zehn Kompetenzbereiche, mit denen Studiengänge künftig arbeiten können:

  1. Wissensbezüge

  2. berufliches Selbstverständnis

  3. Profilierung und Professionalisierung

  4. berufliche Handlungsfähigkeit

  5. Diagnostik

  6. Intervention

  7. Evaluation

  8. Beziehungsgestaltung zu Klienten

  9. intra- und interprofessionelle Beziehungen

  10. Richtlinien, Regularien und ethische Kodizes

Vor dem Hintergrund aller untersuchten Kompetenzprofile stellt Wiebke Harms folgende Hypothese auf: Der inhaltliche Fokus der Ausbildung liegt auf dem ergotherapeutischen Prozess und der Behandlung von Klienten. Hier steht also die Mikroebene im Mittelpunkt. Das Studium fördert darüber hinaus die Entwicklung einer Perspektive, die auch die Meso- und die Makroebene im Blick hat. Das heißt, es geht neben der Behandlung auch um die Mitgestaltung des Kontextes und der Gesellschaft. Zudem fördert ein Studium die wissenschaftliche Urteilsfähigkeit, die zur Bewältigung einer vielschichtigen beruflichen Tätigkeit und zum Umgang mit komplexen Situationen befähigt.

Bei der Analyse der Profile wurde deutlich, dass drei Aspekte besonders häufig dargestellt werden:

  • Forschung und evidenzbasierte Praxis (EBP): In Deutschland wird die EBP ein zunehmend wichtigerer Inhalt ergotherapeutischer Arbeit. Im Sozialgesetzbuch ist bereits festgehalten, dass Behandlungen dem aktuellen Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse entsprechen sollen.

  • Die therapeutische Beziehungsgestaltung dient als Grundlage für eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit den Klienten. Dabei sind die ausführliche Aufklärung und Information des Klienten sowie die partizipative Entscheidungsfindung wichtige Aspekte.

  • Das Clinical bzw. Professional Reasoning dient dazu, systematisch Entscheidungen zu treffen und zu begründen sowie die Effektivität eigenen Handelns überprüfen zu können.


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Fazit

Zusammenfassend hält Wiebke Harms fest, dass Ergotherapeuten in einem Bachelorstudium grundlegende Kompetenzen in Bezug auf den ergotherapeutischen Prozess mit Klienten erlernen. Zudem erwerben sie erweiterte Kompetenzen in den Bereichen Forschung und EBP, therapeutische Beziehungsgestaltung sowie Clinical bzw. Professional Reasoning. Diese Schwerpunkte sind als zentrale Kompetenzen von Absolventen eines grundständigen Bachelorstudiengangs anzusehen.

Ein Kompetenzprofil allein reicht jedoch nicht aus, um einen Studiengang kompetenzorientiert zu gestalten. Wichtig ist die erfolgreiche Umstellung des Curriculums auf den Erwerb der Kompetenzen, sodass die Studierenden Möglichkeiten erhalten, die Abschlusskompetenzen schrittweise zu entwickeln und zu erproben.

Katrin Veit


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4 Fragen an Wiebke Harms

Wie entstand dein Bachelorthema?

Meine Hochschule hat die Notwendigkeit eines Kompetenzprofils für den Studiengang Ergotherapie erkannt und eine Projektgruppe gebildet. Dabei entstand die Idee, in meiner Bachelorarbeit ergotherapeutische Kompetenzprofile zu analysieren und herauszuarbeiten, welche Kompetenzen Ergotherapeuten mit Abschluss eines primärqualifizierenden Studiums entwickelt haben sollten.

Warum ist ein einheitliches Kompetenzprofil deiner Meinung nach so wichtig?

Die zunehmende Heterogenität der ergotherapeutischen Ausbildungslandschaft erschwert es unseren Interessenvertretern in der Politik, die jeweiligen Kompetenzen einzuschätzen. Transparente Kompetenzprofile sind eine gute Möglichkeit, um den Anschluss an internationale Standards nicht zu verlieren, um Ergotherapeuten von anderen Professionen abzugrenzen und klar positionieren zu können.

Du hast direkt das Masterstudium angeschlossen. Was versprichst du dir davon?

Der Masterstudiengang bereitet mich auf eine Tätigkeit in der Lehre an Schulen des Gesundheitswesens vor. Darüber hinaus lerne ich, wie ich in der Praxis angehende Therapeuten in ihrer praktischen Ausbildung anleiten kann. Der zweite Schwerpunkt des Studiums ist die empirische Bildungsforschung, die in den Gesundheitsprofessionen noch in den Kinderschuhen steckt.

Was fasziniert dich am Thema Edukation?

Ich liebe es, anderen das beizubringen, was mich selbst fasziniert. Mein Wunsch ist es, meine Begeisterung für Ergotherapie und Forschung an angehende Kollegen aus dem Gesundheits- und Sozialwesen weiterzugeben.


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Bachelorarbeit

Harms W. Empfehlung zur Gestaltung eines Kompetenzprofils für Absolventen eines grundständigen Bachelorstudiengangs Ergotherapie in Deutschland. Bachelorarbeit zum Abschluss des Ergotherapiestudiums an der Hochschule für Gesundheit, Bochum 2016


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Abb.: S. Jochim