physioscience 2006; 2(1): 38-39
DOI: 10.1055/s-2006-926495
Berichte aus Forschung und Lehre

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2nd International Conference on Movement Dysfunction - Pain and Performance: Evidence and Effect (23. - 25. September 2005 in Edinburgh)

S. Klien
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Publication Date:
23 February 2006 (online)

Es ist gerade 4 Jahre her, dass die Manipulation Association of Chartered Physiotherapists (MACP) um Chris McCarthy und Kinetic Control um Mark Comerford und Sarah Mottram gemeinsam mit Elsevier zur 1. Internationalen Konferenz über Bewegungsdysfunktionen eingeladen haben. Der Erfolg blieb nicht aus, was Grund genug für eine Fortsetzung war.

Vom 23. - 25. September 2005 lud das Organisationskomitee zum 2. Mal nach Edinburgh ein. Thema: Pain and performance - evidence and effect. Der Einladung folgten rund 660 Physiotherapeuten, Professoren und Mediziner aus 34 Ländern.

Aufbauend auf den Themen des Jahres 2001 gab der 3-tägige Kongress mit 63 mündlichen Vorträgen und 52 Posterpräsentationen einen ausgewogenen Überblick über Neurophysiologie und Biomechanik sowie deren Einflüsse auf Schmerz und Beweglichkeit. Er lieferte den Nachweis über Veränderungen motorischer Kontrollmechanismen und Kraft und zeigte Bewegungsdefizite auf. Ebenso belegte er, wie sich Verhalten und psychosoziale Einflüsse auf neuromuskuloskelettale Dysfunktionen auswirken.

Referenten waren sowohl Forscher als auch Kliniker, die die aktuelle Evidenz der klinischen Anwendung und Forschung vorstellten, darunter so bekannte Namen wie Sterling, Rivett, Jull, O’Sullivan, Gibbons, Waddell oder Hodges.

Nach den einleitenden Worten und Willkommensgrüßen von Ann Moore eröffnete Michele Sterling den Kongress mit der Vorstellung der Ergebnisse ihrer Studie über Wiplash-associated disorders (WAD; [5]). In einer prospektiv longitudinalen Studie hatten die Autoren die Entwicklung motorischer Dysfunktionen von Patienten mit einem Schleudertrauma untersucht und dabei Untergruppen von WAD-Patienten herausgefiltert. Die Patienten mit früher Präsentation einer zentralen Hypersensitivität in Verbindung mit psychologischen Auffälligkeiten und motorischen Defiziten zeigten eine stärkere Therapieresistenz als diejenigen, bei denen isolierte motorische Kontrolldefizite aufzufinden waren. Dabei waren biologische Faktoren wie Kältehyperalgesie, Schwindel und Bewegungsverlust Prädiktoren für ein schlechteres Ergebnis. Nach Sterling et al. [5] erfordert es ein ausgewogenes Verständnis der biologischen und psychosozialen Mechanismen, die einem persistierenden Schmerz bei WAD unterliegen genauso wie eine Unterteilung der Patientengruppe, um einen spezifischen Therapieansatz entwickeln zu können.

Den 2. Kongresstag eröffnete Peter O’Sullivan [4], der über die Notwendigkeit einer Klassifikation lumbopelviner Beschwerden sprach. Er betonte, dass das Erstellen von Subgruppierungen eine der größten Herausforderungen zu sein scheint, um spezifische und effektive Therapieanwendungen zu ermöglichen:

„In der Physiotherapie hat die motorische Kontrolle eine größere Bedeutung gewonnen. Veränderte motorische Kontrolle kann adaptiv (schützend) oder maladaptiv (provozierend) sein. Es kann in übermäßiger spinaler Beweglichkeit genauso wie in verringerten Stabilität der Wirbelsäule resultieren; das wiederum kann erhöhte Belastungen zur Folge haben, welche letztlich zu Beschwerden führen” [4].

O’Sullivan [4] forderte für die Unterteilung chronisch lumbaler Beschwerden im Hinblick auf die Störungen der motorischen Kontrolle folgende 3 Hauptgruppierungen, wobei in den ersten beiden Gruppen eine simple Normalisierung der Bewegungsdysfunktion nur wenig Erfolg hätte:

