Flug u Reisemed 2016; 23(01): 5
DOI: 10.1055/s-0042-101273
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Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Virus verursacht vermutlich Missbildungen bei Ungeborenen – Zikafieber breitet sich in Amerika aus

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Publication Date:
22 February 2016 (online)

 

    Vor Kurzem berichteten wir an dieser Stelle vom Chikungunyafieber, das sich als „emerging disease“ innerhalb weniger Jahre von einer regional begrenzten, nur wenige Infektionen verursachenden Tropenkrankheit zu einer weltweit in den Tropen und Subtropen verbreiteten Krankheit entwickelte, die jährlich Hunderttausende Krankheitsfälle hervorruft.

    Ähnliches ist derzeit auch beim Zikafieber zu beobachten. Genau wie das Chikungunya-Virus wurde das Zika-Virus bereits Mitte des vergangenen Jahrhunderts in Ostafrika entdeckt. In den folgenden 60 Jahren wurden dann aber nur äußerst selten Fälle bestätigt, alle hiervon in Afrika und Südostasien. Der erste größere Ausbruch mit etwa 185 Erkrankten wurde im Jahr 2007 von den mikronesischen Yap-Inseln gemeldet. In den Jahren 2013 / 2014 kam es dann auf weiteren pazifischen Inselgruppen zu Ausbrüchen, vermutlich mit insgesamt mehreren Zehntausend Infizierten.

    Größere Ausbrüche 2015

    Im Mai 2015 erreichte das Zika-Virus schließlich das südamerikanische Festland, wo es zunächst aus Brasilien gemeldet wurde. Im Oktober traten auch in Kolumbien erste autochthone Infektionen auf. Nur einen Monat später waren bereits El Salvador, Guatemala, Mexiko, Paraguay, Surinam und Venezuela betroffen, im Dezember folgten Französisch-Guyana, Panama, Honduras sowie die Karibikinseln Martinique und Puerto Rico.

    In den meisten der betroffenen Länder handelt es sich bisher noch um Einzelfälle. Lediglich Brasilien und Kolumbien melden mit knapp 3000 beziehungsweise etwa 7000 Verdachtsfällen größere Ausbrüche. Aufgrund des meist milden Krankheitsverlaufs, der oft keinen Arztbesuch erfordert, und der Ähnlichkeit der Symptome zum in der Region verbreiteten Denguefieber und den daher zu erwartenden Fehldiagnosen, gehen einige Schätzungen jedoch davon aus, dass die Zahl der tatsächlich Betroffenen bereits bei über einer Million liegt.

    Bei etwa einem Viertel der Betroffenen verläuft die Infektion symptomlos, bei den Erkrankten klingen die Symptome – leichtes Fieber, Hautausschlag, Kopf- und Gelenkschmerzen sowie Konjunktivitis – in der Regel nach einer Woche wieder ab. Dieser milde Krankheitsverlauf führte dazu, dass die Ausbreitung des Zika-Virus zunächst meist ohne größere Besorgnis zur Kenntnis genommen wurde.

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    (Bild: Fotolia; Engel)

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    Erste Todesfälle

    Mittlerweile werden jedoch bereits 3 Todesfälle in Brasilien auf Infektionen mit dem Zika-Virus zurückgeführt. Besonders besorgniserregend ist dabei der Fall eines Neugeborenen, bei dem postum die RNA des Zika-Virus nachgewiesen werden konnte. Das Kind war mit mehreren kongenitalen Anomalien auf die Welt gekommen und innerhalb weniger Minuten nach der Geburt verstorben. Unter anderem wies es eine Mikrozephalie auf.

    Diese Missbildung, die mit einer geistigen Behinderung einhergeht, wird in Brasilien seit Oktober – also circa 5 Monate nach Beginn des Ausbruchs – vermehrt beobachtet.


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    Anstieg von Mikrozephalie

    Wurden in den Jahren 2010 bis 2014 jeweils zwischen 139 und 167 Fälle von Mikrozephalie gemeldet, so waren es vergangenes Jahr mehr als 3000. Dies entspricht einem Anstieg der jährlichen Fallzahlen um den Faktor 20, wobei wohlgemerkt der Effekt erst seit dem Herbst zu beobachten war. Mindestens 40 der Neugeborenen verstarben bereits.

    Noch ist das Zika-Virus nicht eindeutig als Verursacher dieser kongenitalen Anomalien belegt, die Hinweise für eine Verbindung zwischen der Infektion und den Geburtsdefekten häufen sich jedoch. So meldete auch Französisch-Polynesien einen Anstieg von Mikrozephaliefällen nach dem dortigen Ausbruch in den Jahren 2014 / 2015. Zwar konnte sich keine der betroffenen Mütter an entsprechende Symptome während der Schwangerschaft erinnern. Allerdings wurden bei 4 von ihnen IgG-Tests durchgeführt, die in allen 4 Fällen eine Infektion mit Flaviviren belegten. Wahrscheinlich handelte es sich also um asymptomatische Zika-Virus-Infektionen.


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    Neurologische Komplikationen nach Erkrankungen

    Darüber hinaus werden sowohl aus Brasilien als auch aus Französisch-Polynesien vermehrt neurologische Komplikationen nach einer überstandenen Zika-Virus-Infektion gemeldet. Bei etwas mehr als der Hälfte der Patienten wird dabei das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) diagnostiziert. Auch hier ist eine ursächliche Verbindung zum Zika-Virus noch nicht belegt, wird aber vermutet.

    Die frühere Unbekümmertheit in Anbetracht der Ausbreitung des Zika-Virus ist damit passé. Das brasilianische Gesundheitsministerium geht mittlerweile von einem deutlich erhöhten Risiko für das Ungeborene bei Infektionen der Mutter im ersten Trimester aus. Andere Ärzte vermuten, die Gefahr für den Fötus sei im späteren Verlauf der Schwangerschaft höher. Einige brasilianische Ärzte raten bereits, die Familienplanung wenn möglich zu verschieben. Auf jeden Fall aber sollten insbesondere schwangere Frauen auf einen adäquaten Mückenschutz achten.

    Dipl. Biol. Unn Klare

    Quellen: promed, WHO, PAHO


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    (Bild: Fotolia; Engel)