Zahnmedizin up2date 2020; 14(03): 239-252
DOI: 10.1055/a-0740-2451
Prothetik

Die Versorgung von Lückengebisssituationen durch Verbundbrücken

Sebastian Quaas
,
Thomas Martin
,
Ralph Luthardt
 

Verbund- oder Hybridbrücken stellen ein kontrovers diskutiertes restauratives Versorgungskonzept dar. Für den Patienten steht oft der Wunsch nach einer festsitzenden Versorgung mit geringem operativen und finanziellen Aufwand im Vordergrund. Doch darf man überhaupt natürliche Zähne mit Implantaten verbinden? Oder führt dies möglicherweise zu riskanten verblockten Konstruktionen? Der Beitrag bietet eine Literaturübersicht und praktische Hinweise.


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Einleitung

Verbindung von Zähnen und Implantaten

Wenn strategische Pfeiler fehlen, stellen Verbundbrücken grundsätzlich eine Versorgungsoption dar, welche die prothetische Therapie vereinfachen kann. Vorteile einer reduzierten Anzahl an Implantaten sind

  • verminderte Kosten (chirurgische und prothetische Komponenten) und

  • geringerer chirurgischer Aufwand (Vermeidung von Augmentationen).

Der Einsatz von Verbundbrücken erfordert eine Verbindung von osseointegrierten Implantaten und natürlichen, parodontal gelagerten Zähnen. Verbundbrücken können in ihrer Minimalkonfiguration nur einen natürlichen Pfeiler und ein Implantat umfassen. Große Verbundbrücken dagegen können einen ganzen Kiefer versorgen. Dabei ergänzen strategisch gesetzte oder vorhandene Implantate die natürlichen Pfeiler als Brückenpfeiler. Alle Möglichkeiten zwischen beiden Varianten werden trotz der Heterogenität als Verbundbrücken bezeichnet (auch in klinischen Untersuchungen). Extensionsbrücken können in unterschiedlichen Varianten ebenfalls als Verbundbrücken gestaltet sein.

Definition

Als Verbundbrücken werden festsitzende bzw. bedingt abnehmbare Zahnersatzkonstruktionen bezeichnet, die zumindest einen Zahn und mindestens ein Implantat verbinden (DGI).

Rigide versus nonrigide

Natürliche Pfeiler und Implantate können „rigide“ (starr) verbunden werden. Hierbei wird das Implantat mit eingeschraubtem Abutment wie ein zusätzlicher Brückenpfeiler behandelt, und die Brücke wird konventionell zementiert. Eine „nonrigide“ Verbindung von natürlichem Zahn und Implantat hingegen lässt bei beiden Pfeilern unterschiedlich große Bewegungen zu. Die entsprechenden technischen Konzepte basieren auf der theoretisch uneinheitlichen Beweglichkeit von natürlichem Pfeiler und Implantat im Alveolarknochen. Eine nonrigide Verbindung kann auf mehrere Arten erreicht werden:

  • In den Brückenkörper zwischen natürlichem Pfeiler und Implantat kann ein Teilungsgeschiebe eingearbeitet werden. Dieses kann zusätzlich verschraubt sein.

  • In die Implantat-Abutment-Verbindung können resiliente Elemente (IME, intramobile Einheiten, IMZ Implantatsystem) eingearbeitet werden. Diese simulieren für das Implantat die Beweglichkeit des natürlichen Pfeilers [1].

  • Eine Besonderheit ist eine bedingt abnehmbar gestaltete Verbundbrücke im Sinne der „Greifswalder Verbundbrückentechnologie“ [2].

Bei dieser letztgenannten Option wird der natürliche Pfeiler durch ein fest zementiertes Schutzkäppchen (Galvanogold) versorgt. Die Verbundbrücke wird auf dem Schutzkäppchen sowie auf dem Implantatabutment semipermanent mit einem Acryl-Urethan-Zement (ImProv, Dentegris, Duisburg, D) zementiert. Der natürliche Pfeiler und das Implantat werden in diesem Fall rigide verbunden. Im Falle einer Dezementierung kommt es zu einer nonrigiden Verbindung, ohne dass der Pfeilerzahn Schaden nimmt. Ein Nachteil ist der hohe technische Aufwand bei der Herstellung dieser Restaurationsart.

