Geburtshilfe Frauenheilkd 2014; 74(11): 992-994
DOI: 10.1055/s-0034-1383255
Geschichte der Gynäkologie
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Berühmte Ärzte. Virginia Apgar (1909–1974) und der Apgar-Score

Matthias David
,
Andreas D. Ebert
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Publication Date:
26 November 2014 (online)

Mit nur sehr wenigen Frauen sind Eigennamen in der Medizin verbunden: Neben der eher wenig bekannten Rahel Hirsch (1870–1953), auf die der Hirsch-Effekt zurückgeht, dürfte praktisch schon jedem Medizinstudenten der Apgar-Score zur klinischen Beurteilung des Zustands Neugeborener post natum bekannt sein. Allerdings wird der dafür verwendete Apgar-Score oft fälschlicherweise für ein Akronym, eine Merkhilfe gehalten, um sich die Kategorien des Scores leichter zu merken, und nicht mit dem Namen einer Person in Verbindung gebracht. Die Idee, den Namen der Score-Erfinderin mit einer inhaltlichen Merkhilfe (Appearance, Pulse, Grimace, Activity, Respiration) zu verbinden, geht auf eine Veröffentlichung von Apgars Mitarbeiter Joseph Butterfield zurück ([Abb. 1]) [1]. Die Anfangsbuchstaben der Begriffe Atmung, Puls, Grundtonus, Aussehen und Reflexe bilden demnach ein sog. Apronym, ein eigenständiges Wort, das aufgrund einer geschickten Anordnung der Score-Kriterien den Nachnamen der Erfinderin bildet.

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Abb. 1 Ausschnitt aus dem Artikel von J. Butterfield und J. M. Covey (1962) [1] mit der Erstbeschreibung des Epigramms bzw. Apronyms APGAR.

Virginia Apgar wurde 1909 in Westfield in New Jersey als das jüngste von 3 Kindern in einer sehr musikalischen Familie geboren: alle Familienmitglieder spielten ein Instrument. Auch Virginia begann mit dem Violinspiel schon im Alter von 6 Jahren. Später hat sie sich dann sogar als Geigenbauerin betätigt ([Abb. 2]).

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Abb. 2 Virginia Apgar (1909–1974) mit ihrer selbstgebauten Violine (Quelle: Vintage Photography/Fin Art Print, UK; Ausschnitt).

Nach dem Medizinstudium (1929–1933) wollte Virginia Apgar eigentlich Chirurgin werden. Stattdessen ging sie als die erste Professorin für Anästhesiologie in die Geschichte ein und später war sie auch die erste Frau, die eine klinische Professur für Teratologie in den USA erhielt [2]. Wie kam es dazu? Nach 2 Jahren chirurgischer Assistenzzeit in New York bei Alan Whipple (1881–1963) riet ihr dieser trotz Apgars vielversprechender chirurgischer Begabung, sich wegen der schlechten beruflichen und finanziellen Perspektiven eines Chirurgen dem noch jungen Fachgebiet Anästhesie zuzuwenden. Diese Empfehlung war wohl weniger durch „antifeministische Ressentiments“ als vielmehr durch eine realistische Einschätzung der vorherrschenden Umstände motiviert. Amerika befand sich in den 1930er-Jahren in einer schweren ökonomischen Depression und die Apgars waren keine sehr wohlhabende Familie, sodass eine Niederlassung schwierig geworden wäre. Die Öffentlichkeit war wohl auch (noch) nicht bereit, Chirurginnen zu akzeptieren, sodass Virginia Apgar schließlich das Fach wechselte und 1936 ihre Anästhesieausbildung begann [3]. Brandt und Brandt berichten, dass Whipple im Übrigen der Ansicht war, dass eine auf soliden physiologischen und pharmakologischen Fundamenten stehende Anästhesie entscheidende Voraussetzung für eine erfolgreiche Chirurgie sei [4]. Deshalb forcierte er die Entwicklung der Anästhesie zu einem akademischen, d. h. von Ärzten auszuübendem Beruf. Die Durchführung einer Narkose erfolgte in den USA der 1930er-Jahre überwiegend durch Anästhesieschwestern, die den Chirurgen unterstanden; bis in die 1940er-Jahre hatten sich nur wenige Ärzte dem Spezialgebiet Anästhesie zugewandt [4].

