Klin Monbl Augenheilkd 2005; 222 - R42
DOI: 10.1055/s-2005-923012

Zur Erinnerung an Carl Ernst Theodor Schweigger (1830–1905)

J Herde 1
  • 1Halle/Saale – Universitäts-Augenklinik

Zum 100. Todestag von Carl Schweigger – Schüler und Nachfolger von Albrecht v. Graefe – möchten wir seine Leistungen würdigen.

Carl Schweigger wurde am 28.10.1830 als Sohn des berühmten Professor der Chemie und Physik Johann Salomo Christoph Schweigger in Halle geboren. Der Onkel August Friedrich Schweigger Lehrstuhlinhaber der Botanik und Medizin zu Königsberg wurde 1821 während einer Sizilien-Expedition ermordet. Carl Schweigger widmete sich nach Absolvierung des Pädagogiums in Halle dem Studium der Medizin in Erlangen und Halle. Nach erfolgreichem Abschluss und Promotion 1852 erfuhr er in der Medizinischen Klinik unter der Leitung des hoch angesehenen Peter Krukenberg die Ausbildung. Bereits hier befasste er sich mit der derzeit wenig bekannten Auskultation und Perkussion, womit er sich auch habilitierte und dazu studentischen Unterricht durchführte. Schweigger verließ 1856 als Priv.-Doz. die Hallesche Alma mater, um bei Heinrich Müller in Würzburg die mikroskopische anatomisch-pathologische Untersuchungstechnik des Auges zu erlernen. Mit fundierten Kenntnissen nahm ihn 1857 A. v. Graefe in Berlin auf, an dessen Seite er sechs Jahre arbeitete. Schweigger übernahm nun für v. Graefe sowohl die histologischen Untersuchungen als auch die Seminare über Auskultation und Perkussion, sowie den Augenspiegelkurs. Bedenkt man die noch relativ neue und noch nicht von allen Ophthalmologen praktizierte Augenhintergrundsuntersuchung, so gereichte Schweigger dank seiner histologisch-mikroskopischen Kenntnisse und der Beherrschung des Augenspiegels schnell zu einem gefragten Augenspezialisten. Er habilitierte sich bei Graefe aufs Neue. Als a.o. Professor brach er 1864 zu einer ausgedehnten Studienreise über Utrecht, London bis New York auf. In New York eine Praxis zu gründen, scheiterte an der ausbleibenden Gewöhnung seiner Frau an das amerikanische Leben. 1866 nach Berlin zurückgekehrt, praktizierte er zunächst in der Stadt, bis 1868 an ihn der Ruf als außerordentlichen Professor für Augenheilkunde an die in Göttingen neu eingerichtete Universitäts- Augenklinik erging. Schweigger trat zum Frühjahrssemester 1868 das Amt an. Nach dem Tode von Albrecht von Graefe 1870 wurde er als Nachfolger seines Lehrers in gleicher Funktion für die Augenabteilung des königlichen Charité-Krankenhauses berufen. Die damalige Situation in Berlin führte im 1. Jahr nicht zu überwältigenden Erfolgen. Außerdem fehlten Lehrräume und eine Poliklinik. Letztere wurde ihm zwar auf sein mehrfaches Ersuchen zugesagt, wegen Geldnot wurde die Errichtung einer eigenen Augenklinik und Poliklinik lange herausgeschoben. 1873 hatte er in der Marienstraße 23 eine private, für den universitären Betrieb genutzte Poliklinik durch Anmietung eines Hauses eingerichtet. Im gleichen Jahr erhielt er die Anerkennung als ordentlicher Professor. Zum 1.4.1881 erfolgte letztendlich die Eröffnung der Universitäts-Augen- u. Ohrenklinik in der Ziegelstraße 5/6. Schweigger leitete fast 20 Jahre diese Klinik, bis er durch die 1899 aufgetretene fortschreitende Muskelerkrankung um Entbindung von seinen amtlichen Verpflichtungen ersuchte. Die Vorlesungstätigkeit behielt er anfangs noch aufrecht. Schweigger erlag seinem Leiden am 24.8.1905. Aus seiner Feder entstammen vor allem das bereits 1871 erschienene, für alle nachfolgenden Lehrbücher beispielgebende Handbuch der Augenheilkunde, das in weiteren fünf Auflagen erschien. 1864 gab er die Monographie „Vorlesungen zur praktischen Anwendung des Augenspiegels“ heraus. Mit seinem Lehrer A. v. Graefe publizierte er zahlreiche gemeinsame, aber auch alleinige Arbeiten zur Pathomorphologie des Auges. Weitere Monographien hatten den Strabismus, das Glaukom, die Staroperationen, Auge und Allgemeinerkrankungen zum Inhalt. Besondere Beachtung fanden seine Sehproben, aber auch zahlreiche kleinere Schriften. Ein Exemplar seines handlichen Perimeters nennt das Medizinhistorische Museum der Charité sein eigen. Für die Schieloperationen hatte er zur genaueren Dosierung ein Mikrometer entwickelt. Schweigger hielt zur Enthüllung des Graefe-Denkmals 1882 die Festrede. Der Ophthalmologe Carl Schweigger, der die Revolution der Augenheilkunde miterlebt und diese fortgeführt hat, hinterließ mit seinem akkuraten, kritischen, eleganten und intensiven Arbeitsstil und mit seinem schrifstellerischen Werk ein bleibendes Andenken.