Flug u Reisemed 2016; 23(01): 37
DOI: 10.1055/s-0042-102298
DGMM-Mitteilungen
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Neue Arbeitsgruppe – AG Maritime Notfallmedizin der DGMM

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Publication Date:
22 February 2016 (online)

 

    Der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Maritime Medizin e. V. (DGMM) hat in einer seiner letzten Sitzungen auf Anregung aus dem Kreis der Mitglieder die Gründung einer Arbeitsgruppe mit dem Titel „Maritime Notfallmedizin“ beschlossen. Diese soll hier vorgestellt und der Hintergrund erläutert werden.

    Hintergrund

    Die Rettung und notfallmedizinische Versorgung auf See stellt eine besondere Herausforderung dar. Rettungseinheiten, die in diesem Umfeld operieren, müssen sich mit den extrem widrigen Umweltbedingungen und großen logistischen Herausforderungen auseinandersetzen. Schon dadurch unterscheidet sich die maritime Notfallmedizin ganz wesentlich von der „normalen“ Notfallmedizin an Land.


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    Besonderheiten der maritimen Notfallmedizin

    Eine ganz wesentliche Besonderheit der maritimen Notfallmedizin sind die bei Notfällen verlängerten Intervalle der Erstversorgung, Behandlung und Beförderung in die Klinik. Kernelement der maritimen Notfallversorgung auf Handelsschiffen ist daher die telemedizinisch angeleitete Laienhilfe zur Überbrückung dieser Zeiträume.

    Auf Kreuzfahrtschiffen hingegen ist regelhaft ärztliches Personal anwesend, sodass die medizinische Notfallversorgung hier unter gänzlich anderen Rahmenbedingungen stattfindet. Hinzu kommt, dass Kreuzfahrtschiffe häufig Zwischenhäfen ansteuern, während Handelsschiffe sich überwiegend in für professionelle Rettungsteams und Rettungshubschrauber nicht erreichbaren Seegebieten bewegen.

    In der deutschen Nord- und Ostsee besteht durch die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) ein dichtes Netz aus Seenotrettungsbooten und -kreuzern und es ist grundsätzlich möglich, eine medizinisch begründete Evakuierung von Schiffen, Inseln oder anderen Strukturen durchzuführen. Hierbei kommt den seegängigen Hubschraubern, beispielsweise der Marine, aufgrund des Zeitvorteils eine große Bedeutung zu. Diese müssen über eine Rettungswinde verfügen, um Rettungspersonal an Bord zu bringen und im Anschluss den Patienten an Bord übernehmen zu können, da die wenigsten Schiffe über eine Landemöglichkeit verfügen. Neben der notwendigen persönlichen Schutzausrüstung erfordert die Tätigkeit auf Seenotrettungskreuzern und seegängigen Rettungshubschraubern eine spezielle Ausbildung sowie permanentes Training.

    Neue Aspekte ergeben sich durch den Bau und Betrieb von Offshorewindparks, für die sich inzwischen betriebliche Luftrettungsdienste etabliert haben.


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    Vernetzung der Systeme

    Da die Ressourcen für die verschiedenen Bereiche der maritimen Notfallmedizin begrenzt sind, erscheint es sinnvoll, eine umfassende Betrachtung vorzunehmen. Es ist bereits heute so, dass betriebliche Rettungshubschrauber der Offshorewindparks bei Nichtverfügbarkeit der für den SAR-Bereich vorgehaltenen Luftrettungsmittel für maritime Notfalleinsätze angefragt werden. Der Ausbau der Offshorewindenergie wird voranschreiten und auch im Kreuzfahrtbereich ist mit einem weiteren Anstieg der Personenzahlen zu rechnen, sodass in der Zukunft eher mehr als weniger Notfalleinsätze auf See zu verzeichnen sein werden.

    In der Folge werden sich die verschiedenen Rettungsmittel der einzelnen Systeme immer wieder an den Schnittstellen begegnen und gegenseitig unterstützen müssen. Es erscheint daher notwendig und geboten, die Bereiche enger zu verzahnen und die Abläufe besser aufeinander abzustimmen.


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    Entwicklung von Qualitätsstandards

    Neben der sehr wichtigen Vernetzung wie beispielsweise am „Runden Tisch Maritime Sicherheitspartnerschaft“ der Stiftung Offshore-Windenergie geht es dabei aber auch um die Entwicklung von Standards und Empfehlungen beispielsweise zur Qualifikation des eingesetzten Rettungspersonals sowie für konkrete Notfallsituationen wie zum Beispiel die Hypothermie.

    Mit einem Anstieg der Notfalleinsätze könnte es zukünftig auch sinnvoll oder gar notwendig werden, die SAR-Hubschrauber notärztlich fest zu besetzen, wie es in anderen europäischen Ländern wie Norwegen bereits der Fall ist. Konsentierte Empfehlungen zur Qualifikation des Rettungspersonals können auch hier sinnvoll sein, um einen einheitlichen Stand zu erreichen.


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    Wissenschaftliche Aufarbeitung der Einsätze

    Eine wissenschaftliche Auswertung des gesamten Einsatzgeschehens könnte eine Unterstützung bieten, um die maritime Notfallmedizin langfristig auf eine belastbare Datengrundlage im Sinne einer evidenzbasierten Medizin zu stellen, wie es beispielsweise die alpine Notfallmedizin vor einigen Jahren bereits begonnen hat. Neben der Untersuchung von Notarzteinsätzen per Schiff oder Hubschrauber könnte ebenso auch die Evaluation des Konzepts für den „SAR-Ersthelfer See“ Erkenntnisse zur kontinuierlichen Verbesserung des Segments der erweiterten Laienhilfe liefern. Bei immer knapperen finanziellen Mitteln wird es zukünftig darauf ankommen, die verschiedenen Einheiten und Konzepte ressourcenschonend einzusetzen. Die DGMM will hierzu durch die Gründung der Arbeitsgruppe „Maritime Notfallmedizin“ einen Beitrag leisten.


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    Interdisziplinäre Zusammensetzung

    Die Arbeitsgruppe befindet sich derzeit im Aufbau. Aufgrund der vielfältigen Schnittstellen und Besonderheiten ist es für die Erarbeitung belastbarer Ergebnisse zwingend, die AG entsprechend interdisziplinär aufzustellen, sodass Aspekte wie zum Beispiel Allgemeinmedizin, Atemwegsmanagement, Besonderheiten auf Seeschiffen (maritimmedizinische Expertise), funkärztliche Beratung, Hubschrauberrettung, Hypothermie, Kreuzfahrtmedizin, Seenotrettung und Windparks entsprechend fachlich besetzt werden können. Eine Vernetzung zu anderen Fachgesellschaften (z. B. DGAI, DIVI) und Verbänden (z. B. AGNN, BAND) soll die AG mittelfristig als Expertengruppe in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung zum Thema „Maritime Notfallmedizin“ erkennbar machen. Wir werden an dieser Stelle weiter über die Arbeit berichten.

    Dr. Markus Stuhr, Hamburg; Dr. Jens Kohfahl, Cuxhaven; Dr. Klaus-Herbert Seidenstücker, Hamburg


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