Aktuelle Neurologie 2008; 35(5): 209-210
DOI: 10.1055/s-2008-1067427
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1 € pro Kopf für Neuroforschung in Deutschland

Public Brain Research Spending is 1 € per Capita in GermanyG.  Deuschl1
  • 1Klinik für Neurologie, Unversitätsklinikum Schleswig-Holstein
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Publication Date:
03 June 2008 (online)

Prof. Dr. med. Günther Deuschl
1. Vorsitzender der DGN

Noch in den 70er-Jahren galt die Neurologie als das Fach, das viele Diagnosen stellen kann aber keine Therapien anbietet. Innerhalb erstaunlich kurzer Zeit hat sich das grundlegend geändert und aus dem Nischenfach ist eines der wichtigsten Fächer in der Versorgung von akuten und chronischen Krankheiten geworden. Damals wurden kaum Patienten über die Notaufnahme in neurologische Kliniken aufgenommen, heute erreichen mancherorts bis zu 80 % der neurologischen Aufnahmen die Kliniken über die Notaufnahme. Die neurologische Rehabilitationsbehandlung hat in dieser Zeit einen erheblichen Aufgabenzuwachs erfahren und dementsprechend ist auch die Zahl der neurologischen Rehabetten gewachsen. Die Zahl der niedergelassenen Neurologen hat in diesen Jahren ebenfalls deutlich zugenommen. In diesem Zusammenhang wird zu Recht über die mangelnde finanzielle Abbildung dieser Leistungen im System des EBM, der GOÄ und der DRGs geklagt. Das ist berechtigt, soll aber heute nicht das Thema sein.

Vielmehr möchte ich hier darauf hinweisen, dass es einen entscheidenden Faktor gab, der zu dieser Entwicklung geführt hat. Dies sind die hervorragenden Erfolge der neurologischen Forschung. Ohne Übertreibung kann man sagen, dass die Neurologie ein Fachgebiet ist, das sein modernes Profil durch die klinische Forschung gefunden hat. Dabei hat die deutsche Wissenschaft einen nicht unerheblichen Beitrag geleistet. Dies war unlängst Gegenstand eines Editorials der Aktuellen Neurologie, das die führende Rolle deutscher Neurologen bei den wissenschaftlichen Zitierungen nachgewiesen hat [1]. Man kann dies auch durch eine jüngere Erhebung der Italienischen Gesellschaft für Neurologie unterstützen. Diese hat die Arbeiten der 20 wichtigsten neurologischen Journale nach Herkunftsland analysiert. Dabei hat sich Deutschland von Platz 3 nach den USA und England im Jahre 2004 auf Platz 2 in den Jahren 2005 und 2006 verbessert.

Leider werden diese Erfolge nicht durch entsprechende Förderung belohnt und auf Dauer konsolidiert. Wie steht es denn heute um die Forschungsförderung in der Neurologie in Deutschland? Auf den ersten Blick erscheinen die Ausgaben im europäischen Vergleich zwar hoch. So haben die Erhebungen des European Brain Council [2] gezeigt, dass Deutschland auf Platz 3 nach Großbritannien und Frankreich steht, was die Absolutmenge der Forschungsausgaben für Hirnforschung angeht. Nachdem Deutschland aber das bevölkerungsreichste Land der EU ist, ändert sich dieses Bild sehr rasch, wenn man dies auf die Pro-Kopf-Ausgaben der Bevölkerung bezieht. Danach steht Deutschland mit weniger als 1 Euro pro Kopf der Bevölkerung in den Forschungsausgaben auf Platz 11 nach Irland, Großbritannien, Ungarn, den Niederlanden, Norwegen, Schweden, Frankreich, Dänemark, der Schweiz und Finnland. Damit liegt Deutschland unter dem europäischen Durchschnitt ([Abb. 1]).

Abb. 1 Pro-Kopf-Ausgaben für Neuro-Forschung (2005) in verschiedenen europäischen Ländern [2].

Vergleicht man Europa mit den USA, so wird das Bild noch ungünstiger. In den USA wurden 0,153 % des Bruttosozialproduktes im Jahre 2004 für Neuroforschung ausgegeben. In Europa waren dies gerade mal 0,037 %. In Deutschland wurden pro Kopf im Jahre 2005 unter 1 € ausgegeben, in Europa 1,80 €. In den USA waren das im gleichen Zeitraum 20,80 €. Dies entspricht mehr als dem 20-fachen des Pro-Kopf-Betrages für Neuroforschung in Deutschland! Im internationalen Vergleich steht aber Japan sogar noch vor den USA. Zusammenfassend ist Deutschland daher im internationalen Vergleich bezüglich der Forschungsförderung im Neurobereich mittlerweile eher zu den Zwergen als zu den Riesen zu rechnen. Zum Vergleich seien hier die Pro-Kopf-Ausgaben für die Versorgung von neurologischen Krankheiten genannt, die 2004 in Deutschland bei 240 € pro Jahr lagen (IGES-Gutachten). Für neurologische und psychiatrische Krankheiten zusammen machen diese 540 € aus. Investitionen in die Forschung könnten gerade bei den großen neurologischen Krankheiten Morbidität vermeiden oder hinauszögern. Experten haben deshalb keinen Zweifel, dass sich diese Forschung „auszahlen” würde.

Nun mag man einwenden, dass die Forschungsförderung eine Angelegenheit der Universitäten ist und allenfalls noch Bedeutung hat für Max-Planck-, Leibnitz- oder ähnliche Institute. Tatsächlich gilt immer noch, dass unser Fachgebiet seinen Stand nur halten kann, wenn wir aktiv die bessere Finanzierung der Neuroforschung unterstützen. So sind beispielsweise die Fortschritte der Schlaganfalltherapie das Ergebnis der Schlaganfallforschung und nur, wenn wir weiter diese Volkskrankheit erforschen und deshalb besser behandeln können, werden wir im Versorgungsbereich unsere dominierende Stellung halten. Das gilt in gleicher Weise für die großen Krankheiten Demenz, Parkinson, Epilepsie, multiple Sklerose, Schmerz und Polyneuropathie. Im Gesundheitssystem des 21. Jahrhunderts wird nur derjenige seine Rolle behaupten, der klinisch relevante, neue Forschungsergebnisse bieten kann.

Die Konsequenz kann nur ein gemeinsamer Appell für die Stärkung der Neuroforschung sein. Wir brauchen die breite Unterstützung in der Bevölkerung, der Gesellschaft und der Politik. Dazu muss unter den Neurologen in Akut- und Rehakliniken und den niedergelassenen Kollegen aber auch unter allen anderen klinischen und experimentellen Neurowissenschaftlern klar werden, dass wir in dieser Frage ein gemeinsames Interesse haben, um das es sich zu kämpfen lohnt in der Sorge um die Zukunft der neurologischen Erkrankungen.

Literatur

Prof. Dr. med. Günther Deuschl

Klinik für Neurologie, Unversitätsklinikum Schleswig-Holstein

Schittenhelmstr. 10

24105 Kiel

Email: g.deuschl@neurologie.uni-kiel.de

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