Laura geht nun schon seit Wochen in den Kindergarten und noch immer hat sie kein Wort
mit den Erzieherinnen oder den anderen Kindern gesprochen. Sie zeigt nur äußerst wenig
Gestik oder Mimik und meidet weitestgehend Blickkontakt.
Lauras Eltern beschreiben sie als lebhaftes, lautes Kind, das zuhause eher Zeichen
von Dominanz und Kontrolle als von Scheu an den Tag legt. Trotzdem bemerken auch sie
Lauras verändertes Verhalten, wenn sie im Kindergarten oder unter anderen "fremden"
Menschen ist.
Im Kindergarten
Oft sind es die Erzieherinnen im Kindergarten, die die Eltern erstmals mit dem veränderten
Verhalten ihres Kindes konfrontieren. Das Schweigen der Kinder wird sich wahrscheinlich
weder von selbst auflösen, noch von außen zu durchbrechen sein. Vielmehr sollte schrittweise
eine Kommunikationsanbahnung über alternative Kommunikationswege gefunden werden.
Schaffen Sie es, das Interesse des Kindes zu wecken, kann durch Malen, Rollenspiele,
Pantomime oder eine gemeinsam erarbeitete Zeichensprache ein erster Austausch im Kindergarten
stattfinden. Primär ist ein Kind mit Mutismus ein Kind. Es sollte an allen Aktivitäten
beteiligt werden, ohne dabei in den Mittelpunkt gerückt zu werden. Helfen Sie den
Eltern, einen geeigneten Therapieplatz für ihr Kind zu finden und stabilisieren Sie
die nonverbalen Kommunikationsformen, bevor sie den nächsten Schritt einer verbalen
Kontaktaufnahme angehen.
In der Schule
Es ist wichtig, dass sowohl alle Lehrer als auch die Mitschüler ausreichend informiert
sind, um dem Kind angemessene Hilfestellungen geben zu können und es so in die Klassengemeinschaft
zu integrieren. Wie geht man mit den mündlichen Leistungen um, die mit bis zu 60 %
die Gesamtnote mitbestimmen können? Aufgabe der Lehrer ist es, dem Kind Optionen zur
Kompensierung seines Schweigens anzubieten und so seine Teilhabe am Unterricht zu
gewährleisten. Hierbei kann das Schreiben einen kompensierenden Faktor darstellen.
Es ist keine Alternative, das Kind seine Schulzeit "absitzen" zu lassen, ohne es zu
fordern. Fördern und Fordern stellen auch in dieser speziellen Situation die Grundpfeiler
des Lernens dar. Durch sensibles, pädagogisches Handeln können Sie das Kind stärken,
sodass es gegebenenfalls eigenständig den Mut zum Sprechen findet. Zeigen Sie dem
Kind, dass es willkommen bei Ihnen ist und stärken Sie sein Selbstbewusstsein durch
positive Verstärkung. Setzen Sie das Kind bezüglich seines Schweigens nicht unnötig
unter Druck. Besprechen Sie sich mit seinem Therapeuten bezüglich des Vorgehens. Fängt
das Kind an zu sprechen, nehmen Sie es als natürlichen Schritt hin und stellen sie
das Kind und seine Stimme nicht in einen ungewollten Mittelpunkt. Ist das Schweigen
bis zum Beginn der Schulzeit nicht durchbrochen, sollte spätestens zu diesem Zeitpunkt
eine (schulbegleitende) Therapie begonnen werden.
Therapien
Die großen Fachbereiche, in welchen Therapien angeboten werden, sind die Sprachtherapie,
die Psychologie und die Psychiatrie. Die Relevanz der jeweiligen Therapieansätze hängt
mit den individuellen Ursachen für das mutistische Verhalten des einzelnen Kindes
zusammen.
(Selektiver-) Mutismus ist die "Sprechhemmung oder das Schweigen nach vollzogener
Sprachentwicklung bei vorliegender Sprach- und Sprechfähigkeit" [
1
]. Der Zeitpunkt des Schweigens kann vom Mutisten nicht bestimmt werden. Zumeist tritt
es in den Situationen auf, in denen der Mutist durch den Einfluss ihm nicht ausreichend
bekannter Menschen keine Kontrolle über das Geschehen erlangen kann.
Eine weitere, sich in Deutschland verbreitende Therapiemethode ist die Systemische
Mutismus-Therapie (SYMUT), die speziell auf die Bedürfnisse und Symptome von Menschen
mit Mutismus eingeht. Hier werden neben dem Phänomen des Nicht-Sprechens auch die
typischen Nebenerscheinungen, wie eine symbiotische Mutter-Kind-Beziehung oder zwanghafte
Kontrollmechanismen in die Therapie einbezogen.
Maria-Katharina Rolf, Frankfurt / Main