Infobox

Biomechanik

Da ein eingeheiltes Implantat fest im Alveolarknochen sitzt, scheint eine starre Verbindung mit einem relativ beweglichen Pfeilerzahn risikoreich. Bei geringen Belastungen sind jedoch keine Unterschiede im biomechanischen Verhalten von Pfeilerzahn und Implantat nachweisbar. Bei kurzzeitig auftretenden, stärkeren Belastungen hingegen kommt es zu einer Angleichung der Beweglichkeit von Zahn und Implantat. Grund dafür ist zum einen

  • die Trägheit bei der Verdrängung von Flüssigkeiten im Alveolarknochen, und zum anderen

  • die verzögerte elastische Deformation des Faserapparates.

Zusätzlich gleicht die elastische Deformation der Gegenbezahnung und des Kieferknochens die unterschiedlichen Resilienzen von Pfeiler und Implantat aus [3], [4]. Daher sind aus biomechanischer Sicht Zähne und Implantate bei funktioneller Belastung bezüglich ihrer Resilienz als gleichwertig einzustufen [5].


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Literaturübersicht

Aufgrund der unterschiedlichen Philosophien und Konzepte führten wir eine Literaturrecherche in MEDLINE nach systematischen Reviews und klinischen Studien zu Zahn-Implantat-getragenen Versorgungen durch. Ziel dabei war, das aktuell verfügbare Wissen über Verbundbrücken zu sammeln, zusammenzufassen und kritisch zu bewerten. Eine stufenweise Analyse der Publikationen auf der Ebene der Titel, Abstracts und der Volltexte fand durch zwei unabhängige Wissenschaftler statt. Publikationen, die älter als 20 Jahre waren, nicht in englischer Sprache verfasst oder vom Titel außerhalb der gewählten Thematik waren, wurden aussortiert. Es erfolgten ein Screening der Abstracts und eine Reduktion der Literatur um Case Reports und In-vitro-Studien.

Übrig blieben 26 Artikel für eine Volltextrecherche, darunter 3 Metaanalysen und systematische Reviews, von denen 2 Publikationen eingeschlossen wurden. Weiter in die Literaturübersicht eingeschlossen wurden: von den 4 systematischen Reviews 2 Publikationen, zudem beide randomisierten klinischen Studien sowie 1 weitere klinische Studie und 7 von 12 Kohortenstudien. Ein Case Report sowie 4 einfache Reviews wurden aus der Literaturübersicht ausgeschlossen ([Tab. 1]).

Tab. 1 Ergebnisse der systematischen Literaturrecherche (eine Literaturstelle ist doppelt aufgeführt).

Studientyp

Treffer

eingeschlossen

ausgeschlossen

systematische Literaturübersicht und Metaanalyse

3

2

1

systematische Literaturübersicht (1 mit Case Report)

4

2

2

randomisierte, kontrollierte klinische Studie

2

2

0

klinische Studie

1

1

0

Kohortenstudie

12

7

5

Case Report (mit systematischer Literaturübersicht)

1

0

1

Literaturübersicht

4

0

4

Somit stehen 4 eingeschlossenen systematischen Übersichtsarbeiten 2 randomisierte klinische Studien gegenüber, von denen allerdings nur eine Verbundbrücken mit ausschließlich implantatgetragenen Versorgungen vergleicht [6]. Die untersuchten prothetischen Behandlungskonzepte waren dabei sehr variabel ([Tab. 2]).

Tab. 2 Ausgewählte Ergebnisse der systematischen Literaturrecherche.

