Aktuel Urol 2019; 50(06): 566-568
DOI: 10.1055/a-0976-8665
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Genexpression und Histologie bei interstitieller Zystitis/Blasenschmerzsyndrom

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Publication Date:
26 November 2019 (online)

 

Bei der interstitiellen Zystitis bzw. dem Blasenschmerzsyndrom (IC/BPS) handelt es sich um ein ätiologisch unklares Krankheitsbild, das durch Beschwerden der unteren Harnwege – beispielsweise Blasenschmerzen, Drangsymptomatik und häufiges Wasserlassen – gekennzeichnet ist. Japanische Forscher haben systematisch die Genexpression, die Inflammation sowie die Neovaskularisation bei Betroffenen mit unterschiedlichen Erkrankungsformen untersucht.


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Entsprechend der endoskopischen Auffälligkeiten unterscheidet man 3 IC/BPS-Subtypen, berichten die Wissenschaftler: Eine Erkrankungsform mit Nachweis von Hunner-Läsionen (geschwürartige Verletzungen der Harnblasenwand), eine Form ohne Hunner-Läsionen aber mit Nachweis von Glomerulationen (multiple Blutungen bei Blasendehnung) sowie eine Form ohne Hunner-Läsionen und Glomerulationen. Um eine molekulare Taxonomie der Erkrankung erstellen zu können, analysierte die Arbeitsgruppe das Transkriptom-Profil von IC/BPS-Patienten und verglichen es mit dem gesunder Kontrollen. Ferner beleuchteten sie die biologischen Mechanismen der einzelnen Erkrankungs-Subtypen. Ihr Ziel war es dabei, diagnostische Biomarker und potenzielle Therapieziele zu finden. Das Studienkollektiv umfasste 33 IC/BPS-Patienten – in 12 Fällen lagen Hunner-Läsionen vor, in 11 Glomerulationen ohne Hunner-Läsionen und in 10 weder Glomerulationen noch Hunner-Läsionen – sowie 9 beschwerdefreie Personen. Zunächst führten die Wissenschaftler anhand von Blasenmukosa-Biopsien eine RNA-Sequenzierung durch und verglichen die 3 IC/BPS-Subtypen im Hinblick auf differentiell exprimierte Gene. Identifizierte Kandidatengene wurden anschließend mittels quantitativer PCR und Immunhistochemie validiert. Ferner quantifizierten die Forscher die subepithelialen lymphoplasmozytischen Zellinfiltrate sowie die Gefäßdichte und prüften den Zusammenhang zwischen der Überexpression von Kandidatengenen und dem Symptomschweregrad.

Ergebnisse

Die Patienten mit Hunner-Läsionen wiesen ein spezifisches Genexpressionsprofil auf, das sich durch die Up-Regulation von 3004 und die Down-Regulation von 2796 Genen auszeichnete. Diese Gene spielten unter anderem bei immunologischen und infektionsbedingten Prozessen eine Rolle. Ferner fanden die Wissenschaftler in den Biopsien der Patienten mit Hunner-Läsionen eine signifikant höhere Dichte subepithelialer lymphoplasmozytischer Zellen sowie eine signifikant dichtere Mikrovaskularisation. Drei identifizierte Kandidatengene – CD31, VEGF und BAFF – wurden von den Patienten mit Hunner-Läsionen signifikant stärker exprimiert als von den Patienten mit den beiden anderen IC/BPS-Subtypen bzw. den Kontrollen. Die Überexpression der Kandidatengene VEGF und BAFF korrelierte dabei mit dem Symptomschweregrad. Die Patienten mit den beiden IC/BPS-Subtypen ohne Nachweis von Hunner-Läsionen unterschieden sich bezüglich des Genexpressionsprofils nicht von den Kontrollen. Gleiches galt für die Dichte subepithelialer Entzündungszellen sowie die Gefäßdichte.

Fazit

Der IC/BPS-Subtyp mit Hunner-Läsionen, so das Fazit der Autoren, zeichnet sich durch ein charakteristisches genomisches und histologisches Profil aus, das offenbar – im Sinne einer Panzystitis – in Zusammenhang mit der Immunantwort und Infektionen steht. Sie sprechen sich dafür aus, den Hunner-Subtyp angesichts der spezifischen Pathophysiologie als eigenständige Erkrankungsform einzustufen. VEGF und BAFF stellen ihrer Einschätzung zufolge vielversprechende Biomarker bzw. Therapieziele dar.

Dr. med. Judith Lorenz, Künzell

Studien-Kommentar

Die referierte Studie bringt wertvolle Erkenntnisse, indem sie v. a. klinisch und wissenschaftlich Relevantes bestätigt.


Die japanischen Kollegen untermauern molekulargenetisch den klinisch inzwischen vorherrschenden Eindruck, dass Hunner Typ BPS/IC eine eigene Entität und weniger einen bloßen Subtyp der Erkrankung darstellen könnte.


Die vergleichende Gewebeanalyse von Hunner Läsion befallenen Harnblasen inklusive Biopsien aus läsionsfreien Blasenarealen bestärk die Vermutung, dass es sich um eine schwere Panzystitis handelt, mit der Hunner Läsion als „Spitze des Eisbergs“ und demaskierendes „signum malle omnis“. Der Anregung der Autoren, dass der Entstehung- und Entwicklungsprozess der Läsionen identifiziert und nachverfolgt werden sollte, um die Erkrankung besser zu verstehen und zu therapieren, kann man nur zustimmen. Vielleicht gibt es doch nur eine wahre Interstitielle Zystitis, nämlich die Hunner Läsion Panzystitis, und alle anderen Formen vermeintlich unerklärbarer Blasenschmerzsyndrome sind doch nur chronisch (bakterielle) Infekte mit insuffizienter Keimidentifizierung oder eine komplett ausgeuferte OAB mit exzessivster Drangintensität, die nur noch als schmerzhaft empfunden und charakterisiert wird?


Die Hochregulation von VEGF als „player“ im ätiopathologischen Prozess wird eindrucksvoll bestätigt. AntiVEGF Moleküle werden folgerichtig als Therapiekonzept ins Spiel gebracht wobei hier wohl auf die Euphoriebremse gedrückt werden muss, da bislang alle molekularen Therapieansätze der BPS/ IC nicht zu Leibe rücken konnten, so zuletzt erst ein SHIP1 Aktivator (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/31090511).


Da aktuelle und va. auch zukünftige Therapiestudien Hunner Typ Patienten aufgrund ihrer Symptomschwere und Therapierefraktärität auszuschließen anstreben, werden sich die Studiensponsoren mit der Abwägung konfrontiert sehen ob sie nur noch nach rein zystoskopischen Kriterien triagieren wollen oder ob in aufwendigere Genomanalysen investiert werden sollte. Die Zulassungsbehörden werden sich wohl eher Letzteres wünschen.


Autorinnen/Autoren

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Univ.-Prof. Dr. med. Arndt van Ophoven, Marien Hospital Herne, Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum

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Univ.-Prof. Dr. med. Arndt van Ophoven, Marien Hospital Herne, Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum