Thorac cardiovasc Surg 2016; 64 - ePP13
DOI: 10.1055/s-0036-1571915

Anwendungsbeobachtung zur Erfassung möglicher Blutdruckveränderungen bei Kindern und Jugendlichen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) unter Methylphenidat-Therapie mit Hilfe von 24-Stunden Langzeitblutdruckmessungen

M. Hulpke-Wette 1, D. Hagenbeck 2, C. Irtel von Brenndorff 3
  • 1Präventionspraxis für Herzkreislauferkrankungen bei Kindern und Jugendlichen, Göttingen, Germany
  • 2Georg August University Medical Center, Göttingen, Germany,
  • 3Kinderkardiologische Praxis, Baden-Baden, Germany

Einleitung: Methylphenidat (MPH) ist ein Psychostimulanz mit amphetaminähnlicher Wirkung. In der Fachinformation wird seit 2009 darauf hingewiesen, dass sich der systolische und/oder diastolische Blutdruck unter MPH-Therapie häufig, d.h. in 1–10% der Fälle um mehr als 10 mm Hg „ändern“ kann. Da die kurz- und langfristigen klinischen Auswirkungen dieser kardiovaskulären Effekte bei Kindern und Jugendlichen nicht bekannt sind, wurde im Rahmen dieser Anwendungsbeobachtung (AWB) geklärt, wie viele Patienten von den beschriebenen Blutdruckveränderungen tatsächlich betroffen sind.

Methode: In 6 Studienzentren der Arbeitsgemeinschaft der Niedergelassenen Kinderkardiologen (ANKK e.V.) wurden bei 103 Patienten mit ADHS die Blutdruckwerte vor und unter Gabe von MPH mit jeweils zwei 24-Langzeitblutdruckmessungen (ABDM) untersucht. Die über den Tageszeitraum gemittelten Blutdruckwerte wurden gemäß der Referenzperzentilen der KiGGS-Studie (Neuhauser et al. 2011) bewertet. Die Definition der arteriellen Hypertonie orientiert sich an der S2k Leitlinie der arteriellen Hypertonie für Kinder und Jugendliche (Hager et al. 2013).

Ergebnisse: Von 81 auswertbaren Patienten hatten 56% entsprechend der gemittelten zwei ABDM vor MPH-Gabe prähypertensive oder hypertensive systolische und/oder diastolische Blutdruckwerte. Von den 44 Patienten, die im Anschluss an die ersten beiden ABDM planmäßig MPH erhielten, zeigten 25% einen mittleren Blutdruckanstieg um mehr als 10 mm Hg und 18% einen mittleren Blutdruckabfall um mehr als 10 mm Hg gegenüber ihren individuellen Ausgangswerten. Insgesamt veränderte sich bei 43% der Patienten im Verlauf der MPH-Therapie der systolische und/oder diastolische Blutdruck um mehr als 10 mm Hg. Die in der MPH-Fachinformation gemachte Häufigkeitsangabe von 1 bis 10% konnte im Rahmen der AWB somit nicht nachvollzogen werden.

Zusammenfassung: Auf Grund des hohen Prozentsatzes von Patienten mit grenzwertig erhöhten oder eindeutig erhöhten Blutdruckwerten sollte bei allen Patienten vor MPH Therapiebeginn die Durchführung einer ABDM Untersuchung diskutiert werden. Die Fachinformation sollte auf Grund der erhobenen Daten in Ihrer Darstellung der möglichen Blutdruckveränderungen angepasst werden. Unter MPH -Therapie sollten regelmäßig Blutdruckkontrollen mittels ABDM vorgenommen werden. Mögliche langfristige Effekte einer MPH-Therapie auf die Blutdruckregulation im Kindes- und Jugendalter sollten im Rahmen einer prospektiven Studie untersucht werden.