Anästhesiol Intensivmed Notfallmed Schmerzther 2015; 50(10): 618-626
DOI: 10.1055/s-0041-102628
Fachwissen
Intensivmedizin & Notfallmedizin: Topthema
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Hyperbare Therapie und Tauchmedizin – Hyperbare Therapie Teil 1: evidenzbasierte Akutversorgung

Hyperbaric therapy and diving medicine – hyperbaric therapy part 1: evidence-based emergency care
Björn Jüttner
,
Kay Tetzlaff
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
02.November 2015 (online)

Zusammenfassung

Die hyperbare O2-Therapie (HBO), d. h. Atmung von reinem O2 unter erhöhtem Umgebungsdruck, ist in der Versorgung des schweren Dekompressionsunfalls und der Luft- oder Gasembolie ohne therapeutische Alternative. Für die Akutversorgung der Kohlenmonoxidvergiftung und der clostridialenMyonekrose (Gasbrand) mit einer HBO bestehen derzeit weniger eindeutige Therapieempfehlungen. Die vorliegende systematische Literaturanalyse trägt den gegenwärtigen Erkenntnisstand zur Wirksamkeit der HBO zusammen, gemessen an den Kriterien klinischer Evidenz. Der 1. Teil des Artikels bewertet die Notfallindikationen Luft- / Gasembolie, Dekompressionskrankheit, Kohlenmonoxidvergiftung, Gasbrand, nekrotisierende Weichteilinfektionen, akute traumatische muskuläre Ischämien und den retinalen Arterienverschluss. Der 2. Teil beschreibt weitere Indikationen der HBO als adjuvante Therapie und diskutiert, warum die Bewertung dieser Methode nach den Kriterien evidenzbasierter Medizin problematisch ist.

Abstract

Hyperbaric oxygen therapy (HBOT), i. e. breathing pure oxygen at elevated ambient pressure, remains the gold standard of care in treating air or gas embolism and decompression illness. Guidelines are less clear on the value of HBOT in acute management of carbon monoxide (CO) poisoning or clostridial necrosis. To evaluate the evidence of clinical efficacy of HBOT we performed a systematic literature review. Part 1 assesses acute indications such as air or gas embolism, decompression sickness, CO-poisoning, clostridialmyonecrosis, necrotizing problem wounds, acute traumatic wounds and arterial retinal occlusion. Part 2 discusses further uses of HBOT as adjuvant treatment and highlights problems in assessing the value of HBOT using evidence-based medicine criteria.

Kernaussagen

  • Die hyperbare O2-Therapie (HBO) wird definiert als Atmung von 100 % O2 unter einem erhöhten Umgebungsdruck.

  • Der Anteil des physikalisch im Blut gelösten O2 steigt bei Atmung von O2 bei einem Umgebungsdruck von 3 bar (300 kPa) so, dass der Organismus im Ruhezustand keinen an Hämoglobin (Hb) gebundenen O2 benötigt.

  • Nur wenige Druckkammern gewährleisten eine 24 h-Bereitschaft und intensivmedizinische Versorgung. Eine bundesweite Abfrage der Verfügbarkeit und Zuweisung der Notfallbehandlungen wurde durch die Leitstelle der Berufsfeuerwehr Wiesbaden etabliert.

  • Die Undersea and Hyperbaric Medical Society (UHMS, http://www.uhms.org) veröffentlicht in 3-jährigem Abstand eine aktualisierte Liste von Indikationen zur HBO.

  • Die HBO ist bei der arteriellen Gasembolie und der Dekompressionskrankheit Goldstandard ohne therapeutische Alternative. Die konsensusbasierte „Leitlinie Tauchunfall“ (Entwicklungsstufe S2k) empfiehlt eine frühestmögliche HBO.

  • Bei Kohlenmonoxidvergiftungen mit Bewusstlosigkeit, kardialen Ischämien, neurologischen Defiziten, metabolischer Azidose oder einem Kohlenmonoxid-Hb-Spiegel > 25 % empfehlen die führenden Fachgesellschaften eine HBO.

  • Der positive Effekt auf die hohe Mortalität der clostridialen Myonekrose beruht am ehesten auf der Kombination von chirurgischer Wundrevision, Antibiotikagabe, Intensivtherapie mit einer HBO.

  • Eine kontrollierte randomisierte Studie zeigte, dass eine adjuvante HBO bei Crush-Verletzungen der Extremitäten die Wundheilung verbessern und die Notwendigkeit chirurgischer Interventionen minimieren kann.

  • Für eine HBO bei nekrotisierenden Weichteilinfektionen und retinalem Arterienverschluss existieren ausschließlich retrospektive Beobachtungsstudien und Fallserien.

  • Die HBO sollte in Deutschland entsprechend den eindeutigen Empfehlungen der internationalen hyperbarmedizinischen Fachgesellschaften an leistungsfähigen Akutkrankenhäusern etabliert werden.

Ergänzendes Material