Klin Monatsbl Augenheilkd 2004; 221(2): 131-132
DOI: 10.1055/s-2003-812581
Nachruf
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Nachruf auf Herrn Prof. Dr. med. emeritus Heinrich Harms, geb. 5.2.1908, gest. 26.11.2003

Obituary for Prof. Dr. med. em. Heinrich Harms *5.2.1908, † 26.11.2003Eberhart  Zrenner1
  • 1Univ.-Augenklinik Tübingen
Further Information

Publication History

Publication Date:
21 September 2005 (online)

In der Nacht vom 26.11.2003 verschied im Alter von 95 Jahren nach langem, erfülltem und erfolgreichen Leben Herr Prof. Dr. Heinrich Harms, Emeritus der Univ.-Augenklinik Tübingen.

Herr Professor Heinrich Harms war von 1952 an 24 Jahre lang Direktor der Universitäts-Augenklinik Tübingen. Zusätzlich hatte er sich über viele Jahre hinweg für die Belange der Fakultät als Dekan und auch als Prodekan eingesetzt und wirkte in vielen universitären und ministeriellen Gremien gestaltend mit.

In den schwierigen Zeiten des Wiederaufbaus nach dem Krieg machte er durch seine herausragenden diagnostischen und therapeutischen Leistungen die Augenklinik bald über die Grenzen Baden-Württembergs hinaus bekannt, insbesondere auf den Gebieten der

sensorischen Störungen beim Schielen, Entwicklung einer hochempfindlichen und aussagekräftigen Gesichtsfeldprüfung, eng verknüpft mit dem Namen von Frau Prof. Aulhorn, seiner Nachfolgerin, Erforschung der Ursachen des grünen Stars, Probleme des Sehens von Kraftfahrern im Straßenverkehr, Einführung der mikroskopischen Chirurgie in die Augenheilkunde.

Harms erkannte als erster, in welchem Maße die operative Tätigkeit in der Augenheilkunde durch die Verwendung des Mikroskops verbessert werden kann und schrieb gemeinsam mit seinem damaligen Mitarbeiter, Herrn Professor Mackensen, dem späteren Direktor der Univ.-Augenklinik Freiburg, die erste bahnbrechende Monografie über die Mikrochirurgie in der Ophthalmologie.

Er war ein von seinen Assistentinnen und Assistenten hochgeschätzter akademischer Lehrer, eine Leitfigur mit starker Prägungskraft für über 100 Augenärzte, die er in ihrer Ausbildung zum Arzt und Forscher förderte und die heute noch stolz sind, bei Harms ausgebildet worden zu sein und seinen anspruchsvollen und dennoch väterlichen Führungsstil sehr zu schätzen wussten.

Aufgewachsen in Stralsund, als Sohn des überhaupt ersten Augenarztes zwischen Rostock und Greifswald, hatte er schon früh enge Bezüge zur Augenheilkunde, und begann 1926 seine ophthalmologische Laufbahn. 1938 habilitierte sich Harms in Berlin mit einer heute noch maßgeblichen Arbeit über die Entstehung des Schielens. 15 Jahre blieb er an der dortigen Universitäts-Augenklinik, seit 1941 als deren leitender Oberarzt, anschließend zwei Jahre als Truppenarzt im Kriegslazarett in Krakau.

1945 fand er sich in einer zerstörten Hauptstadt wieder: Als Grenzgänger, wohnend im Westen, arbeitend im Osten, verantwortlich für eine Famlie von 9 Kindern, die versorgt sein wollte. Im Herbst 1949 ging Herr Harms zu Professor H. K. Müller nach Bonn, wo er sich mit der Perimetrie, der Pupillomotorik sowie sinnesphysiologischen Untersuchungen an Hirnverletzten beschäftigte.

Drei Jahre später, am 1.4.1952, wurde Harms als Nachfolger von Prof. Stock an die Universitäts-Augenklinik Tübingen berufen. 1972 gelang es ihm, durch mutiges Ansprechen eines Patienten ein neues Forschungslaboratorium zu errichten, das noch heute der Augenklinik zur Verfügung steht. Auch nach seiner Emeritierung im Jahr 1976 arbeitete er intensiv wissenschaftlich weiter, u. a. auf dem Gebiet des Glaukoms.

Für seine klinischen und wissenschaftlichen Leistungen hat er viele Ehrungen erhalten: Ehrenmitglied der DOG, der International Perimetric Society, Mitglied der Leopoldina in Halle, der ältesten naturwissenschaftlichen Gesellschaft. Er war Träger des von Eicken-Preises und des Theodor-Axenfeld-Preises, Ehrenmitglied der Griechischen Ophthalmologischen Gesellschaft, Ehrenpräsident des Primum Forum Ophthalmologicum, Ehrenmitglied des bekannten Instituto Barraquer de America, nur um einige zu nennen.

1993, nach der Wende, zog es ihn zurück in die alte Heimat nach Stralsund, wo er am 5.2.1908 geboren wurde und nun am 26.11.2003 nach kurzer Krankheit verstarb.

Heinrich Harms war eine faszinierende Augenarzt- und Forschergröße, bis zuletzt geprägt von herausragender geistiger Rege, Charisma, Unerschrockenheit und Güte. Trotz seines hohen Alters traf uns die Nachricht seines Todes letztendlich unvorbereitet und hinterlässt uns betroffen und ein großes Stück ärmer. Er war eine beeindruckende Persönlichkeit, nicht nur als Ophthalmologe, sondern auch als Mensch.

In stillem Andenken
Eberhart Zrenner und die Mitarbeiter der Univ.-Augenklinik Tübingen