Sprache · Stimme · Gehör 2016; 40(03): 148
DOI: 10.1055/s-0042-109591
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Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Corrective Feedback – verbessernde Rückmeldung – Patienteninformation

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Publication Date:
04 October 2016 (online)

 

    Eltern sprechen schon mit ihren Babys, bevor diese mit Worten antworten können. Eltern sprechen ihr Kind an und werten jede Reaktion als Antwort: den Blick, ein Glucksen oder auch eine Bewegung. So entstehen „Gespräche“, in denen schon vor dem ersten Geburtstag des Kindes der Wechsel erkennbar ist: ich bin dran – du bist dran. So lernt das Kind schon früh, ein „Gesprächspartner“ zu sein.


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    Wenn Kinder dann die ersten Laute produzieren, sind Eltern in der Regel begeistert. Es fasziniert, wie ein Kind brabbelt und lallt, wie es die Laute sortiert und in langen Silbenketten wiederholt: „ma-ma-ma-ma“ oder „da-da-da“. Bei den ersten Worten, die das Kind bald spricht, haben Eltern meist den Eindruck, dass es viel mehr versteht, als es aussprechen kann. Und so antworten sie auf die noch unvollständigen und fehlerhaften Äußerungen und setzen das Gespräch fort. Auch hier lernt das Kind, dass es als Gesprächspartner ernst genommen wird.

    Schließlich beginnt das Kind, seine Wörter zu kombinieren. Dabei beachtet es noch nicht alle grammatischen Regeln der Erwachsenensprache. Es bildet seine Sätze nach eigenen Regeln und die Eltern antworten auf das, was sie verstanden haben, fragen nach und kommentieren. Das Kind lernt, wie Gespräche funktionieren, und erfährt Interesse an seinen Äußerungen.

    In allen 3 Phasen der Sprachentwicklung stehen Kontakt und Inhalt im Vordergrund. Die sprachliche Form ist dabei nebensächlich. In erster Linie geht es den Eltern darum, OB und WAS das Kind spricht und weniger darum, WIE es sich sprachlich ausdrückt. Sie bemühen sich um Verständnissicherung und liefern den Kindern dadurch ein hilfreiches Sprachvorbild. Gertrud L. Wyatt, die Anfang der 1960er Jahre in amerikanischen Vorschulen die Sprachentwicklung von Kindern untersuchte, nannte dieses Sprachvorbild als erste „corrective feedback“. Der amerikanische Ausdruck wird von Fachleuten meist nicht übersetzt und meint verschiedene Arten von verbessernder Rückmeldung.

    Gertrud Wyatt unterschied Rückmeldungen zur Lautbildung, zum Wortschatz und zum Satzbau. Fachsprachlich heißt das phonologisches, semantisch-lexikalisches und grammatisches Feedback. Feedback zur Lautbildung gibt beispielsweise ein Elternteil, das auf die Silbenketten des Kindes „ma-ma-ma-ma-ma“ antwortet: „Ja, sagst du Mama? Hier ist die Mama. Fein machst du das“. Im Wechselspiel des Gesprächs hört das Kind die eigene Silbenkette und im Kontrast dazu das zweisilbige Wort Mama, das im Gesprächsbeitrag des Elternteils 2-mal auftaucht. Feedback zur Lautbildung gibt die Mutter aber auch, wenn sie die Äußerung ihres Kindes „Hänguruh“ kommentiert, indem sie antwortet: „Ja, ein feines Känguru bist du!“

    Semantisch-lexikalisches Feedback, also eine Rückmeldung zum Wortschatz bekommt ein Kind, das einen Lastwagen als Auto bezeichnet und daraufhin erläutert bekommt: „Ja, das ist ein großes Auto, ein Lastwagen!“

    Grammatisches Feedback liefern Eltern, die unvollständige Sätze ihrer Kinder erweitern wie etwa in dem Beispiel, in dem die Mutter auf das Drängen ihres Kindes „gehn....gehn..“ antwortet: „Willst du schon gehn?“ Oft kombinieren Eltern auch die verschiedenen Arten von Rückmeldungen. Wenn das Kind kommentiert: „Hänguruh pingen“, könnte ein Elternteil antworten: „Ach, das Känguru springt?“ Im diesem elterlichen Satz werden Lautbildung und Satzbau beiläufig korrigiert.

    Eltern müssen diese verschiedenen Formen von Corrective Feedback nicht in einem Kurs oder aus einem Buch erlernen. Sie greifen die Äußerungen ihres Kindes intuitiv auf, erweitern, verbessern oder wiederholen sie in korrekter Form und liefern ihrem Kind auf diese Weise ein Sprachvorbild, das unmittelbar auf eine kindliche Äußerung folgt. Beide Formen werden auf diese Weise kurz nacheinander gehört und im Gehirn des Kindes verarbeitet, ohne den eigenen Gedankengang des Kindes zu unterbrechen. Das Vorbild wird ganz beiläufig geliefert, regt die Sprachverarbeitung an und stört nicht den Gedankenaustausch im Gespräch. Mehr braucht es nicht, um die Sprachentwicklung gesunder Kinder anzuregen. Auf ausdrückliche und möglicherweise beschämende Hinweise können Eltern verzichten. Bei einem echten Interesse an dem, was ein Kind gerade erzählen, liefert das Gespräch dem normal entwickelten Kind alle Informationen über die Regeln von Sprache, von Lautbildung, Wortschatz und Satzbau.

    Fazit

    Im Gespräch mit Kindern entstehen verbessernde Rückmeldungen von ganz allein dadurch, dass Eltern sich bemühen, die Kinder zu verstehen und das Gespräch fortzuführen. Hinweise auf Fehler sind gar nicht nötig, um normal entwickelten Kindern ein angemessenes Sprachvorbild und sprachförderliche Anregungen zu geben. Und wenn sprachliche Fortschritte ausbleiben, braucht es eine Untersuchung beim Facharzt und der Logopädin. Das hilft dem Kind mehr, als es durch Aufforderung zum Nachsprechen („sag‘s noch mal richtig!“) mit der Nase auf sprachliche Schwierigkeiten zu stoßen.

    Prof. Dr. Monika Rausch, Rostock


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