ergopraxis 2011; 4(7/08): 14
DOI: 10.1055/s-0031-1284438
Wissenschaft

Fetales Alkoholsyndrom – Dauerhafte Unterstützung erforderlich

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Publication Date:
15 July 2011 (online)

 
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Menschen mit Fetalem Alkoholsyndrom (FAS) sind auch im Erwachsenenalter auf die Unterstützung ihrer Umwelt angewiesen („Fetales Alkoholsyndrom“). Zu diesem Ergebnis kamen die Psychologen Inga Freunscht und Dr. Reinhold Feldmann an der Universitätskinderklinik Münster.

Die Forscher führten 60 strukturierte Interviews mit den Bezugspersonen von jungen Erwachsenen mit FAS durch. Aus deren Sicht ist es für die Betroffenen schwierig, ihr Leben selbstständig zu bewältigen und verlässliche soziale Beziehungen aufzubauen. 38 Prozent von ihnen wohnen auch im Erwachsenenalter noch bei ihren Familien. Viele fallen durch emotionale und verhaltensbezogene Störungen wie Aggressivität, inadäquates Sexualverhalten oder Selbstverletzungen auf. Darüber hinaus erlebten drei Viertel der betroffenen jungen Erwachsenen in der Vergangenheit Formen körperlicher oder sexueller Gewalt. Außerdem brach ein Großteil von ihnen seine schulische und berufliche Ausbildung bereits ab oder wechselte mehrfach die Arbeitsstelle. Gegenwärtig gehen lediglich 24 Prozent von ihnen einer gewöhnlichen Erwerbstätigkeit nach, während 38 Prozent in einem geschützten Rahmen arbeiten und 24 Prozent arbeitslos sind.

Die Forscher schlussfolgern, dass junge Erwachsene mit FAS Unterstützung in allen Lebensbereichen benötigen. Sie fordern psycho- und arbeitstherapeutische Angebote, welche diese besonderen Bedürfnisse berücksichtigen.

akb

Klin Pädiatr 2011; 223: 33–37

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Kommentar

Die Studie von Freunscht und Feldmann zeigt sehr deutlich, wie wichtig eine umfassende Biografiearbeit in der psychiatrischen Ergotherapie ist. Denn oftmals vermutet und diagnostiziert man hinter den beschriebenen Symptomen wie Aggressivität oder inadäquatem Sexualverhalten andere Krankheitsbilder wie das Borderline-Syndrom oder manisch-depressive Erkrankungen. Es ist daher sinnvoll, die Spätfolgen eines FAS klar von den Symptomen einer artverwandten psychiatrischen Erkrankung zu differenzieren.

Besonders in der ergotherapeutischen Arbeit ergibt sich durch die Unterscheidung verschiedener Krankheitsursachen mit gleicher Symptomatik oftmals eine völlig andere Indikation. So könnten Ergotherapeuten bei ähnlichen Krankheitsbildern eher zu einer handwerklichen Therapie tendieren, während beim FAS eher arbeitstherapeutische Maßnahmen sinnvoll wären. Das heißt: Bleiben die länger verwurzelten Hintergründe im Dunkeln, wäre das ein Indiz dafür, warum sich kein Therapieerfolg einstellt.

Jana Ezell, Ergotherapeutin

FETALES ALKOHOLSYNDROM

Lebenslange Folgen

Das durch mütterlichen Alkoholmissbrauch während der Schwangerschaft ausgelöste Fetale Alkohol-syndrom (FAS) kann bei betroffenen Kindern zu physischen, kognitiven und Verhaltensstörungen führen. Zum Beispiel: Mikrozephalie, Herz-und Genitalfehlbildungen oder sprachliche Entwicklungsverzögerung. Hirnorganische Schädigungen treten häufiger auf als körperlich sichtbare Merkmale. Das gesamte Spektrum der vorgeburtlichen Alkoholschädigung fasst man unter dem Begriff „Fetal Alcohol Spectrum Disorders“ (FASD) zusammen.