1. Nehmen Sie vor dem Gespräch Blickkontakt auf! Warum? Der Schwerhörige erkennt, dass die folgende(n) Worte/Rede an ihn gerichtet ist.
2. Achten Sie auf die richtige Entfernung! Warum? Absehen ist zwischen 0,5 m und 3,5 m möglich. Darunter ist es subjektiv unangenehm
und die Sprechbewegungen sind nur noch schwer zu differenzieren. Darüber werden die
Sprechbewegungen nicht ausreichend erkannt.
3. Kommunizieren Sie in Augenhöhe! Warum? Bei zu großem Höhenunterschied entsteht ein zu steiler Blickwinkel. Die Einsicht
in die Mundhöhle (zum Erkennen der Sprechorgane) wird erschwert oder unmöglich.
4. Bedenken Sie: Nebengeräusche (Störlärm wie Telefonklingel, Straßenlärm oder Patientengespräche)
erschweren dem Schwerhörigen das Hören! Warum? Bei Störschall fällt dem Schwerhörigen das Heraushören der gesprochenen Sprache besonders
schwer oder wird unmöglich. Also alle Störschallquellen ausschließen!
5. Sorgen Sie dafür, dass Ihr Gesicht beim Sprechen gut beleuchtet ist! Warum? Eine gute Ausleuchtung des Gesichts des Sprechers betont dessen Plastizität. Farbunterschiede
zwischen Lippen, Wangen und Mundinnerem kommen zur Geltung. Stehen Sie nicht mit dem
Rücken zum Fenster, Ihr Gesicht liegt dann im Dunkeln!
6. Wenden Sie dem Schwerhörigen beim Sprechen Ihr Gesicht zu! Warum? Nur so kann der Schwerhörige unvollständig Gehörtes über das Absehen ergänzen.
7. Sprechen Sie deutlich, langsam und akzentuiert! Warum? Der Schwerhörige muss mit den Augen die Sprechbewegungen verfolgen, um das Hören
zu unterstützen. Eine gute Prosodie und eine gut rhythmisierte Sprecherstimme erleichtern
das Wahrnehmen.
8. Reden Sie im gleichmäßigen Tempo! Warum? Der Schwerhörige kann sich so auf Ihren Redefluss einstellen. Seine Wahrnehmungssituation
verbessert sich.
9. Schreien Sie nicht! Warum? Schreien verzerrt die Sprache. Durch überlautes Sprechen versteht der Schwerhörige
nicht besser. Viele Schwerhörige sind zudem lärmempfindlich! Außerdem wirkt es aggressiv.
10. Formulieren Sie kurze, klare und vollständige Sätze! Warum? Dem Schwerhörigen fällt es so leichter, unvollständig Gehörtes zu ergänzen.
11. Wiederholen Sie bei Nichtverstehen freundlich und geduldig! Warum? Trotz Aufmerksamkeit verstehen Schwerhörige oft nicht sofort. Wiederholungen bieten
die Chance zum Ergänzen fehlender Anteile.
12. Unterstützen Sie durch Mimik und Gestik das Verstehen! Warum? Eine natürliche Mimik und Gestik erleichtert die Sprachperzeption. Als nonverbale
Kommunikationselemente tragen sie zur Entschlüsselung des Gesagten bei.
13. Achten Sie darauf, dass Ihr Gesicht während des Gesprächs nicht mit Gegenständen
(z.B. Anmeldekarteien, aufgeschlagener Laptop) verdeckt wird! Warum? Der Schwerhörige ergänzt nicht oder unvollständig Gehörtes durch Absehen. Verdecken
Sie Ihr Gesicht, fehlt ihm diese Möglichkeit!
14. Denken Sie daran: Piercings erschweren (verhindern) das Absehen! Warum? Piercings lenken (ebenso herunterhängende Ohrringe) vom Absehbild ab. Auch ein voller
oder kauender Mund macht Absehen unmöglich. Stützen Sie beim Sprechen das Kinn nicht
auf!
15. Hörgeschädigte reagieren oft verzögert. Seien Sie geduldig! Warum? Der Schwerhörige nimmt gesprochene Sprache über Hören und Absehen war. Er kombiniert
Hör- und Absehbild, um Fehlendes oder unvollständig Wahrgenommenes zu ergänzen. Dafür
braucht er Zeit.
16. Reagieren Sie auf die Antwort des Schwerhörigen freundlich, auch wenn diese zu laut,
zu leise oder u.U. agrammatisch ist! Warum? Der Schwerhörige kann die Lautstärke nicht kontrollieren. Geburtsschwerhörige beherrschen
die Grammatik mitunter nur eingeschränkt, da sie grammatische und syntaktische Strukturen
nur unvollständig wahrnehmen.
17. Verstehen Sie den Schwerhörigen nicht, bitten Sie freundlich um Wiederholung! Warum? Der Schwerhörige kann seine Aussprache nicht selbst kontrollieren und wird daher
mitunter nicht gut verstanden.
18. Vergewissern Sie sich, ob der Schwerhörige richtig verstanden hat! Warum? Oft ist dem Betroffenen selber nicht klar, dass er nicht verstanden hat. Stellen
Sie Rückfragen zum Inhalt. So können Sie sich vergewissern! Wenig hilfreich sind Fragen
wie "Haben Sie verstanden?". Es kann sein, dass der Schwerhörige verstanden hat (aber
nicht das Richtige) oder er sagt "Ja.", um sich nicht bloßzustellen.
19. Geben Sie besonders wichtige Mitteilungen schriftlich! Warum? So gewährleisten Sie, dass Termine und Absprachen eingehalten werden. Dem Schwerhörigen
vermittelt es Sicherheit.
20. Denken Sie immer daran: Zwischen geistigem und akustischem Verstehen liegt ein Unterschied!
Warum? Wer etwas nicht gehört hat, ist deshalb nicht "dumm".
Prof. Dr. Annette Leonhardt, München