physiopraxis 2021; 19(01): 14-15
DOI: 10.1055/a-1255-6829
Wissenschaft

Lernorte aneinander anpassen – Wissenschaft nachgefragt

Katrin Veit
 

Physiotherapeutin Annett Emmert stellte sich in ihrer Bachelorarbeit die Frage, wie Praxisanleiter am Lernort „Schule“ und jene am Lernort „Praxis“ die strukturelle, inhaltliche und qualitative Zusammenarbeit erleben. Ihr Ziel war es, Schwachstellen und Barrieren für eine kompetenzorientierte Kooperation dieser beiden Lernorte zu identifizieren.


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Annett Emmert … ... ist 54 Jahre alt und seit über 30 Jahren Physiotherapeutin und Osteopathin. Sie lebt in Nürnberg und leitet dort seit Oktober 2020 die Berufsfachschule für Physiotherapie „Medizinische Akademie IB MEDAU“. Das Studium Health Care Education/Gesundheitspädagogik beendete sie im Januar 2020 erfolgreich an der IB Hochschule in Berlin. Annett Emmert ist zudem Mitautorin des Physiofachbuchs „Physiotherapie bei Schmerzen“, das im Thieme Verlag erschienen ist. In den letzten Jahren legte sie ihren beruflichen Schwerpunkt vermehrt auf die Lehre in der Physiotherapie. In ihrer Freizeit macht sie gerne Yoga und Waldspaziergänge, liest und wandert im Hochgebirge. Abb.: Klinikum Ernst von Bergmann gGmbH

Die Arbeit

Damit lernende Physiotherapeuten ausreichend berufliche Handlungskompetenz erlangen, ist es wichtig, dass die theoretischen und praktischen Ausbildungsinhalte des Lernortes „Schule“ mit berufstypischen Situationen am Lernort „Praxis“ verknüpft sind. Optimalerweise geschieht dies durch eine kompetenzorientierte pädagogisch-didaktische Zusammenarbeit der Agierenden beider Lernorte. Annett Emmert wollte an einem Beispiel in Berlin herausfinden, wie die Lernortkooperation in der Physiotherapieausbildung auf struktureller, inhaltlicher und qualitativer Ebene umgesetzt wird und welche Schwachstellen es möglicherweise gibt.

Optimal ist es, wenn die Lernorte „Schule“ und „Praxis“ kooperieren.


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Methodik

Annett Emmert erhob die Daten anhand einer qualitativen Forschungsmethode durch vier leitfadengestützte Interviews. Sie sprach mit zwei Lehrkräften des Lernortes „Schule“, die aus der Perspektive der Praxisbegleitenden berichteten, und mit einer Physiotherapeutin und einem -therapeuten des Lernortes „Praxis“, die die Sichtweise der Praxisanleitenden schilderten. Ihre Daten wertete die Therapeutin anhand der zusammenfassenden Inhaltsanalyse in Anlehnung an Philipp Mayring aus.


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Ergebnisse

Annett Emmert hat in ihrer Bachelorarbeit herausgefunden, dass …

  • in ihrem Beispiel in Berlin auf struktureller, inhaltlicher und qualitativer Ebene keine Zusammenarbeit der Lernorte „Schule“ und „Praxis“ stattfindet.

  • dort zudem klare Rahmenbedingungen für die Lernortkooperation in der Physiotherapieausbildung fehlen.

  • ein schülerzentrierter, kompetenzfördernder Austausch zwischen den Agierenden der Lernorte zur Verzahnung von Theorie und Praxis nach Aussagen der Befragten nicht stattfindet.

  • die Befragten sich einen systematisierten Austausch zwischen den Lernorten wünschen, um die Lernenden kompetenzorientiert unterstützen zu können.


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Diskussion

Limitationen ihrer Bachelorarbeit sieht Annett Emmert in …

  • der geringen Probandenzahl, die sie im Zuge der Thesis erfasste, wodurch die Forschungsergebnisse zwar nicht repräsentativ sind, aber einen Erkenntnisgewinn zeigen, der die Relevanz der Thematik verdeutlicht.

