physioscience 2017; 13(03): 145-146
DOI: 10.1055/s-0035-1567222
Veranstaltungsberichte
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

41. Fortbildungstagung der Vereinigung der Bobath-Therapeuten Deutschlands e.V. in Hamburg

K. Determann
Further Information

Publication History

Publication Date:
07 September 2017 (online)

Die Fachtagung der Bobath-Vereinigung ist mehr als eine Informationsveranstaltung. Am 12. und 13. Mai 2017 trafen sich über 200 Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden, Pflegekräfte, Ärzte, Referenten und Gäste im Albertinenhaus in Hamburg zum beruflichen und persönlichen Austausch, zur Entwicklung von Ideen und gemeinsamen Positionsbestimmung im großen Fahrwasser des Gesundheitsmarktes.

„Alle unter einer Flagge“, so hieß das Motto, das den Zusammenhalt der unterschiedlichen nach dem Bobath-Konzept arbeitenden Disziplinen betonen sollte. Das breitgefächerte Programm bot Vorträge und praktische Seminare, die die Vielfalt der therapeutischen Herangehensweise vor Augen führten. Darüber hinaus gab es Industrieworkshops und einen Poster-Wettbewerb.

Vorangegangen war das alljährliche Treffen des Wissenschaftsbeirats der Bobath-Vereinigung. Das 12-köpfige Gremium besteht zu gleichen Teilen aus Medizinern (Neurologen, Neuropädiater) und Bobath-Therapeuten aus Entwicklungsneurologie und Neurorehabilitation. Als Unterstützung für den Vorstand soll der ehrenamtlich tätige Beirat das Bobath-Konzept in einen wissenschaftlichen Rahmen stellen und die Möglichkeiten ausloten, das Therapiekonzept wissenschaftlich zu begründen.

Seit seiner Gründung im Jahr 1997 hatte Hille Viebrock den Vorsitz des Wissenschaftsbeirats inne. Sie gab diesen nun an Justine Eck weiter. Ihre Abschiedsrede machte allen Tagungsteilnehmern deutlich, wie sie beharrlich und kompetent den Stein ins Rollen brachte, die Wirksamkeit der Bobath-Therapie wissenschaftlich nachzuweisen.

Große Beachtung fand in diesem Zusammenhang der Vortrag von Gabriele Eckhardt. Die Physiotherapeutin stellte ihre Promotionsarbeit zur Wirksamkeit des 24-Stunden-Ansatzes des Bobath-Konzepts vor. In ihrem Forschungsprojekt erhielten 55 Patienten der Neurorehabilitation für die Zeit zwischen den Therapien ein Eigentrainingsprogramm. Nach dem Bobath-Konzept waren die Übungen an individuellem Potenzial und Leistungsgrenze ausgerichtet. Standardisierte Testverfahren zeigten die Steigerung der Leistungsfähigkeit, die Verbesserung von Alltagsfunktionen und damit die Realisierung der Ziele der unterschiedlichen Patienten auf. Auf diese Weise wies Gabriele Eckhardt nach, dass individuell konzipierte Bobath-Therapie im Vergleich zu standardisierten Therapiemethoden die Lebensqualität signifikant verbessert.

Auch Elaine Owen aus Wales und London ist Bobath-Therapeutin und Wissenschaftlerin. Sie machte sich mit Studien und Veröffentlichungen zur biomechanischen Voraussetzung des Abrollvorgangs des Fußes einen Namen. Ihr Vortrag und Seminar standen unter dem Titel „From Stable Standing to Rock and Roll Walking“. Die Spezialistin für Ganganalyse erklärte die Bedeutung des in idealem Winkel zum Raum eingestellten Fuß/Unterschenkelsegments für Stand und Gang eines Menschen. Sie erläuterte die Funktion der Sprunggelenkrocker und deren Einfluss auf die höheren Segmente. Große und kleine Patienten, die für die Funktionen des sicheren Stehens und des ökonomischen Abrollens beim Gehen die Hilfe einer Orthese brauchen, profitieren davon, wenn neurophysiologische Therapie mit Prinzipien aus Physik und Biomechanik kombiniert wird. Lebendig und praxisnah erläuterte Owen den Teilnehmern des Workshops den von ihr entwickelten Algorithmus, um Schuh- und Unterschenkelorthesenversorgung eines Menschen an seine individuellen Funktionen bzw. deren Defizite anzupassen.

Zur Livemusik von „Beat Express“ aus Berlin tanzte der Kongress am Abend des ausgefüllten Tages Rock’n’Roll. Wenige Stunden später am frühen Morgen des 2. Kongresstages brachten Teilnehmer und Referenten Standvermögen und Disziplin für die Wiederaufnahme der Arbeit in den Workshops mit.

