Anästhesiol Intensivmed Notfallmed Schmerzther 2018; 53(01): 35-46
DOI: 10.1055/s-0043-105259
Topthema
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

„Lernen im geschützten Umfeld“: Implementierung in die Fort- und Weiterbildung

“Learning in Protected Environment”– Implementation in Continuing Medical Education
Lion Sieg
,
Lars Friedrich
,
Hendrik Eismann
Further Information

Publication History

Publication Date:
10 January 2018 (online)

Zusammenfassung

Aktuelle Aus- und Fortbildungskonzepte in der Akut- oder Notfallmedizin beinhalten Simulations- und Skill-Trainings unter Berücksichtigung von Methoden und Mechanismen der Fehler- und Zwischenfallprävention wie Human Factors, Shared mental Models und Closed-Loop-Communication. Immer noch ungeklärt ist die Frage nach der optimalen Kombination der einzelnen Methoden und Inhalte eines Fortbildungsprogramms in Abhängigkeit von individuellen Abteilungen eines Krankenhauses und dem einzelnen Mitarbeiter bzw. seinem individuellen Ausbildungsstand. Ein von uns angebotenes Konzept ist das „Lernen im geschützten Umfeld“: Hier werden Teilnehmer und Patient vor den negativen Auswirkungen einer konventionellen klinisch-praktischen Ausbildungssituation beschützt. Gleichzeitig profitieren die Teilnehmer in unserem Fortbildungsprogramm von standardisierten Kursmodellen. Das Ziel der optimalen Vorbereitung auf die klinische Tätigkeit und einer möglichst praktischen bzw. wirklichkeitsnahen Aus- und Fortbildung wird durch eine ständige Re-Evaluation der Inhalte und Methoden komplettiert. Die Implementierung eines solchen multimodalen Teamtrainings ist für jede Institution individuell anzupassen. Die Methoden zur Implementierung sollten standardisiert angewendet werden. Wir empfehlen eine Curriculumsentwicklung auf Grundlage des „Kern-Zyklus“. Auf dieser Basis gelingt die Kombination aus „Lernen im geschützten Umfeld“ und Zwischenfalltraining zur optimalen Vorbereitung auf eine akutmedizinische, klinische Tätigkeit mit dem Ziel einer höchstmöglichen Patientensicherheit.

„Lernen im geschützten Umfeld“ ermöglicht in der Anästhesie und anderen akutmedizinischen Bereichen ein Training von verschiedensten Zwischenfällen und Behandlungsstrategien – ohne Patienten und Mitarbeiter zu gefährden [1]. Dieser Artikel beschreibt ein interprofessionelles multimodales Lernkonzept, das auf „Simulation“ und „Skill-Training“ basiert. Die Autoren haben es an ihrer Klinik entwickelt und in die Fort- und Weiterbildung implementiert.

Abstract

Actual concepts in continuing medical education in acute or emergency medicine contain skill training as well as simulation training. Methods and mechanisms to reduce crisis, like human factor training, shared mental models or closed-loop communication are incorporated. It is unknown which training method is optimal for individual departments in hospitals or for the individual level of education of the healthcare provider. A concept we provide is the so called “learning in protected environment”: this environment protects the course participants and our patients from negative consequences of a conventional hands-on training. Concurrently the participants benefit from our standardized course concepts. We achieve our goal of an optimal preparation for clinical practice by continuous re-evaluation of the content and educational objects. The implementation of a multimodal team training has to be adopted for each institution individually – methods for an implementation should be standardized. We suggest the use of the “Kern cycle” for a structured approach to curriculum development. On this foundation the combination of “learning in protected environment” and crisis training is optimal to achieve an improved patient safety in acute care.

Kernaussagen
  • Nicht der Mensch muss sich dem System anpassen, sondern jedes System sollte die darin Tätigen unterstützen und schützen. Die Kenntnis von Human Factors und deren Einbindung in die Arbeitsrealität kann die Patienten- und Mitarbeitersicherheit verbessern.

  • Human Factors sind die Interaktionen von menschlichen Eigenschaften mit der Umgebung und sozialen bzw. technischen Systemen.

  • Das „geschützte Umfeld“ schützt den Lernenden sowie den Patienten vor negativen Auswirkungen einer Lernsituation in unbekannten Stresssituationen.

  • Das wichtigste Element der Simulation ist das Debriefing. Hier wird das Paket an Wissenszuwachs, Eindrücken und Erfahrungen geschnürt, das der Teilnehmer mit nach Hause nimmt.

  • Ohne einen geschulten Moderator lässt sich kein Simulator im Simulationstraining sinnvoll einsetzen. Der Simulator ist lediglich ein Hilfsmittel zum Lernerfolg, kein Selbstzweck.

  • Double-Loop-Learning kann durch Simulationstraining ermöglicht werden. Es beschreibt die Möglichkeit des Lernenden, seine Erfahrungen aus der Simulation zu verwenden, um sein mentales Modell anzupassen, zu hinterfragen oder zu bestätigen.

  • FOR-DEC ist eine Gedächtnishilfe, die es ermöglicht, in kritischen Situationen strukturiert Entscheidungen zu treffen. Es ist ein geeignetes Hilfsmittel, um andere Teammitglieder in die Planung von nächsten Schritten einzubinden.

  • Ein professionelles „Shared mental Model“ erlaubt, in Notfallsituationen Handlungen von Teampartnern zu antizipieren und die Versorgung von kritisch kranken Patienten zu verbessern.

  • Eine strukturierte Entwicklung eines eigenen Curriculums spart Ressourcen und verhindert unnötige Redundanzen.

  • Auch mit günstigem oder gebrauchtem Simulationsequipment lässt sich bei guter Planung ein Fortbildungsprogramm mit Simulationsinhalten etablieren.