Autoren

Jahr

Studiendesign

Restaurationstyp

Outcome

I-Brücke: rein implantatgetragene Brücke; I-Einzelkrone: Krone auf Implantat; V-Brücke: Verbundbrücke

Muddugangadhar BC et al. [7]

2015

systematische Übersicht und Metaanalyse

  • I-Einzelkronen

  • I-Brücken

  • V-Brücken

jährliche Misserfolgsraten von

  • 0,684 für I-Einzelkronen

  • 0,881 für I-Brücken

  • 1,514 für V-Brücken

Tsaousoglou P et al. [12]

2016

systematische Übersicht und Metaanalyse

V-Brücken

Überlebensrate der

  • Implantate 90 – 100%

  • Ankerzähne 94,1 – 100%

  • V-Brücken 85 – 100% (12 – 120 Monate)

Gunne J et al. [6]

1999

randomisierte kontrollierte Studie

I-Brücken und

V-Brücken

Überlebensrate der

  • I-Brücken 80%

  • V-Brücken 85% bei hohen Raten an frühen Implantatverlusten

Fazit: Die Literaturlage ist spärlich, und die Studien und ihre prothetischen Konzepte sind inhomogen. Deshalb schlussfolgern besonders ältere Reviews, dass Verbundbrücken ein nachrangiges Therapeutikum sind [8], [9]. Einige Studien geben allerdings Hinweise darauf, dass Verbundbrücken durchaus gute klinische Ergebnisse zeigen.

Randomisierte klinische Studien

Rigide vs. nonrigide

Block et al. untersuchten in einer randomisierten klinischen Studie mit einem prospektiven Split-Mouth-Design bei 30 Patienten den Unterschied zwischen rigider und nonrigider Verblockung von natürlichem Zahn und Implantat. In beiden Therapiearmen wurden Intrusionen festgestellt, nämlich bei

  • 14 Patienten mit nonrigider Verbindung und

  • 10 Patienten mit rigider Verbindung.

Merke

Hinsichtlich des marginalen Knochenverlusts gab es keine Unterschiede, jedoch benötigten die nonrigide verbundenen Brücken deutlich mehr Nachbehandlungsbedarf [10].


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Verbundbrücken vs. rein implantatgetragene Brücken

Allein Gunne et al. verglichen in einer Publikation (1999) Verbundbrücken mit rein implantatgetragenen Versorgungen ([Tab. 2]). Die in der Studie benutzten Implantate hatten ausschließlich maschinierte Oberflächen. Bei Patienten mit beidseits verkürzten Zahnreihen wurde die eine Seite mit einer implantatgetragenen Brücke (2 Implantate) versorgt und die andere Seite mit einer rigide verblockten Verbundbrücke (Implantat und natürlicher Pfeilerzahn). Ergebnisse dieses randomisierten, prospektiven Split-Mouth-Designs [6]:

  • Zwischen beiden Therapiearmen ergaben sich keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich des marginalen Knochenverlusts; die Verbundbrücken zeigten dabei dezent geringere marginale Knochenverluste.

  • 4 Implantatbrücken und 2 Verbundbrücken gingen in 5 Jahren verloren (8 Implantatverluste, einschließlich 1 Frühverlust in der Einheilphase).

  • Nach 5 Jahren gingen keine Implantate mehr verloren.

  • Die ermittelte kumulative Success-Rate betrug 88% nach 10 Jahren.

Akca et al. verglichen in einer klinisch kontrollierten Studie ohne Randomisierung 34 rigide verblockte Verbundbrücken mit 15 rein implantatgetragenen Brücken und untersuchten diese über 24 Monate nach. Die eingesetzten Verbundbrücken hatten höchstens 3 okklusale Einheiten und einen Abstand von maximal 11 mm zwischen einbezogenem Pfeilerzahn und Implantat. Ergebnisse [11]:

  • In Bezug auf Änderungen des marginalen Knochenniveaus an den Implantaten zeigten sich keine klinisch relevanten Unterschiede zwischen beiden Versorgungsformen.

  • Im gesamten Verlauf der Studie wurde eine Wurzelbehandlung an einem Pfeilerzahn notwendig.

  • Es kam zu 3 Abplatzungen der Verblendkeramik auf rein implantatgetragenen Brücken.

  • Lockerungen des Abutments, Schraubenlockerungen, Implantat- oder Abutmentfrakturen wurden nicht festgestellt.

  • Feststellbar waren statistisch signifikante Verluste des marginalen Knochenniveaus gegenüber der Ausgangslage

    • bei den Verbundbrücken nach 6 – 12 Monaten und

    • bei den implantatgetragenen Brücken zwischen 12 und 24 Monaten.