Virginia Apgar baute dann eine eigene eigenständige Anästhesieabteilung auf, die sie bis 1949 leitete. In diesem Jahr kam es zu einem Struktur- und Führungswechsel im Anästhesie-Department der Columbia University. Virginia Apgar konzentrierte sich nun in Absprache mit dem neuen Abteilungsleiter auf die geburtshilfliche Anästhesie und erhielt die erste weibliche Vollprofessur an der Universität. Anfang der 1950er-Jahre fanden die meisten – auch vaginalen – Geburten unter Anästhesie (Spinalanästhesie, Sattel- oder Kaudalblock bzw. Cyclopropan-Narkose) statt. Die Überwachung der oft durch die Narkose beeinträchtigten Neugeborenen führte offenbar zu einer Systematisierung dieser Beobachtungen durch Virginia Apgar und ihre Mitarbeiter, was schließlich in die Entwicklung eines Scores mündete [5]. Die Idee für ihren Score soll Virginia Apgar 1949 beim Frühstück in der Klinik-Cafeteria gekommen sein: Ein Medizinstudent, der in die Anästhesie rotiert war, machte eine zufällige Bemerkung über den Bedarf, den klinischen Zustand Neugeborener zu bewerten. Apgar habe darauf das nächstbeste Stück Papier gegriffen und – mit der Bemerkung, dies sei leicht – die 5 Punkte des später nach ihr benannten Scores notiert. Sogleich habe sie damit begonnen, diesen in der Geburtshilfe-Abteilung der Klinik zu überprüfen [6]. Sie stellte den Score dann 1952 bei einer gemeinsamen Tagung der International Anesthesia Research Society und des International College of Anesthetists erstmals vor und publizierte ihn 1953 [7], [8]. Apgar wollte zunächst nur eine Bewertung eine Minute nach der Geburt durchführen lassen, um zu bewerten, wie das Neugeborene die Umstellung auf das extrauterine Leben verkraftet. Andere Kliniker begannen mit der Bestimmung nach einem längeren Intervall, um zu sehen, wie das Neugeborene auf Wiederbelebungsmaßnahmen reagiert. Und so wurde der 1- und 5-Minuten-Apgar-Score Standard [6]. Apgar hatte ursprünglich darauf gedrängt, dass die Punktevergabe durch einen Anästhesisten oder eine entsprechend ausgebildete Schwester erfolgt, denn sie hatte bemerkte, dass die Geburtshelfer oft unkritisch 10 Punkte vergaben [9]. Der Apgar-Score, der sich innerhalb von etwa 10 Jahren weltweit durchgesetzt hat [8], geht von 5 von ihr als wichtig erkannten klinischen Kenngrößen aus, die jeweils mit 0/1/2 aufgelistet und als Summe (also optimal 5 × 2 = 10) in einen prognostischen Index für Neugeborene zusammengefasst werden. In typischer Weise greift dieser klinische Score auf wichtige qualitative Beobachtungen zurück, die quantifiziert werden. Der Index ist somit eine Verbindung von subjektiven Urteilen über den Zustand eines Neugeborenen mit objektiven Daten [10].

Virginia Apgar, die ihre Projekte übrigens „arbeits“ nannte, identifizierte im Rahmen ihrer klinischen Tätigkeit weitere perinatologische Probleme. So arbeitete sie ab 1955 mit dem neuseeländischen Pädiater L. St. James zusammen. Sie beschäftigten sich mit Untersuchungen zum Säure-Basen-Haushalt und zur Oxigenierung bei normalen und asphyktischen Neugeborenen. Weitere Studien, die sich z. B. der Plazentadurchblutung widmeten, folgten [6].

Die Karriere von Virginia Apgar änderte 1959 ihre Richtung, nachdem sie nach einer 2-jährigen Beurlaubung von der klinischen Tätigkeit den Mastergrad in Public Health an der Johns-Hopkins-Universität erworben hatte. Sie wurde dann Leiterin für eine Abteilung mit angeborenen Fehlbildungen (Division of Congenital Malformations) bei der nationalen Hilfsorganisation March of Dimes [3]. Von 1960–1973 war sie nun weltweit unterwegs, warb Spenden für ihre Organisation ein und förderte die perinatologische Forschung [4].

Virginia Apgar starb am 7. August 1974 in einem New Yorker Krankenhaus an Leberversagen.

Sie war letztlich aktiv an der Entwicklung von 2 Spezialisierungen in der Medizin beteiligt: der Anästhesie und der Perinatologie. Somit ist es nur zu verständlich, dass sie anlässlich ihres 20. Todestages auf Anregung von J. Butterfield als bisher einzige Anästhesistin von der US-Post mit einer Porträtbriefmarke in der Serie Great Americans geehrt wurde [8] ([Abb. 3] und [4]).

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Abb. 3 Erstausgabe der Apgar-Briefmarke auf einem sog. Ganzsachenbrief, der Virginia Apgar als etwa 60-Jährige zeigt (Quelle: Sammlung M. David).
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Abb. 4 Weitere Erstausgabe der 20-Cent-Briefmarke Virginia Apgar auf einem farbenfroh gestalten Ganzsachenbrief (hand-printed first day cover) (Quelle: Sammlung M. David).

Diese postume Ehrung (1994) ist nicht zuletzt deshalb von besonderer Bedeutung, da Virginia Apgar auch eine aktive Philatelistin und Mitglied der American Philatelic Society war [10].

 
  • Literatur

  • 1 Butterfield J, Covey MJ. Practical epigram of the Apgar score (letter). JAMA 1962; 181: 353
  • 2 Galanakis E. Apgar score and Soranus of Ephesus. Lancet 1998; 352: 2012-2013
  • 3 Dubb A. Women in medicine: Viriginia Apgar (1909–1974). Adler Museum Bulletin 2001; 27: 18-19
  • 4 Brandt L, Brandt K. Zum 100. Geburtstag von Virginia Apgar, Würdigung der Entwicklerin des Apgar-Scores. Anaesthesist 2009; 58: 537-542
  • 5 Butterfield PM. Foundation of pediatrics. Virginia Apgar (1909–1974). Adv Pediatr 2012; 50: 1-7
  • 6 Calmes SH. And what about the baby? Virginia Apgar and the Apgar score. ASA Newsletter 1997; 61: 20-22
  • 7 Apgar V. A proposal for a new method of evaluation of the newborn infant. Curr Res Anesth Analg 1953; 32: 260-267
  • 8 Skolnick A. Apgar Quartet plays perinatologistʼs instruments. JAMA 1996; 276: 1939-1940
  • 9 Apgar V. The newborn (Apgar) scoring system. Reflections and advice. Ped Clin North Am 1966; 13: 645-650
  • 10 Gross R. Indices und Scores. Dt Ärztebl 1989; 86: A2223-A2224
  • 11 Giuca MS, Desai SP. Eponyms in the operating room: careers of five American physicians. Bulletin Anest Hist 2013; 31: 32 35–39