Notfall & Hausarztmedizin (Hausarztmedizin) 2005; 31(6): B 253
DOI: 10.1055/s-2005-872322
Editorial

© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Demenz: Wissenstest für Hausärzte?

Hagen Sandholzer
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Publication Date:
05 August 2005 (online)

Wäre ein nahe stehender Angehöriger an einer Alzheimer-Demenz erkrankt, würden 67 % der Hausärzte einen ChE-Hemmer als Mittel der Wahl einsetzen. Die Präparate wurden in den Jahren 2000 und 2002 wegen Budgetzwängen aber nur bei 13 % beziehungsweise 24 % verordnet [1]. Hausärzte sind also nicht kompetent in der Versorgung von Demenzkranken und verschreiben zu wenig evidenzbasierte Antidementiva nach Meinung von deutschen Experten. Nachdem dieser scheinbare Mangel traditionsgemäß auf Fachkongressen und in der Presse beklagt wird, meistens von industrienahen Experten, widmen sich nun auch die Krankenkassen dem Demenzthema. So setzt die Barmer Ersatzkasse nach einem Bericht des Deutschen Ärzteblatts auch in der frühzeitigen Erkennung einer Demenz auf den Hausarzt. „Barmer-Vorstandsmitglied Klaus H. Richter am 31. Mai in Berlin (...) verwies auf eine Untersuchung des Instituts für Allgemeinmedizin der Universität Hamburg im Jahr 2004. Im Rahmen der Arbeit des Kompetenznetzes Demenzen wurde zudem kürzlich ein Wissenstest für Hausärzte zum Thema erstellt und an 200 der Hausärzte verschickt. Erste Ergebnisse werden im Sommer 2005 erwartet. Sie sollen in der Zeitschrift „Nervenheilkunde” publiziert werden” [2].

Das gleiche Blatt referiert auch die Forderung nach „Besseren und eindeutigeren Versorgungsstrukturen” für die Therapie von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen. Die Basis-Versorgung der Betroffenen mit schweren chronischen psychischen Erkrankungen ist völlig unzureichend”, erklärte der Präsident der DGPPN, Prof. Dr. Fritz Hohagen, Anfang Juni in Berlin. Die Ursachen dafür liegen laut Fachgesellschaft vor allem in einer viel zu geringen Zahl von niedergelassenen Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie sowie in der massiven Unterfinanzierung der psychiatrischen Basisversorgung [3].

Sucht man auf der Website des Deutschen Ärzteblatts unter dem Stichwort Demenz weiter, so finden sich noch zwei interessante Beiträge [3]: „Mit gezielten Informationen wollen KBV und Krankenkassen auf eine wirtschaftliche Medikamentenversorgung hinwirken. So hatten sich bereits Mitte Dezember Krankenkassen, Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und Apothekerschaft gemeinsam mit dem Ministerium über eine Agenda zur Bekämpfung steigender Arzneimittelausgaben verständigt.” Durch die Internetplattform „Arzneimittel im Fokus” sollen Ärzte und Patienten über den tatsächlichen therapeutischen Nutzen neuer Medikamente informiert werden. Dabei handelt es sich nicht um eigene Wertungen von Kassen und KBV, sondern im Wesentlichen um Publikationen der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte und der Europäischen Arzneimittelagentur. Den Anfang bilden Informationen zu den Krankheitsbildern Rheuma und Fettstoffwechselstörungen. Folgen sollen später Hinweise zu Magen-Darm-Mitteln, Antidepressiva sowie zu Medikamenten zur Behandlung von Diabetes mellitus Typ 1, Asthma und Demenz. Die zweite Quelle ist eine lesenswerte Übersicht über Präventionsmöglichkeiten von Demenzerkrankungen [4]. Als Quintessenz habe ich daraus entnommen, dass die Kontrolle vaskulärer Risikofaktoren wie Hypertonie durch körperliches Training, Cholesterinsenker und Antihypertonika relativ gut gesichert ist, während Antidementiva in ihrer Wirksamkeit bei der Alzheimer-Demenz nicht unumstritten sind. Klarer hat es das Nationale Kompetenzzentrum für klinische Excellenz (Nice) formuliert: ”The Committee also learned that there is little positive randomised evidence available on the long-term gain of the AChE inhibitors. Thus the Committee observed that the RCT evidence on outcomes of importance to patients and carers, such as quality of life and time to institutionalisation, was limited and largely inconclusive Considering the published and unpublished evidence, the Committee concluded that the evidence for the clinical effectiveness of memantine was currently insufficient.”

Alzheimer- Pharmakotherapie also ganz für die Katz? Die Diskussion der Wirksamkeit dieser Drogen entzündet sich an den kleinen Interventionseffekten, die industriefreundliche Experten als für die Lebensqualität entscheidend und gesundheitsbürokratiefreundliche Experten als marginal bezeichnen. Der arme Hausarzt in der Front-linie der Primärversorgung ist da hin und her gerissen und lässt sich leicht zum Sündenbock für beide Seiten stempeln. Völlig klar, dass das Problem der Wirksamkeit beziehungsweise des marginalen Nutzens diesseits und jenseits der Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit unterschiedlich gesehen wird und wahrscheinlich sich erst etwas ändert, wenn unser Bundeskanzler (wie der damalige Präsident Ronald Reagan) seine Demenz bekommt und die Vorsitzenden der Pharmazeutischen Industrie alle ein Pflichtpraktikum in der Hausarztpraxis abgeleistet haben.

Mit herzlichen kollegialen Grüßen

Ihr

Literatur

Prof. Dr. med. Hagen Sandholzer

Leipzig

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