  • Die beschriebenen kumulativen Erfolgsraten, basierend auf den mittleren marginalen Knochenverlusten über 24 Monate, waren jedoch bei den Verbundbrücken besser vorhersagbar als bei den rein implantatgetragenen Brücken.

Merke

Es wurde geschlussfolgert, dass kurzspannige Verbundbrücken ähnliche klinische Ergebnisse zeigen wie rein implantatgetragene Versorgungen [11].


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Systematische Reviews

Muddugangadhar et al. führten eine Metaanalyse und einen systematischen Review der vorhandenen Literatur durch ([Tab. 2]). Dies erfolgte mit einer MEDLINE-Suche, gefolgt von einer Schneeballsuche und einer zusätzlichen Handsuche (1986 – 2015) aller relevanten Zeitschriften nach klinischen Studien. Dabei wurden Publikationen mit einem Beobachtungszeitraum von weniger als 5 Jahren nicht einbezogen, ebenso nicht Surveys, Case Reports und einfache Reviews. Somit basiert der Artikel auf prospektiven oder retrospektiven Kohortenstudien. Aufgrund der unzureichenden Literaturgrundlage und fehlender Langzeitstudien wurde geschlussfolgert, dass Brücken auf Implantaten der Vorzug gegenüber Verbundbrücken gegeben werden sollte. Verbundbrücken sollten nur bei anatomischen Einschränkungen, Implantatversagen, Patientenpräferenz oder als Therapie der 2. Wahl zum Einsatz kommen [7].

Tsaousoglou et al. bestimmten in einer Metaanalyse und einem systematischen Review die Überlebensraten sowie die technischen und biologischen Komplikationsraten von Verbundbrücken. Dabei wurde elektronisch in MEDLINE sowie in EMBASE, Google Scholar beta und in der Cochrane Database gesucht. Zusätzlich erfolgte eine Handsuche in relevanten Zeitschriften nach klinischen Studien mit einer mindestens 12-monatigen Nachuntersuchungszeit. 10 Studien aus 3587 Treffern wurden in die Auswertung eingeschlossen. Resultate [12]:

  • Die Überlebensraten

    • der Implantate betrugen 90 – 100%,

    • der Ankerzähne 94,1 – 100% und

    • der Verbundbrücken 85 – 100% (über 12 – 120 Monate) ([Tab. 2]).

  • Die häufigsten biologischen Komplikationen waren periapikale Veränderungen (16,6%).

  • Die häufigsten technischen Komplikationen waren Chipping (16,6%) sowie Schraubenlockerungen (15%).

  • Intrusionen der Pfeilerzähne zeigten sich in der Gruppe mit

    • rigider Verbindung von Pfeilerzahn und Implantat in 0%, und mit

    • nonrigider Verbindung bei 8,19%; dabei trat die Intrusion des Pfeilerzahns oft in Zusammenhang mit technischen/mechanischen Komplikationen auf.

Merke

Die Verbundbrücke scheint eine mögliche Alternative zu rein implantatgetragenen Versorgungen zu sein. Es gibt geringgradige Evidenz für die rigide Verblockung. Das Hauptproblem bei nonrigider Verblockung ist die Intrusion der Pfeilerzähne.


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Eigene klinische Untersuchungen

Ziel und Methodik

Eigene Untersuchungen hatten zum Ziel, den klinischen Erfolg zu vergleichen von Lückenversorgungen durch

  • 2 implantatgetragene verblockte Einzelzahnrestaurationen bzw. durch

  • eine Verbundbrücke mit 1 Implantat und 1 natürlichen Pfeilerzahn ([Abb. 1]).

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Abb. 1 Methodik der klinischen Studie.

In einer prospektiven, randomisierten klinischen Studie wurden 40 Patienten nach definierten Ein- und Ausschlusskriterien bzw. Lückengebisssituationen ([Tab. 3]) mit 2 implantatgetragenen Einzelkronen oder einer Verbundbrücke in zufälliger Verteilung versorgt. Alle Patienten wurden nach Kiefer (Ober-/Unterkiefer) und anteriorer/posteriorer Position des natürlichen Pfeilerzahns (Freiendsituation bzw. Schaltlücke) stratifiziert.

