Aktuelle Neurologie 2006; 33(10): 531-532
DOI: 10.1055/s-2006-951881
Editorial
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Heilung der Migräne durch Schönheitschirurgen

Treatment of Migraine by Plastic SurgeryH.-C.  Diener1
  • 1Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum Essen
Further Information

Publication History

Publication Date:
01 December 2006 (online)

Prof. Dr. H.-C. Diener

Die Grundlagenforschung zur Pathophysiologie und Genetik der Migräne hat in den letzten Jahren immense Fortschritte gemacht. Es gibt in der Zwischenzeit keinen Zweifel mehr, dass es sich bei der Migräne, insbesondere bei der Migräne mit Aura um eine genetisch-bedingte Erkrankung handelt, bei der es zu Veränderungen sowohl in der Freisetzung von Neurotransmittern, bei der Modulation schmerzverarbeitender Strukturen im Gehirn und zu Veränderungen der kortikalen Aktivität kommt. Basierend auf diesen Erkenntnissen wurden in den letzten 15 Jahren neue Substanzen zur Akuttherapie wie die bereits eingeführten Triptane und die derzeit in der klinischen Erprobung befindlichen CGRP-Antagonisten entwickelt. Auch in der Migräneprophylaxe gibt es Fortschritte. So ist seit einiger Zeit Topiramat zur Migräneprophylaxe zugelassen und ergänzt die Substanzen von denen wir bereits wussten, dass sie in der Migräneprophylaxe wirksam sind.

Schlägt man in diesen Tagen Zeitungen und Illustrierten auf oder konsumiert man im Fernsehen Gesundheitsratgeber, fragt man sich, ob dieser gesamte Aufwand nicht völlig unnötig war. Dort wird nämlich wie bereits im Jahr 2004 ein operatives Verfahren zur „Heilung” der Migräne propagiert, nämlich die operative Durchtrennung des M. corrugator. Ich zitiere aus einer entsprechenden Webpage „Die ersten Ergebnisse sind verblüffend. Nahezu 80 % der Patienten ……. konnten durch eine Muskeldurchtrennung ihre Migräne dauerhaft behandeln lassen. ……… Vermutlich ist hier (M. corrugator) die Ursache der Migräne zu finden: Der ständig angespannte Muskel führt zu Reizungen des Nervs und zu einer verminderten Durchströmung der umliegenden kleinen Blutgefäße”.

Die Kosten für diesen therapeutischen Eingriff betragen 1500 Euro, die der Patient aus eigener Tasche bezahlen muss. Der Neurologe, der eine ausführliche Anamnese erhebt, den Patienten neurologisch untersucht und eine Leitlinien gerechte Akuttherapie und Prophylaxe verordnet bekommt von der Kassenärztlichen Vereinigung für seine Bemühungen 42 Euro. Wir Neurologen haben also ganz offenbar die Zeichen der Zeit nicht erkannt.

Das Beispiel der vorsätzlichen Körperverletzung getarnt als Migräneprophylaxe sollte Anlass sein, dass wir Neurologen offensiv gegen einen solchen Unsinn auch in der Öffentlichkeit vorgehen. Es ist absolut unerträglich, dass solche Kurpfuscherei in den Medien propagiert wird während wir Schwierigkeiten haben die neu gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Es gibt natürlich eine sehr gute Erklärung für den scheinbar spektakulären Erfolg der Operation. Die meisten Patientinnen, die sich operieren lassen, sind im Alter zwischen 45 und 55 Jahre zu einem Zeitpunkt, wo die Migräne auch spontan besser wird und häufig verschwindet. Darüber hinaus haben Eingriffe einen hohen Plazeboeffekt. So zeigten beispielsweise die großen Akupunkturstudien, die in Deutschland durchgeführt wurden, dass die chinesische Akupunktur eine Responderrate in der Migräneprophylaxe von 50 % hat (d. h. bei der Hälfte der Patienten besserte sich die Migränehäufigkeit um die Hälfte) und dass eine Scheinakupunktur genau dieselben Erfolgsquoten aufweist [1] [2]. Dies zeigt, den immensen Plazeboeffekt, wenn statt Medikamenten, Nadeln verwendet werden. Ein weiteres Beispiel sind die Studien zum Einsatz von Botulinumtoxin bei chronischen Spannungskopfschmerzen [3]. Hier war die Responderrate sogar 70 %, allerdings war die Responderrate für die Injektion von Botulinumtoxin in Nacken- und Kopfmuskeln genau so hoch wie bei der Injektion von physiologischer Kochsalzlösung. Auch dies ist wiederum ein Beispiel dafür, dass invasive Verfahren einen deutlich höheren Plazeboeffekt haben, als medikamentöse Therapien.

Betrachten Sie dieses Editorial als Aufruf, dass wir uns als Neurologen gegen Patientenverdummung und Kurpfuscherei wenden und die Erkenntnisse, die wir aus großen randomisierten, zum Teil plazebokontrollierten Studien für die Therapie neurologischer Erkrankungen gewonnen haben einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen.

Literatur

Prof. Dr. Hans-Christoph Diener

Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum Essen

Hufelandstr. 55

45147 Essen

Email: [email protected]