  • ihrer fehlenden Erfahrung mit der Methode des problemzentrierten Interviews nach Witzel. Dadurch stellte Annett Emmert teilweise Fragen in ihrem Interviewleitfaden nicht offen genug oder formulierte sie suggestiv, was zu kurzen Antworten der Befragten führte.

  • der Auswahl der Befragten. Die Teilnehmenden vom Lernort „Praxis“ waren nur aus dem Bereich der Physiotherapiepraxis und nicht aus den Bereichen Krankenhaus oder Rehabilitationseinrichtung.


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Fazit

Zusammenfassend kann Annett Emmert festhalten, dass …

Es sollte „bezahlte“ Zeiten für die Zusammenarbeit geben.

  • die Einschätzung der Befragten zeigt, dass zielgerichtete Lernortkooperation gelingen kann, wenn strukturelle und institutionelle Rahmenbedingungen zwischen den Orten geschaffen werden.

  • dass die Gestaltung der Lernortkooperation keinen einheitlichen Rahmenbedingungen unterliegt und dadurch sehr individuell umgesetzt wird.

  • sich ein Bedarf an systematisierten Rahmenbedingungen für einen regelmäßigen Austausch und eine schülerzentrierte Zusammenarbeit bestätigt.

Katrin Veit


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Fragen anAnnett Emmert:

Warum haben Sie sich die Lernkooperation als Thema Ihrer Bachelorarbeit ausgesucht?

Mein Forschungsinteresse zum Thema der Lernortkooperation in der Physiotherapieausbildung resultierte aus meiner Arbeit als Lehrkraft und stellvertretende Schulleitung in der Physiotherapieausbildung in Berlin. Meine Erfahrungen haben gezeigt, dass die Kommunikation zwischen den Agierenden an den Lernorten eher auf rein organisatorischer Ebene abläuft. Eine pädagogisch-didaktisch zielorientierte Zusammenarbeit findet erfahrungsgemäß nicht statt.

Welche Empfehlungen können Sie auf Grundlage Ihrer Bachelorarbeit sowohl auf politischer als auch auf institutioneller Ebene geben?

Der in meiner Arbeit dargelegte Forschungsstand und meine Erfahrung zeigen, dass Lernortkooperation gelingen kann, wenn strukturelle und/oder institutionalisierte Rahmenbedingungen vorhanden sind. Deshalb ist es notwendig, dass berufspolitisch einheitliche Rahmenbedingungen in Abstimmung zwischen Bund und Ländern für die Ausbildung in der Physiotherapie geschaffen werden beispielsweise in Form eines einheitlichen Schulcurriculums. Auch eine pädagogische Qualifikation der Agierenden am Lernort „Praxis“ im Sinne einer Praxisanleiterqualifikation sollte als Bedingung in das Berufsgesetz implementiert werden. Ebenso sollten die Rahmenbedingungen in der Ausbildung so geschaffen werden, dass es den Schulen sowie den Praktikumseinrichtungen möglich ist, „bezahlte“ Zeiten für die Zusammenarbeit zu erhalten, um kompetenzorientiert agieren zu können.


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Publication History

Publication Date:
08 January 2021 (online)

© 2021. Thieme. All rights reserved.

Georg Thieme Verlag KG
Rüdigerstraße 14, 70469 Stuttgart, Germany


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Annett Emmert … ... ist 54 Jahre alt und seit über 30 Jahren Physiotherapeutin und Osteopathin. Sie lebt in Nürnberg und leitet dort seit Oktober 2020 die Berufsfachschule für Physiotherapie „Medizinische Akademie IB MEDAU“. Das Studium Health Care Education/Gesundheitspädagogik beendete sie im Januar 2020 erfolgreich an der IB Hochschule in Berlin. Annett Emmert ist zudem Mitautorin des Physiofachbuchs „Physiotherapie bei Schmerzen“, das im Thieme Verlag erschienen ist. In den letzten Jahren legte sie ihren beruflichen Schwerpunkt vermehrt auf die Lehre in der Physiotherapie. In ihrer Freizeit macht sie gerne Yoga und Waldspaziergänge, liest und wandert im Hochgebirge. Abb.: Klinikum Ernst von Bergmann gGmbH