Tab. 3 Einschlusskriterien – mögliche Versorgungsformen.

Kiefer

Situation

implantatgetragene Restauration

Verbundbrücke

1…7 = natürlicher Zahn; x = fehlender Zahn; p = Pontic; i = Implantat; | = Kiefermitte

Oberkiefer/Unterkiefer

1|x x 3

1|i-i 3

1| i-p-3

1| p-i 3

1 x x 4

1 i-i 4

1 i-p-4

1-p-i 4

2 x x 5

2 i-i 5

2 i-p-5

2-p-i 5

3 x x 6

3 i-i 6

3 i-p-6

3-p-i 6

3 x x x x

3 i-i

3-p-i

nur Unterkiefer

4 x x 7

4 i-i 7

4 i-p-7

4-p-i 7

4 x x x

4 i-i

4-p-i

Die präimplantologische Diagnostik erfolgte mittels CBCT und einer softwaregeplanten Implantatposition (Facilitate, Materialise AB, Leuven, Belgien). Die Implantate wurden nach einem standardisierten Verfahren schablonengeführt inseriert und nach 3 Monaten Einheilphase freigelegt. Die Abformung der Implantate erfolgte mit einem offenen Löffel. Standardisierte Titanabutments wurden für die Versorgung beider Therapiearme (je 20 Patienten) benutzt. Die Kronen- und Brückengerüste wurde CAD/CAM-gestützt aus Zirkoniumdioxid oder edelmetallfreier Legierung gefertigt. Alle Kronen- und Brückengerüste wurden vollständig keramisch verblendet und mit einem Glasionomerzement (Ketaccem, 3M Health Care, Seefeld, D) definitiv eingegliedert.


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Nachuntersuchungen

Die Nachuntersuchungszeit ist auf 5 Jahre angelegt, und zwar mit Kontrollen direkt nach der Eingliederung (Baseline) und nach 6, 12, 24, 36 und 60 Monaten. Dabei werden folgende Parameter erfasst:

  • Implantatverluste

  • Alveolarkammniveau

  • Plaque-Index

  • Taschentiefe

  • Attachmentverluste (rCAL, relative Clinical Attachment Level)

  • Intrusion des Implantats

  • biologische und technische Komplikationen

Auch die Zufriedenheit der Patienten mit dem ästhetischen Ergebnis wird evaluiert und anhand einer visuellen Analogskala (VAS) erfragt (Werte von 1 bis 10).

Die Auswertung der Ergebnisse erfolgt mit deskriptiven Statistiken und Kaplan-Meier-Analysen, bzw. hinsichtlich der VAS-Werte zur Patientenzufriedenheit statistisch mit SPSS (Version 23.0, IBM Corp., USA). Alle Patienten befinden sich derzeit in der Nachuntersuchungsphase. Der mittlere Nachuntersuchungszeitraum beträgt derzeit 29,4 Monate. Eine Patientin verstarb, und eine Restauration wurde aufgrund einer Nichtadaptation (Wangenbeißen) neu angefertigt.

Ein Implantatverlust trat in der Gruppe der implantatgetragenen Restaurationen nach 10,8 Monaten auf (biologischer Misserfolg). Zwei Fälle von Chipping der Verblendkeramik traten bei einer implantatgetragenen Restauration auf (technischer Misserfolg). Die Versorgungen mussten erneuert werden. In beiden Fällen war das Chipping auf ein unzureichendes Gerüstdesign zurückzuführen, welches die Verblendfraktur begünstigte. Die bisherigen Ergebnisse haben noch vorläufigen Charakter ([Abb. 2], [Abb. 3], [Abb. 4]), die endgültigen Schlussfolgerungen können erst nach dem Vorliegen der 5-Jahres-Ergebnisse gezogen werden.

