physioscience 2016; 12(04): 172-173
DOI: 10.1055/s-0035-1567141
Veranstaltungsberichte
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

physioswiss-Congress 2016 in Basel am 17./18. Juni 2016

K. Lüdtke
Institut für Systemische Neurowissenschaften, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
,
A. Pötting
G. Thieme Verlag, Stuttgart
,
S. Rogan
Berner Fachhochschule, Dept. Gesundheit, Bern, Schweiz
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Publication History

Publication Date:
07 December 2016 (online)

Alle 2 Jahre findet der nationale Kongress des Schweizer Physiotherapieverbandes physioswiss statt. Am 17. Juni 2016 waren 500 und am 18. Juni 400 Physiotherapeuten ins Basler Congresszentrum gekommen, um sich unter dem Motto „Trends and Innovations“ über die neusten Entwicklungen in ihrem Beruf zu informieren.

Im 1. Vortrag zeigte Dr. Kerstin Lüdtke, Wissenschaftlerin am Institut für systemische Neurowissenschaften des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, an einem eindrucksvollen Beispiel, wie wichtig ein professionelles Screening in der Physiotherapie ist ([Abb. 1]). Obwohl Physiotherapeuten noch nicht im Direktzugang arbeiten, gibt es zahlreiche Situationen, in denen sie die ersten sind, die Red Flags erkennen können und dafür ein aufmerksames Screening-Prozedere einsetzen sollten.

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Abb. 1 Dr. Kerstin Lüdtke referierte zum Thema „Professionelles Screening“.

Besonders hervorzuheben ist der Keynote-Vortrag von Annina B. Schmid, die derzeit an der University of Oxford als Postdoktorandin Studien zum Thema Kompressionsneuropathien durchführt. Anhand eines neuartigen Kompressionsparadigmas bei Ratten, bei dem nicht – wie sonst üblich – eine intensive kurze Kompression auf einen Nerv, sondern eine mildere, chronische Kompression ausgeübt wird, konnte sie zeigen, dass außer des Verlusts von Myelin vor allem Axone mit einem kleinen Durchmesser geschädigt wurden [1]. Bisher wurde davon ausgegangen, dass vor allem Nerven mit einem großen Durchmesser betroffen sind. Diese histologischen Ergebnisse erklären, warum bei einigen Patienten nicht klassischerweise Muskelkraft und Sensibilität beeinträchtigt sind bzw. warum elektrophysiologische Tests negativ sein können [3]. Weiterhin erklärte Schmid anhand neuroinflammatorischer Mechanismen, warum es bei Tunnel-Neuropathien zu einer Ausdehnung der schmerzhaften Areale kommen kann [1] [2]. Ihre Ergebnisse konfrontieren die Diagnosekriterien für z. B. das Karpaltunnelsyndrom (www.awmf.org) und propagieren die Verwendung von Elementen der quantitativen sensorischen Testung. Schmid empfiehlt beispielsweise, Wärme- und Kälteschmerzschwellen in der physiotherapeutischen Untersuchung zu testen.

Wenn sich das Arbeitsfeld durch den Einsatz technischer und computergesteuerter Geräte zu verändern beginnt, kommt immer wieder die Frage auf, inwieweit wir davon profitieren oder ob sie uns langfristig schaden. In ihrem Keynote-Referat „Neue Technologien in der Physiotherapie: Freund oder Feind?“, gingen PD Dr. Eling de Bruin von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich und Dr. Oliver Stoller von der University of California dieser Frage nach ([Abb. 2]). De Bruin zeigte zu Beginn auf, dass die Physiotherapie schon seit jeher mit dem technologischen Fortschritt mitgegangen ist und neue Technologien integriert hat, z. B. TENS-Muskelstimulationsgeräte oder Schrittzähler. Dann beruhigte er die Zuhörer mit einer Chart, die aufzeigte, dass Physiotherapeuten und Ärzte nur mit einer 2 %igen Wahrscheinlichkeit von Robotern ersetzt werden können, wohingegen Kassierer, kaufmännische Angestellte und Metzger mit 98 % bzw. 96 % zu Recht um ihre Berufe werden bangen müssen.

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Abb. 2 PD Dr. Eling de Bruin (li) und Dr. Oliver Stoller (re) bei ihrem Keynote-Referat „Neue Technologien in der Physiotherapie: Freund oder Feind?“.

Als neue Technologien gelten in der Physiotherapie heute Sensortechnologien und Robotik, virtuelle Realität und Exergaming sowie künstliche Intelligenz. De Bruin betonte deren Vorteile in der Wiederherstellung/Unterstützung von Bewegung, für die Bewegungsanalyse sowie die Möglichkeiten interaktiver bewegungsfördernder Trainingsmethoden. So zeigte er, dass Personen nach einem Schlaganfall mithilfe eines Reha-Roboters Bewegungsabläufe neu erlernen können und neue Technologien die oft fehlenden objektiven und individualisierten Verlaufskontrollmessungen optimieren.

Im Anschluss zeigte Stoller das Leistungspotenzial anhand von Beispielen aus eigenen Forschungen und Studien auf. So weisen Untersuchungen darauf hin, dass virtuelle Realität bei älteren Menschen die Haltungskontrolle verbessert und als Sturzprophylaxe dienen kann. Durch spielerische Momente wird die Motivation gefördert und die negative Meinung über Bewegung zum positiven hin verschoben.

Prof. Dr. Luomajoki von der Zürcher Hochschule Winterthur zeigte in seinem Vortrag „Weißt du eigentlich, wie gut wir sind?“ anhand evidenzbasierter Praxis auf, welches Potenzial die Physiotherapie hat ([Abb. 3]). Er motivierte die Zuhörer, Forschung selbst voranzutreiben, über sie zu sprechen und Erkenntnisse zeitnah umzusetzen. So zeigte er randomisierte kontrollierte Studien, die positive Ergebnisse bei Patienten mit Kniearthrose, Meniskus- und Kreuzbandläsionen zugunsten der Physiotherapie im Vergleich zu Operationen aufweisen. Auch beim Schulter-Impingement ist die Physiotherapie der Medizin überlegen.

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Abb. 3 Prof. Dr. Luomajoki zeigte in seinem Vortrag „Weißt du eigentlich, wie gut wir sind?“ das Potenzial der Physiotherapie auf.

Zudem hob Luomajoki die geringeren Kosten der Physiotherapie hervor und bestärkte den Einsatz von validierten Fragebögen in der Physiotherapie. Er betonte, dass diese jedem Physiotherapeuten die Möglichkeit bieten, die Effektivität der Therapie einzuschätzen und mit Studienergebnissen zu vergleichen. Dieses Vorgehen entspreche evidenzbasierter Praxisarbeit, helfe Effektivität und Kosteneffektivität der Physiotherapie gegenüber den Kostenträgern nachzuweisen und eine bessere Positionierung im Gesundheitswesen zu erreichen.

Zum Abschluss betonte Luomajoki etwas provokativ, dass die Effektivität der Physiotherapie auf den Säulen Edukation (Kommunikation; 40 %), Patienten-Management (40 %) und physiotherapeutische Techniken beruhe und man sich nicht nur auf die Techniken konzentrieren solle.

Zahlreiche Workshops, Referate und eine gut besuchte Ausstellung rundeten einen gelungen Kongress ab, den Interessierte zum Großteil in den Präsentationen der Referenten auf der Website von physioswiss nachlesen können: www.physioswiss.ch/index.cfm?nav = 2236,15 856.