Klin Monatsbl Augenheilkd 2017; 234(09): 1094-1102
DOI: 10.1055/s-0043-114422
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Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Glaskörperersatz in der Ablatiochirurgie – warum wir eine ganz neue Tamponadestrategie brauchen!

Vitreous Substitute in Retinal Detachment Surgery – Why We Need a New Tamponade Strategy
Peter Szurman
Augenklinik Sulzbach, Sulzbach/Saar
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Publikationsverlauf

eingereicht 25. Mai 2017

akzeptiert 06. Juni 2017

Publikationsdatum:
11. September 2017 (online)

Zusammenfassung

Das wichtigste Konzept zur Behandlung der Netzhautablösung ist die Pars-plana-Vitrektomie in Kombination mit Endotamponaden (Luft, Gase, Silikonöle). Trotz zahlreicher technischer Innovationen und modernsten Tamponadematerialien scheinen die Grundprobleme der Ablatiochirurgie aber nicht gelöst zu sein: Seit Jahrzehnten ist die primäre Erfolgsrate nicht zufriedenstellend, es gibt keine gute Strategie bei Mehrlochsituationen und die Problematik der proliferativen Vitreoretinopathie oder der persistierenden Hypotonie ist nicht gelöst. Insbesondere die Geschichte der Tamponaden ist voller Mythen und Missverständnisse. Trotz immer neuer Materialentwicklungen haben diese bei genauer Betrachtung nur wenig Einfluss auf die Erfolgsrate gehabt. Zunehmend zeigt sich, dass der Wert der Tamponade deutlich überschätzt wird. Der Grund dafür ist ein konzeptuell falscher Ansatz: Denn alle verfügbaren Tamponaden sind hydrophob und üben ihre tamponierenden Eigenschaften über Auftriebsvektor und Oberflächenspannung aus. Dies beschränkt sie auf die hydraulische Tamponadefunktion in nur einer Richtung und erlaubt keine vollständige Füllung des Glaskörperraums. Der hydrophobe Charakter des Tamponadematerials birgt damit grundsätzliche Nachteile, die beispielsweise die PVR-Entwicklung oder erneute Lochbildung eher fördern als hemmen. Deshalb ist eine Neubewertung des Stellenwerts von Tamponaden nötig. Die Lösung könnte ein radikaler Strategiewechsel weg von hydrophoben hin zu hydrophilen Tamponaden mit Hydrogelen sein. Diese bilden die natürliche und recht komplexe Funktion des juvenilen, gesunden Glaskörpers viel besser ab als Gase oder Öle.

Abstract

Pars plana vitrectomy combined with an endotamponade is the most important concept in retinal detachment surgery. Numerous advances in techniques and tamponade materials have been made, but the general problems of retinal detachment surgery are still unsolved: The primary success rate is not adequate, and there is no adequate strategy to address proliferative vitreoretinopathy, multiple retinal breaks or persistent hypotony. The story of tamponades is full of myths and misunderstandings. A critical review shows that tamponades have only a minor role in the history of retinal detachment surgery. One might assume that the value of tamponades is overestimated. This may be because the underlying concept is limited: All available tamponades are hydrophobic, so they act by buoyant force and surface tension. This narrow focus on the hydraulic function allows only one tamponade vector and makes complete filling of the vitreous body space impossible. The hydrophobic character of the materials has fundamental disadvantages that tend to increase the risk of new breaks or PVR formation. Thus, a critical revaluation of the value of current tamponades is necessary. One solution might be to develop hydrogels as vitreous body substitute. Such a hydrophilic vitreous body substitute fits the natural and complex function of a juvenile, healthy vitreous much better than gas or silicone oil.