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Abb. 2 Biologischer Misserfolg (Implantatverlust). Verbundbrücken (blau), Implantatrestaurationen (grün).
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Abb. 3 Technischer Misserfolg (major Chipping, Erneuerung erforderlich). Verbundbrücken (blau), Implantatrestaurationen (grün).
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Abb. 4 Technische Komplikation (minor Chipping). Verbundbrücken (blau), Implantatrestaurationen (grün).
Merke

Generell zeigt sich derzeit kein erhöhtes Verlustrisiko für Implantate bei Verbundbrücken. Jedoch fällt auf, dass Nachbehandlungen aufgrund von technischen Komplikationen erforderlich wurden.


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Diskussion und Differenzialtherapie

Indikationen

Die Indikationen für Verbundbrücken sind abhängig von

  • der Anzahl der zu ersetzenden Zähne,

  • der Länge der Freiend- oder Schaltlückensituation,

  • dem vorhandenen Hart- und Weichgewebsangebot sowie

  • dem Zustand des angehängten natürlichen Pfeilers [13], [14].

Eine wichtige Rolle bei der Therapieauswahl spielen zudem die Qualität des Knochens sowie die Restzahnsubstanz und bereits vorhandene Restaurationen.

Zusätzlich sollte bei der Entscheidung zwischen einer rein implantatgetragenen Versorgung und einer Verbundbrücke die Kosten-Nutzen-Relation für den Patienten einbezogen werden. Ein hoher operativer Aufwand durch laterale Augmentationen oder Einlagerungsplastiken (z. B. Sinuslift) für das zweite Implantat reduziert die Effizienz der Versorgungsform gegenüber einer Verbundbrücke [2], [15]. Ziel ist, eine komplexe prothetische Situation durch den Einsatz einer Verbundbrücke zu vereinfachen. Daher muss für eine sichere Retention der Krone eine Präparationsform mit ausreichend großer Retentionsmanschette gewählt werden ([Tab. 4]).

Tab. 4 Differenzialindikation: Verbundbrücke vs. 2 Implantate.

pro Verbundbrücke

pro implantatgestützte Versorgung

lückenbegrenzender Pfeiler benötigt eine Restauration

lückenbegrenzender Pfeiler naturgesund oder saniert

lückenbegrenzender Pfeiler hat ausreichend Restdentin für eine Retentionsmanschette

lückenbegrenzender Pfeiler restaurativ kompromissbehaftet

lückenbegrenzender Pfeiler vital

lückenbegrenzender Pfeiler avital

lückenbegrenzender Pfeiler ohne parodontale Vorschädigung

lückenbegrenzender, parodontal gesunder Pfeiler mit reduziertem Attachmentniveau

eingeschränktes Knochenangebot

ausreichendes Knochenangebot

Augmentation nicht möglich oder nicht erwünscht

notwendige Augmentationen mit hoher Erfolgswahrscheinlichkeit

späteres Kronen-Implantat-Längenverhältnis kleiner als 2,0

späteres Kronen-Implantat-Längenverhältnis größer als 2,0

Schaltlücke mit weniger als 14 mm Zahnabstand

Schaltlücke mit mindestens 14 mm Zahnabstand

Merke

Unabdingbar für die Einbeziehung des Pfeilers sind ein guter parodontaler (keine Lockerung bzw. maximal Grad I) und endodontischer (vitaler) Zustand des Pfeilerzahns. Es darf kein prothetisch schwacher Pfeiler durch Implantate stabilisiert werden!


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Freiendsituationen

Bei der Versorgung unilateraler oder bilateraler Freiendsituationen bietet sich eine Verlängerung der verkürzten Zahnreihe durch Implantate an. Geht man von einer Rekonstruktion der Zahnreihe bis einschließlich der ersten Molaren aus, kann bei vorhandenen ersten Prämolaren eine differenzialtherapeutische Entscheidung zwischen 2 Implantaten und einer Verbundkonstruktion getroffen werden. Eine Extensionsbrücke auf 2 Implantaten zeigt den gleichen klinischen Erfolg wie eine implantatgetragene Endpfeilerbrücke [16].

Merke

Kritisch zu bewerten sind Verbundbrücken als Extensionsbrücken (z. B. z-i-p). Hier scheint die ganze Kaubelastung auf dem Implantat zu liegen und nicht auf dem Pfeilerzahn. Für den klinischen Erfolg dieser Versorgung gibt es keine Evidenz [17].


