Aktuel Ernahrungsmed 2018; 43(01): 41-55
DOI: 10.1055/s-0043-117819
CME-Fortbildung
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Ernährung und Esskultur: Kulturwissenschaftliche Perspektiven

Nutrition and Eating Habits: Cultural Aspects
Gunther Hirschfelder
Lehrstuhl für Vergleichende Kulturwissenschaft, Regensburg
,
Patrick Pollmer
Lehrstuhl für Vergleichende Kulturwissenschaft, Regensburg
› Author Affiliations

Subject Editor: Wissenschaftlich verantwortlich gemäß Zertifizierungsbestimmungen für diesen Beitrag ist Prof. Dr. med. Christian Löser, Kassel.
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Publication Date:
27 February 2018 (online)

Um medizinisch unerwünschte Ernährungsweisen zu erkennen bzw. zu verhindern, muss die jeweilige Esskultur definiert werden. Dabei ist wichtig, wie Ernährungsmuster zustande kommen und sie kulturell erlernt bzw. tradiert werden. Das Ziel des vorliegenden Beitrags besteht darin, diese rahmenden Aspekte herauszuarbeiten und soziale und kulturelle Faktoren zu beleuchten.

Abstract

The medical perspective on nutrition is mainly a material one. Eating individuals and accordingly patients have got an altering view on their food. They locate it in the context of learned behavior patterns, values, traditions and religious standards. There is also a striking significance of psychology in eating matters. It often grants emotional security and serves for status representation purposes. The materiality of their food has a rather insignificant role to the consumers. Many patients are open to specific diets, but this cultural open-mindedness has to be learnt first, to be more flexible in terms of eating and accepting new food systems. Medical professionals should be aware of and not condemning the psychosocial situation of their patients and the cultural context of them. Eating behavior can then be a powerful medium for the communication between doctors and patients. Nutrition is a lot more than the food itself. If facets of eating culture like design, ambience, social formations, rituals and the talking about eating are recognized by the attending physician, patients will be more comfortable with the situation they’re in and be more open to a communication at eye level.

Kernaussagen
  • Esskultur ist ein Set an kulturell vermittelten Praktiken und Einstellungen; sie ist symbolisch aufgeladen sowie historisch überliefert und unterliegt dabei vielerlei Einflüssen wie sozioökonomischen Faktoren, Religion usw.

  • Viele Speisen werden von den einzelnen Individuen mit Erinnerungen, Erfahrungen, Bedeutungen und Wertigkeiten besetzt: Das Speisensystem wird so emotional überformt und in gemochte und nicht gemochte Speisen unterteilt.

  • Gegenwärtig besteht ein Flickenteppich an verschiedenen Essstilen in Deutschland. Zwar sind v. a. bei unter 30-Jährigen besonders gesundheitsbewusste Ernährungsweisen verbreitet, jedoch sind traditionelle und teilweise auch gesundheitlich riskante Essgewohnheiten genauso vorhanden und folgen einer kulturellen Eigenlogik.

  • In Krisensituationen – wie z. B. Krankheiten – werden im Zuge der Erosion der Strukturen des Alltags auch die der Mahlzeitensysteme aufgelöst. Dies zeigt sich bspw. im Verschwinden fester zeitlicher Mahlzeitenstrukturen. Im Zuge individueller Sinnsuche und Lösungsversuche bietet sich während Lebenskrisen die Möglichkeit einer gesundheitsbewussten Neuausrichtung, jedoch auch der Beharrung auf bestimmten – oft gesundheitlich weniger ratsamen – Konsummitteln und Produkten, wobei Letzteres aufgrund der emotionalen Bindung als wahrscheinlicher erscheint.

  • Die Kommunikation mit den Patienten über ihren Essalltag scheint aus kulturwissenschaftlicher Sicht der Schlüssel zu sein: Durch eine hierarchiefreie und nicht wertende Verständigung zwischen Arzt und Patienten kann so eher eine Vertrauensbasis geschaffen werden und die Bedeutungen bestimmter esskultureller Gegebenheiten können ausgelotet werden. Auf diese Weise kann gemeinsam eine Grundlage für gesundheitliche Optimierungen geschaffen werden.