Interventionelle Radiologie Scan 2016; 04(01): 53-68
DOI: 10.1055/s-0035-1569734
Fortbildung
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Gerinnungsmonitoring der neuen, nicht Vitamin K abhängigen oralen Antikoagulanzien[*]

Christina Hart
,
Michael Spannagl
,
Susanne Heimerl
Further Information

Publication History

Publication Date:
10 March 2016 (online)

Zusammenfassung

Die Einführung der neuen, nicht Vitamin K abhängigen oralen Anitkoagulanzien (NOAK) Dabigatran, Rivaroxaban, Apixaban und Edoxaban hat die klinische Praxis verändert, da diese Medikamente im Gegensatz zu den Vitamin-K-Antagonisten kein Labormonitoring benötigen. Es gibt jedoch spezielle klinische Situationen wie invasive Notfalleingriffe, schwere Blutungen oder eine sich verschlechternde Nierenfunktion, die eine Spiegelbestimmung bzw. eine Abschätzung der antikoagulatorischen Restwirkung erforderlich machen können. Die Auswirkung einer Einnahme eines direkten oralen Inhibitors auf die gängigen Gerinnungsteste wie die Prothrombinzeit (PTZ), die aktivierte partielle Thromboplastinzeit (aPTT) und die Thrombinzeit (TZ) hängt vom individuellen direkten Inhibitor, der Dosierung und dem Zeitpunkt der letzten Einnahme sowie der Sensitivität des Testreagenzes ab. Eine quantitative Bestimmung der Xa-Inhibitoren Rivaroxaban, Apixaban und Edoxaban ist mittels spezifisch kalibrierter Anti-Faktor Xa-Assays im Gerinnungslabor möglich. Die verdünnte Thrombinzeit (Hemoclot) ist geeignet um die Plasmakonzentration des Thrombininhibitors Dabigatran zu ermitteln. Bei der Interpretation von Gerinnungstesten von Patienten unter Antikoagulation mit NOAK ist zu beachten, dass diese neuen Medikamente sowohl Screening Teste wie auch spezielle Gerinnungsteste beeinflussen können.

Eine gute Kommunikation zwischen behandelndem Arzt und Labor ist unabdingbar, um mit den verschiedenen Effekten der NOAK auf die Gerinnungsteste sicher umgehen zu können.

Fazit
  • Ein generelles therapiebegleitendes Gerinnungsmonitoring, wie es seit vielen Jahrzehnten unter Verwendung von Vitamin-K-Antagonisten üblich ist, ist unter Einnahme der neuen Anti-Xa- und Thrombininhibitoren nicht erforderlich.

  • Treten bei Patienten, die mit den NOAK behandelt werden, spezielle klinische Situationen auf (z. B. notfallmäßige Operationen oder Interventionen, akute Blutungen, akutes Organversagen), können für den behandelnden Arzt Informationen über die Wirkspiegel vom Plasma des Patienten von Bedeutung sein.

  • Da die NOAK an zentraler Stelle in das Gerinnungssystem eingreifen, zeigen sie eine Interferenz mit den globalen Gerinnungstests wie z. B. Thromboplastinzeit (TPZ; Quick/INR), aktivierte partielle Thromboplastinzeit (aPTT) und Thrombinzeit (TZ) und mit speziellen gerinnungsphysiologischen Untersuchungen.

  • Die Veränderungen in der Gerinnungsdiagnostik sind sowohl abhängig vom Wirkmechanismus des NOAK und der entsprechenden Halbwertszeit als auch vom Zeitpunkt der Tabletteneinnahme, der Dosierung und von dem im Gerinnungslabor verwendetem Testsystem/Reagens.

  • Zur Interpretation der hämostaseologischen Messergebnisse muss dem behandelnden Arzt und dem Labormediziner bekannt sein, welches NOAK zu welchem Zeitpunkt eingenommen wurde.

  • Mit den Globaltests der Gerinnung können unter Behandlung mit NOAK lediglich abschätzende (semiquantitative) Aussagen getroffen werden: Liegt unter Einnahme von Rivaroxaban die Thromboplastinzeit (Quick/INR) im Normbereich (vorausgesetzt, es wurde im Labor ein auf Rivaroxaban empfindliches Reagens, z. B. Neoplastin Plus benutzt), ist eine klinisch relevante Restwirkung von Rivaroxaban im Patientenplasma unwahrscheinlich. Unter Einnahme von Dabigatran weist eine aPTT > 80 s im Talspiegel auf ein erhöhtes Blutungsrisiko hin, eine im Normbereich liegende TZ lässt auf die Abwesenheit einer klinisch relevanten Wirkung von Dabigatran schließen.

  • Für die Quantifizierung der Plasmakonzentration von Anti-Xa-Inhibitoren stehen speziell auf die jeweilige Substanz kalibrierte chromogene Anti-Xa-Tests zur Verfügung. Für die Quantifizierung der Plasmakonzentration von Dabigatran kann die kalibrierte verdünnte Thrombinzeit (Hemoclot) eingesetzt werden.

  • Eine Messung der Medikamentenkonzentrationen ist im klinischen Alltag jedoch bislang routinemäßig nicht vorgesehen, da die gemessenen Plasmakonzentrationen klinisch noch nicht für jede Konstellation interpretiert werden können.

  • Insgesamt muss der Einsatz hämostaseologischer Labormethoden zum Nachweis der NOAK den lokalen Gegebenheiten entsprechend geplant und kontinuierlich zwischen Labor und Klinik abgestimmt werden.

* Dieser Artikel ist ein adaptierter Zweitabdruck des Beitrags in: Kardiologie up2date 2013; 9: 197 – 211