Wie schon im Vorjahr wurde das Seminar „Wissenschaftliches Arbeiten zur Bobath-Therapie“ angeboten. Justine Eck und Karoline Munsch stellten eingangs den Teilnehmern folgende Gedanken dar: Immer wieder tauchen bei der Frage nach dem Wirksamkeitsnachweis der Bobath-Therapie Hinderungsgründe für große Studien auf, wie z. B.:

  • Für die Erreichung eines hohen Studienstandards müssen möglichst viele Probanden ähnliche Bedingungen erfüllen. Die Vergleichbarkeit der Fälle ist eine Bedingung, bei der die Mehrzahl unserer mit mehreren (multifaktoriellen) Problemen kämpfenden Patienten nicht in eine Studie einbezogen werden können.

  • Studien mit hohem Standard sind zeitlich und personell aufwendig. Es ist schwer, Partner zu finden, die ein Interesse daran haben, eine große Studie (mit)zu finanzieren.

  • Eine vergleichbare Intervention, wie z. B. die Laufbandtherapie ist leichter zu erforschen als eine komplexe Intervention nach dem Bobath-Konzept. Die Durchführung einer Intervention richtet sich nach der individuellen Leistungsgrenze der Patienten/Probanden. Daher lassen sich häufig Interventionen, mit denen unterschiedliche Patienten/Probanden behandelt werden, nicht miteinander vergleichen.

Aus diesem Grund plädierten die beiden Referentinnen dafür, die Wirksamkeit von Interventionen nach dem Bobath-Konzept im Einzelfall zu beschreiben. Die kontrollierte Einzelfallstudie und auch das Fallbeispiel erfüllen – im wissenschaftlichen Sinn – nicht den höchsten Evidenzstandard. Sie können aber trotzdem – wenn sie in Fachzeitschriften veröffentlicht werden – für die Verbreitung des Bobath-Konzepts sorgen. Die Wirksamkeit von komplexen Interventionen bei komplex betroffenen Patienten kann auch beim einzelnen Probanden mit den entsprechenden Instrumenten gemessen werden.

Im praktischen Teil des Workshops skizzierten die Teilnehmer Konzepte für 4 Einzelfallstudien aus der Fülle ihrer konkreten Arbeit in Neurorehabilitation und Entwicklungsneurologie.

In seinem Vortrag: „Die Zukunft von Bobath – zwischen Marketing und Wissenschaft“ machte Prof. Dr. Matthias Zündel den Bobath-Therapeuten Mut. Die durch Therapie nach dem Bobath-Konzept erreichte Steigerung der Lebensqualität und das Erreichen von Zielen kommen bei den Endverbrauchern der Marke Bobath gut an. „Klingeln gehört zum Geschäft“, meinte Prof. Zündel. Das von Bobath-Therapeuten erreichte Wohl für den Patienten solle auf dem Gesundheitsmarkt mehr ins Bewusstsein von Kostenträgern und Endverbrauchern gebracht werden.

Alle 2 Jahre zeichnet die Bobath-Vereinigung eine wissenschaftliche Arbeit mit dem Wissenschaftspreis aus. Im Jahr 2016 erhielt die Physiotherapeutin Katharina Roggemann den Preis für ihre Masterarbeit an der HAWK „Die Bedeutung der Gehfunktion für Kinder mit Zerebralparese“. Anlässlich der 42. Jahrestagung in Würzburg ist für das kommende Jahr wieder die Verleihung zusammen mit einem Preisgeld von 1000 Euro geplant. Die neue Vorsitzende des Wissenschaftsbeirates, Justine Eck, warb auf der Tagung in Hamburg um die Einreichung von wissenschaftlichen Arbeiten mit Bezug zum Bobath-Konzept.

Auf der Mitgliederversammlung der Bobath-Vereinigung am Nachmittag ließ sich wie auf einem Kompass die Position des Bobath-Schiffes ablesen: Die bislang vakante Reihe der Beisitzer im Vorstandteam wurde durch 3 neu gewählte Mitstreiterinnen vervollständigt. Ein Ersatz für Susanne Graf, die 3 Jahre lang die Kasse geführt und diese auf Vordermann gebracht hatte, fand sich mit Karin Determann. 20 neue Mitglieder traten der Bobath-Vereinigung bei. Dem verbleibenden Vorstandsteam bestehend aus Claudia Abel, Justine Eck, Andrea Espei, Kerstin Rethemeier und Katharina von Bistram stand die Erleichterung über das Wahlergebnis und den frischen Wind ins Gesicht geschrieben. Wiebke von Klot, Andrea Becker und Miriam Pia Burghardt können in der Einarbeitungsphase die Arbeit in den einzelnen Vorstandsbereichen kennenlernen, bevor sie eine Aufgabe übernehmen.

Im kommenden Jahr segelt die Bobath-Vereinigung statt auf der Elbe auf dem Main. Die 2-tägige Fachtagung findet am 4. und 5. Mai 2018 in Würzburg statt. Mitwirkung ist ausdrücklich erwünscht!

Abstracts für diese interdisziplinäre Plattform können bei Andrea Espei ([email protected]) oder Claudia Abel ([email protected]) eingereicht werden.