Akt Neurol 2006; 33(1): 3-10
DOI: 10.1055/s-2005-915351
Neues in der Neurologie
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Neues bei Kopfschmerzen 2004/2005

What is New in Headache 2004/2005?H.-C.  Diener1 , Z.  Katsarava1 , A.  Gendolla1
  • 1Universitätsklinik für Neurologie, Universitätsklinikum Essen
Further Information

Publication History

Publication Date:
30 January 2006 (online)

Zusammenfassung

Die herausragendsten Publikationen und Erkenntnisse zu Epidemiologie, Pathophysiologie und Therapie von Kopfschmerzen aus der zweiten Hälfte 2004 und der ersten Hälfte 2005 werden zusammengefasst. Die Diskussion über ein potenzielles Schlaganfallrisiko bei Patienten mit Migräne wird lange kontrovers geführt. Die CAMERA-Studie wies bei Patienten, die häufig Migräne mit Aura haben, subklinische Infarkte im Kleinhirn nach. In Folgestudien wurden sogar kognitive Defizite bei Patienten mit Migräne mit Aura postuliert. Widerlegt wurde die Hypothese durch eine dänische Zwillingsstudie an 1393 Zwillingen von denen 536 an Migräne litten und die in kognitiven Tests keine Unterschiede aufwiesen. Die Women Health Study (n = 39 754) belegt, dass Frauen mit Migräne mit Aura ein 1,53fach erhöhtes Schlaganfallrisiko haben. In einer holländischen Arbeit konnte gezeigt werden, dass vaskuläre Risikofaktoren inkl. Nikotin bei Patienten mit Migräne mit Aura signifikant häufiger auftreten, dies erklärt das erhöhte Schlaganfallrisiko in der Gruppe. Über die bekannten Genloki (Chromosom 19, neuronaler Kalziumkanal und Chromosom 1 Natrium-Kalium-Pumpe) konnte nun ein weiterer Genlokus auf Chromosom 2q24 dargestellt werden, der einen neuronalen, spannungsabhängigen Natriumkanal kodiert. Die Schwere des Kopfschmerzes ist ein valider Prädiktor für die Wirksamkeit eines Triptans. Die Therapieempfehlung lautet bei Patienten, die Migräne von Spannungskopfschmerzen unterscheiden können, bereits leichte Kopfschmerzen zu behandeln. Mittlerweile sind mehrere Publikationen erschienen, die die Wirksamkeit verschiedener Formulierungen (nasal, geringere Dosen für s. c. Gabe) belegen und auch die Sinnhaftigkeit eines Triptanwechsels bei Nonrespondern für ein Triptan bestätigen. Die Auswertung der bestehenden Schwangerschaftsregister zeigt keinen Hinweis auf Teratogenität der Triptane. Bei triptannaiven Patienten ist die lösliche Form einer neuen Galenik von Azetylsalizylsäure genauso gut wirksam wie Sumatriptan. Aufgrund des hohen Placeboeffektes bei Kindern und Jugendlichen sind bisher nur die Wirksamkeit von Ibuprofen und Sumatriptan nasal belegt worden, was sich in Therapieempfehlungen widerspiegelt. Neue Studien zur Migräneprophylaxe belegen die Wirksamkeit von Venlafaxin, Coenzym Q und Pestzwurz sowie Topiramat, membranstabilisierende Substanzen wie Lamotrigin scheinen insbesondere bei der Prophylaxe der Aura sinnvoll. Zwischen der Wirksamkeit von Akupunktur und Scheinakupunktur besteht in der bisher veröffentlichten Studie kein Unterschied. Clusterkopfschmerz: singuläre Gaben von Methylprednison in höherer Dosierung sind nicht prophylaktisch sinnlos, möglicherweise aber die Gabe von langwirksamen Triptanen als abendliche Einmalgabe. Die ventroposteriore Stimulation mit tiefen Hirnelektroden im Hypothalamus bleibt experimentell und suizidalen, therapierefraktären Patienten vorbehalten. Die Gammaknifetherapie kann derzeit nicht propagiert werden. Botulinumtoxin ist in der Behandlung des chronischen Spannungskopfschmerz nicht signifikant besser als Plazebo jedoch stehen weitere Studien aus, um abschließend über die Wirksamkeit zu entscheiden.

Abstract

This is a review about new publications on epidemiology, pathophysiology and therapy of headaches published late 2004 and early 2005. Controversial debates about the potential risk of stroke in migraineurs has been going on for years. The Dutch CAMERA Study showed subclinical infarctions in patients with migraine with aura. Some authors discussed intellectual deficits in migraineurs. A Danish twin study showed no differences in cognitive levels in migrainous or nonmigrainous twins. Migraine with aura as a risk factor for stoke has been proven in the Woman's Health Study (n = 39 754) and the incidence of vascular risk factors in patients with migraine with aura might be an explanation for the increase risk for stroke in this group. A new locus coding a neuronal modulating sodium channel on chromosome 2q24 has been identified recently. Headache intensity is the best predictor for headache response. This favours treatment when headache is mild or moderate in patients who can distinguish between tension type headache and migraine. Switching from one triptan to another is useful in non-responders to a certain triptan. There is no teratogenic risk according to pregnancy registers on triptans so far. A new pharmacological formulation of ASA has been shown to be as effective as sumatriptan 50 mg in triptan naive patients. Due to high placebo rates in children and adolescents triptans have failed to reach statistical significance over placebo in this group. Treatment guidelines recommend ibuprofen and sumatriptan nasal spray in this subset of migraineurs. Studies on venlafaxin, coenzyme Q, petasides hybridicus as well as topiramate show prophylactic efficacy while lamotrigine seems to be effective especially in reducing aura symptoms. Sham acupuncture and acupuncture are equally effective in the treatment of migraine according to the first published large trial. Cluster: Stimulation with ventroposterior electrodes in the hypothalamus remains the last choice in absolute refractory patients. Gamma knife irradiation is not effective. Single high dose treatment regimen with prednisone for prophylaxis of cluster headache is ineffective but maybe short time prophylaxis with single doses of long acting triptans is. Treatment of tension type headache with botulinum toxin is as effective as placebo; results of different studies are awaited.

Literatur

Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener

Universitätsklinik für Neurologie Universitätsklinikum Essen

Hufelandstraße 55

45122 Essen

Email: h.diener@uni-essen.de