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Schaltlücken

Für Schaltlücken, bei denen 2 Zähne fehlen, kann ebenfalls eine differenzialtherapeutische Entscheidung zwischen 2 Implantaten und einer Verbundkonstruktion getroffen werden. Bei mehr als 2 fehlenden Zähnen können Anzahl und strategische Position der Implantate unter Berücksichtigung beider Versorgungsoptionen gewählt werden. So besteht die Möglichkeit, durch zusätzliche Einzelzahnimplantate die Schaltlücke gezielt zu verkleinern, um dreigliedrige Verbundkonstruktionen einsetzen zu können.

Infobox

Kontraindikationen für Verbundbrücken

Bei der Verwendung von Pfeilerzähnen mit eingeschränkter prothetischer Wertigkeit, d. h.

  • avitaler Pfeiler (v. a. mit Stift-Stumpf-Aufbau),

  • parodontal vorgeschädigter Pfeilerzahn,

  • Pfeilerzahn mit Furkationsbefall, sowie

  • großer Zahnhartsubstanzverlust des Pfeilerzahns

ist für Verbundkonstruktionen mit einer erhöhten Zahl von Misserfolgen zu rechnen [18], [19].


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Fallbeispiele

Schaltlücke Oberkiefer

Das Fallbeispiel 1 zeigt eine Oberkiefersituation mit einer Schaltlücke im 2. Quadranten aufgrund fehlender Prämolaren (3 x x 6). Die Lücke soll mit einer Verbundbrücke 3 i-p-6 versorgt werden. Da es zugeloste Studienpatienten sind, ist eine Differenzialtherapie nicht ausgeschlossen worden.

Fallbeispiel 1

Versorgung einer Schaltlücke im Oberkiefer im Rahmen der klinischen Studie ([Abb. 5], [Abb. 6], [Abb. 7]).

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Abb. 5 Postoperatives Röntgenbild nach Implantation i24. Geplant ist eine Verbundbrücke zwischen i24 und 26 als posteriorem Pfeilerzahn.
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Abb. 6 Versorgte Situation mit Verbundbrücke im 2. Quadranten. Spiegelaufnahme, Ansicht von lateral.
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Abb. 7 Eingegliederte Verbundbrücke im 2. Quadranten, Ansicht von okklusal.

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Schaltlücke Unterkiefer

Im Fallbeispiel 2 fehlen im 3. Quadranten die Zähne 36 und 37 (5 x x 8). Es ist eine Verbundbrücke (5 i-p-8) geplant. Da es zugeloste Studienpatienten sind, ist eine Differenzialtherapie nicht ausgeschlossen worden.

Fallbeispiel 2

Versorgung einer Schaltlücke im Unterkiefer mit einer Verbundbrücke im Rahmen der klinischen Studie ([Abb. 8], [Abb. 9]).

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Abb. 8 Röntgen-Übersichtsaufnahme zur Abklärung einer Versorgung des 3. Quadranten mit einer Verbundbrücke.
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Abb. 9 Postoperatives Röntgenbild nach Implantatinsertion i36.

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Kernaussagen
  • Als Verbundbrücken werden festsitzende bzw. bedingt abnehmbare Zahnersatzkonstruktionen bezeichnet, die zumindest einen Zahn und mindestens ein Implantat verbinden.

  • Natürliche Pfeiler und Implantate können rigide oder nonrigide verbunden sein. Eine nonrigide Verbindung zwischen natürlichem Zahn und Implantat lässt Bewegungen zwischen beiden Pfeilern in unterschiedlichem Umfang zu.

  • Aus biomechanischer Sicht sind Zähne und Implantate bei funktioneller Belastung bezüglich ihrer Resilienz als gleichwertig einzustufen.

  • Sieben systematischen Übersichtsarbeiten stehen zwei randomisierte klinische Studien gegenüber, von denen allerdings nur eine Studie Verbundbrücken mit rein implantatgetragenen Versorgungen vergleicht.

  • Die Anzahl systematischer Übersichtsarbeiten suggeriert eine ausreichende Anzahl von Primärstudien. Dies darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die klinische Datenlage spärlich ist.

