Flug u Reisemed 2016; 23(01): 43
DOI: 10.1055/s-0042-101893
DFR-Mitteilungen
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Liebe Mitglieder und Freunde der DFR,

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Publication Date:
22 February 2016 (online)

 

    welche Erfahrungen mit Schutzimpfungen, zum Beispiel gegen Masern, haben Sie bei impfkritischen Personen, die eine Auslandsreise planen und einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt sind? Dass die Masernerkrankung kein auf Deutschland beschränktes Problem ist, zeigen folgende Zahlen: Trotz zahlreicher Impfkampagnen geht die WHO weltweit noch immer von etwa 20 Mio. Erkrankungen jährlich aus. Die Zahl der Todesfälle durch Masern wird auf 150 000 pro Jahr geschätzt.

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    Soweit sich die impfkritische Haltung, insbesondere gegen die Masernimpfung, auf Empfehlungen innerhalb der anthroposophischen „Gemeinde“ stützt, hat sich in den letzten Wochen eine bemerkenswerte Änderung ergeben – man kann fast von einem Paradigmenwechsel sprechen. Im „Merkblatt Masern – Zum verantwortungsvollen Umgang mit Krankheit umd Impfung“ der Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland (GAÄD) finden sich gegenüber bisher folgende Ergänzungen:

    • Die Dauer des Impfschutzes ist möglicherweise lebenslang, kann aber mit der Zeit unsicher werden. Daher kann es sinnvoll sein, zum Beispiel vor einer möglichen Schwangerschaft oder vor Reisen in Entwicklungsländer, die Immunität überprüfen zu lassen.

    • Falls ein Kind nicht bereits nach Empfehlung der STIKO im zweiten Lebensjahr gegen Masern geimpft wird, muss in jedem neuen Lebensabschnitt des Kindes über die Impfung nachgedacht werden.

    • Eltern, die einen möglichen Sinn darin sehen, dass ihr Kind die Masern durchmacht, sollten bestimmte Möglichkeiten sicherstellen: das Kind in der Krankheit zu begleiten und zu pflegen, die Umgebung vor Ansteckung zu schützen und einen längeren Schulausschluss in Kauf nehmen.

    Die Deutsche Fachgesellschaft für Reisemedizin e. V. begrüßt diese differenzierte Haltung zur Masernimpfung ausdrücklich – nicht zuletzt im Interesse vieler Menschen, insbesondere Kleinkinder, in Ländern, in denen ein Impfstoff nicht allgemein zur Verfügung steht und man von der Ausbildung einer Herdimmunität weit entfernt ist.

    Die GAÄD hält aber weiterhin an ihrer Überzeugung fest: „Eltern erleben gerade bei den Masern oft eine tiefgreifende Reifung ihres Kindes.“ Dabei stützt man sich vor allem auf eine Praxisstudie mit Elternbefragung zu 886 Kindern: 60 % hatten nach Angaben der Eltern nach durchgestandener Masernerkrankung einen erfreulichen Fortschritt in der Entwicklung gemacht. Diesem Erfahrungsbericht stehen die Ergebnisse von Michael Mina von der US-Universität Princeton entgegen (Science, 07.05.2015, http://science.sciencemag.org/content/348/6235/694.full-text). Demnach schwäche das Masernvirus das Immunsystem über 2 Jahre. Mögliche Ursache könne die ‚Orientierung‘ von Lymphozyten auf dieses Virus zu einer Art ‚Immunamnesie‘ für andere Erreger führen, mit der Folge einer erhöhten Infektanfälligkeit und Kindersterblichkeit.

    Gehört ein leidiges Thema der Reisemedizin, der Jet-Lag, nun der Vergangenheit an? Vielleicht, wenn Sie künftig gleich nach einem Flug mit Zeitzonenüberschreitung die Milch von nachts gemolkenen Kühen trinken. Der folgende Hinweis ist nicht der „fünften Jahreszeit“ geschuldet, sondern geht auf eine Studie aus Südkorea zurück (J Med Food 2015, 10.1089jmf.2015.3448). Demnach enthält „Nachtmilch“ 10-mal mehr Melatonin als „Tagmilch“. Bei Mäusen führte sie zu einem besseren Schlaf und weniger Angstgefühlen. Die sedative Wirkung war mit der von Diazepam vergleichbar. Die Anwendung zur Verhinderung von Jet-Lag steht noch aus; über entsprechende Erfahrungsberichte würde die DFR sich sehr freuen.

    Vielleicht ist Ihnen der folgende Hinweis auf ein neues Hilfsangebot zur besseren sprachlichen Verständigung mit Flüchtlingen entgangen: Die Bertelsmann-Stiftung unterstützt einen Teledolmetscherdienst, der per Video derzeit in den Sprachen Russisch, Arabisch, Englisch live über den Internetbrowser hinzugeschaltet werden kann. Der Dienst ist kostenlos: www.arztkonsultation.de/fluechtlinge-verstehen.

    An jedem letzten Sonntag im Januar wird seit 1954 der Welt-Lepra-Tag begangen. Damit soll eine noch längst nicht ausgerottete Infektionskrankheit die Aufmerksamkeit bekommen, die sie weiterhin verdient. Die nach der Erstbeschreibung des Mycobacterium leprae 1873 durch den norwegischen Arzt noch heute als ‚Hansen‘s disease‘ benannte Infektion ist zwar in Deutschland ohne große Bedeutung (1–5 importierte Leprafälle pro Jahr laut RKI), spielt aber weltweit mit circa 200 000 Neunfektionen eine wichtige Rolle. Vor und nach längeren Auslandsaufenthalten und Hilfseinsätzen sollte an die Lepra gedacht werden. (lesenswert:
    www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2016/Ausgaben/03_16.pdf?__blob=publicationFile

    Gerne rufe ich die Termine für die nächste NECTM, die vom 1. bis 4. Juni in London stattfindet, und unsere kommende Jahrestagung am 23./24. September 2016 in Ludwigshafen, in Erinnerung. Das von Rose Mazzola und Bernhard Wallacher verantwortete Programm steht weitgehend und wird demnächst auf unserer Homepage veröffentlicht.

    Ich schließe mit etwas Erfreulichem, worauf wir seit Längerem hingearbeitet haben: Soeben erhalte ich ein positives Signal der für uns zuständigen Finanzbehörde bezüglich der Anerkennung der DFR als gemeinnütziger Verein.

    Im Namen des Vorstands wünsche ich Ihnen eine erfolgreiche Frühjahrszeit, die Ihnen ein wenig Zeit für sich selbst lässt

    Ihr
    Günter Schmolz

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