Notfall & Hausarztmedizin 2007; 33(2): 65
DOI: 10.1055/s-2007-973517
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© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Erkrankungen der Wirbelsäule und der peripheren Gelenke in verschiedenen Lebensaltern

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Publication Date:
14 March 2007 (online)

Zu jedem Zeitpunkt leiden 40 % der Bevölkerung unter „rheumatischen Beschwerden” im Bewegungssystem [1]. Im Rahmen von Bevölkerungsbefragungen liegt der Anteil eher höher [2]. Es verwundert daher nicht, dass Schmerzen im Bewegungssystem der häufigste Anlass sind, einen Arzt aufzusuchen. Schmerzfreie Motorik und Mobilität setzt sich zusammen aus einem komplexen anatomischen und physiologischen Zusammenspiel der Muskulatur, des Skeletts, der Gelenke, der bindegewebigen Haltungsstrukturen, der Gefäßversorgung und des Nervensystems. Übergeordnete endokrine und metabolische Steuerungs-Systeme sind ebenso unverzichtbare Elemente der „Bewegungs-Hömöostase”. Der Ausfall oder die Störung jeder einzelnen Komponente kann zu Schmerzen oder Funktionseinbußen führen. Aber der Patient kommt nicht mit einer „fertigen Diagnose”, er präsentiert einen Schmerz. In aller Regel sind es akut auftretende Schmerzen, die sich der eigenen logischen Kausalitätsbeurteilung (z. B. Trauma, Überlastung etc.) entziehen. In den meisten Fällen resultiert eine „Arbeitsdiagnose”, die alle wesentlichen differenzialdiagnostischen Aspekte einschließt. Voraussetzung ist eine sorgfältige Anamnese (einschließlich Familien- und Sozialanamnese) und eine subtile klinische Untersuchung. Dies erlaubt, wenn keine Notfallintervention erforderlich ist, eine klinische Verlaufsbeobachtung, gegebenenfalls auch ein „aggressives Zuwarten” unter symptomatischer Therapie.

Schwerpunkt der folgenden Artikel sind Gelenkerkrankungen. Wir sehen Gelenke in der Regel als „Zielorgan” für eine übergeordnete Systemkrankheit. Und nicht immer ist das „schmerzhafte Gelenk” eine Arthritis: So kann zum Beispiel die schmerzhafte Schulter im Alter eine Polymyalgia rheumatika sein oder die schmerzhaften Sprunggelenke mit einem Erythema nodosum eine akute Sarkoidose.

Eine entzündliche Gelenkkrankheit betrachten wir immer als eine systemisch-entzündliche Erkrankung, die primäre Arthrose ist eine systemisch-degnerative Erkrankung und bei vielen anderen Gelenkschmerzen müssen wir unter anderem nach endokrinen, metabolischen, infektiologischen und gegebenenfalls genetischen Ursachen fahnden.

Aus zwei Gründen werden die entzündlichen Gelenkerkrankungen in den folgenden Beiträgen mit besonderer Bedeutung betrachtet:

Die hohe krankheitsökonomische Bedeutung. Die Prävalenzzahlen werden unterschiedlich angegeben, es wird von einer Zahl bis 5 % (alle Erkrankungen) ausgegangen. Innerhalb des ersten Krankheitsjahres sind 75 % der Rheumatiker arbeitsunfähig. Erwerbsunfähigkeit besteht nach vier Jahren bei 42 % und nach 8-10 Jahren bei 50-85 % 3. Die Zahlen allein belegen aber nicht die Bedeutung der Krankheiten, wenn man nicht gleichzeitig das jahrelange Leiden und den Verlust der Lebensqualität mit in die Betrachtung einbezieht. Bei einem Rheumatiker mit schwerem Krankheitsverlauf besteht das gleiche Mortalitätsrisiko wie bei einem M. Hodkin IV oder einer 3-Gefäßerkrankung 4. Die Lebenserwartung ist um zehn Jahre verringert 5, umgekehrt kann eine MTX-Therapie die Lebenserwartung normalisieren 6.

Durch die konsequente und sequentiell-eskalierende Therapie, gerade auch mit neuen Substanzen, kann das Therapieziel „Remission” erreicht werden, das heißt Rückgang der Entzündung, Stopp der Gelenkdestruktion und Normalisierung der Lebenserwartung und Lebensqualität. Voraussetzung ist der frühest mögliche Beginn der Therapie, nach Möglichkeit innerhalb von 3-6 Monaten nach Krankheitsbeginn („window of opportunity” in der internationalen Literatur).

Die Versorgungsforschung zeichnet für Deutschland ein anderes Bild [7]. Es vergeht gerade im frühen Krankheitsverlauf noch wertvolle Zeit, ehe eine ausreichende und erfolgversprechende Therapie einsetzen kann. Die Autoren der Beiträge wollen die differenzialdiagnostische Sensibilisierung stärken und die Bedeutung der frühen Zusammenarbeit zwischen Hausarzt und Spezialisten herausstellen.

Literatur

Dr. med. Thomas Karger

Köln

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