  • Die wenigen Studien, die es zu Verbundbrücken gibt, zeigen durchaus gute klinische Ergebnisse. Dabei wurden dreigliedrige Restaurationen mit einem Implantat und einem natürlichen Pfeiler betrachtet.

  • Aktuellen Reviews zufolge gibt es eine geringgradige Evidenz für die rigide Verblockung. Das Hauptproblem bei nonrigider Verblockung ist die Intrusion der Pfeilerzähne.

  • Eigene Untersuchungen zeigen derzeit kein erhöhtes Verlustrisiko für Implantate bei Verbundbrücken.

  • Der einbezogene Pfeiler sollte vital und ohne Lockerungsgrad sein.

Wissenschaftlich verantwortlich gemäß Zertifizierungsbestimmungen

Wissenschaftlich verantwortlich gemäß Zertifizierungsbestimmungen für diesen Beitrag ist Dr. med. dent. Sebastian Quaas, Ulm.


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Autorinnen/Autoren

Sebastian Quaas

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Dr. med. dent., 2001 Examen an der TU Dresden. 2002 – 2007 Assistenzzahnarzt und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik der TU Dresden; 2005 – 2007 zusätzlich am Institut für Materialwissenschaft und Werkstofftechnologie der FSU Jena. Danach wissenschaftlicher Mitarbeiter und später Oberarzt an der Klinik für Zahnärztliche Prothetik der Universität Ulm. 2013 Niederlassung in Kempten (Allgäu).

Thomas Martin

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Dr. med. dent., M. Sc., 2010 Examen an der Universität Ulm. 2011 – 2014 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Klinik für Zahnärztliche Prothetik der Universität Ulm, 2014 Promotion. 2015 – 2017 angestellter Zahnarzt in mehreren Praxen. Seit 2017 niedergelassen in eigener Praxis in Schwangau (Allgäu). 2018 Master of Science für Prothetik an der Universität Greifswald.

Ralph G. Luthardt

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Prof. Dr. med. dent., 1992 Approbation als Zahnarzt, danach Ausbildungsassistent in freier Praxis. 1994 Zahnarzt an der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik der Friedrich-Schiller-Universität Jena. 1998 Oberarzt der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik, TU Dresden. Seit 2007 Professor für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde an der Medizinischen Fakultät der Universität Ulm, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Klinik.

Interessenkonflikt

Die klinische Studie der Autoren wurde von AstraTech (jetzt SironaDentsply Implants, Mölndal, Schweden) unterstützt. Vorträge mit Honorar für DentsplySirona.


Korrespondenzadresse

Dr. med. dent. Sebastian Quaas
Klinik für Zahnärztliche Prothetik
Department für Zahnheilkunde
Universitätsklinikum Ulm
Albert-Einstein-Allee 11
89081 Ulm

Publication History

Publication Date:
16 July 2020 (online)

Georg Thieme Verlag KG
Stuttgart · New York


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Abb. 1 Methodik der klinischen Studie.
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Abb. 2 Biologischer Misserfolg (Implantatverlust). Verbundbrücken (blau), Implantatrestaurationen (grün).
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Abb. 3 Technischer Misserfolg (major Chipping, Erneuerung erforderlich). Verbundbrücken (blau), Implantatrestaurationen (grün).
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Abb. 4 Technische Komplikation (minor Chipping). Verbundbrücken (blau), Implantatrestaurationen (grün).
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Abb. 5 Postoperatives Röntgenbild nach Implantation i24. Geplant ist eine Verbundbrücke zwischen i24 und 26 als posteriorem Pfeilerzahn.
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Abb. 6 Versorgte Situation mit Verbundbrücke im 2. Quadranten. Spiegelaufnahme, Ansicht von lateral.
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Abb. 7 Eingegliederte Verbundbrücke im 2. Quadranten, Ansicht von okklusal.
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Abb. 8 Röntgen-Übersichtsaufnahme zur Abklärung einer Versorgung des 3. Quadranten mit einer Verbundbrücke.
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Abb. 9 Postoperatives Röntgenbild nach Implantatinsertion i36.