Gruppe: Die Bewegungsdysfunktion oder Auffälligkeit der motorischen Kontrolle ist das Ergebnis eines zugrunde liegenden pathologischen Prozesses (z. B. Entzündung, neurogener/neuropathischer Schmerz, zentral modulierter Schmerzprozess). Gruppe: Die psychosozialen oder sozialen (nichtorganischen) Faktoren beeinflussen dominierend das Schmerzgeschehen. Gruppe: Der Schmerz ist das Ergebnis eines maladaptiven motorischen Bewegungsmusters, das zu einer chronischen Überbelastung des Gewebes und damit zu anhaltendem Schmerz führt. Dies kann auf 2 Arten geschehen: Durch eine vom Schmerzvermeidungsverhalten ausgelöste Bewegungsstörung, die meistens mit verringerter lumopelviner Beweglichkeit in die Richtung des Schmerzes verbunden ist. Zudem entwickeln sich häufig ein starkes muskuläres Schutzverhalten und eine Kokontraktion der lumopelvinen Muskeln. Das Ergebnis sind sehr starke Belastungen für die Gelenke und Bewegungseinschränkungen, eventuell verbunden mit Muskelsteifigkeit und Schwäche. Dies wird von Angst vor der schmerzhaften Bewegung, verminderten kognitiven Coping-Strategien und negativen Vorstellungen der Störung begleitet, was eine maladaptive Antwort auf eine Schmerzstörung widerspiegelt und den zugrunde liegende Mechanismus für anhaltenden Schmerz und verringerter Aktivität darstellt. Hier ist ein kognitiv-behavioralistisches Vorgehen mit dem Ziel erforderlich, mit dem Ziel, die Angst vor der Bewegung und den Muskeltonus zu senken. Die entsprechenden Schlagworte sind Bewegungsschulung und abgestuftes Aussetzen der schmerzhaften Bewegung in entspannter und normaler Art und Weise 6. Durch Kontrollverlust ohne Bewegungseinschränkung in die schmerzhafte Bewegungsrichtung. Hier zeigen sich meist Kontrollverluste der symptomatischen Wirbelsäulensegmente in der schmerzhaften Bewegungsrichtung aufgrund der mangelnden Fähigkeit, die neutrale Zone des Bewegungssegments oder das Ende der Bewegung zu kontrollieren. Der Schmerz scheint aufgrund wiederholten endgradigen Stresses und unphysiologischer Bewegungen oder Belastungen zu entstehen. Damit nehmen diese Patienten maladaptive und provozierende Bewegungsverhaltensweisen, die anhaltenden Beschwerden verursachen. Mit dem Ziel, das falsche Bewegungsverhalten zu verändern, ist eine Verbesserung der motorischen Kontrolle über kognitiv-verhaltenstherapeutisches Vorgehen zu empfehlen. Um ungünstiges Bewegungsverhalten zu verändern, ist eine Verbesserung der motorischen Kontrolle über kognitiv-verhaltenstherapeutisches Vorgehen zu empfehlen.

Für diese Subgruppierungen gibt es eine zunehmende Basis an Evidenz [1] [2] [3] [4].

Am letzten Kongresstag war man auf den Vortrag von Gordon Waddell gespannt. Wie erwartet, sprach er sich vor allem für die „biopsychosoziale Betrachtungsweise” der unspezifischen unteren Rückenschmerzen, von lumbalen unspezifischen Beschwerden aus und plädierte für aktive Therapiemaßnahmen:

„Biomedizinische Erklärungsversuche, eine geschädigte Struktur für unteren Rückenschmerz verantwortlich zu machen, haben zu unbefriedigenden Ergebnissen geführt. Zunehmend gibt es Nachweise dafür, dass vielmehr eine Art muskuloskelettale Dysfunktion und weniger eine dauerhaft geschädigte Struktur die Ursache für LBP darstellt.”

Nach Waddell sind aktive Therapieansätze erforderlich, die die Patienten ermuntern, in Bewegung zu bleiben und ihr normales Leben weiterzuführen. Hierzu führte er die neuesten Trends und aktuellen Richtlinien an [7]. Seine Worte wirkten wie ein berufspolitischer Appell an alle im Gesundheitswesen beschäftigten Personen, die er vehement zu einem Wandel und grundsätzlichen Umdenken aufforderte.

Gwendon Jull schloss die Konferenz mit dem Aufruf, über der Vertiefung und dem Bestreben nach besserem Verständnis von Nacken- und LWS-Beschwerden nicht zu vergessen, dass großer Bedarf an Information über thorakale Beschwerden besteht. In ihren abschließenden Worten wurde noch einmal klar, was diese 3 Tage so spannend gemacht hatte: Die Betrachtung der Zusammenhänge von Schmerz, Psychologie, motorischer Kontrolle und dem Nachweis der Effektivität aktiver Bewegungsübungen förderte das Verständnis über die Beziehung zwischen Neurophysiologie, Schmerz und Funktion. Dies regte Diskussionen zwischen Forschern und den klinischen Anwendern an, was einen wichtigen Beitrag zur Stärkung des Transfers und der Kommunikation zwischen beiden Partnern leistete. Kurzum, es war ein Forum zur besseren Übertragung der Forschung auf die Praxis.

Fazit: Auch wenn mancher Akzent nur mühsam verständlich dargeboten wurde, waren es spannende Tage. Daher sollten sich interessierte Physiotherapeuten den 3. Kongress nicht entgehen lassen. Vielleicht sind im Jahr 2009 in Edinburgh die deutschsprachigen Physiotherapeuten stärker vertreten!

Literatur

Sebastian Klien, PT, OMTsvomp®

Praxisteam Wolf Lindner

Hansjakobstr. 66

D-79117 Freiburg

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