physioscience 2016; 12(01): 1
DOI: 10.1055/s-0035-1567065
Editorial
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Editorial

S. Rogan
1  Berner Fachhochschule, Dept. Gesundheit, Bern, Schweiz
,
S. Karstens
2  Hochschule Trier, Fachbereich Physiotherapie
› Author Affiliations
Further Information

Publication History

Publication Date:
04 March 2016 (online)

Innovative Trainingsprogramme für „junge“ Alte und „alte“ Hochbetagte

Der demografische Wandel ist in aller Munde. Die Bevölkerung in Europa besteht immer mehr aus „jungen“ Alten (60 – 80/85 Jahre) und „alten“ Alten/Hochbetagten (> 80/85 Jahre). Zurzeit beträgt der Anteil der „jungen“ Alten knapp 24 %, im Jahr 2050 wird er bei ca. 40 % liegen. Auch der Anteil der „alten“ Alten/Hochbetagten steigt stetig an: in Deutschland sind heute ca. eine halbe Millionen Menschen über 90 Jahre alt. In den kommenden 10 Jahren wird sich diese Zahl verdoppeln.

Das Bild des Alters hat sich verändert, neue Leitbilder prägen das Altern. Es geht nicht nur darum, die Lebenserwartung zu verlängern, sondern auch „wie man alt“ wird [1]. Hierbei richtet sich der Blick auf den Erhalt der Funktionen im täglichen Leben und der Selbstständigkeit, denn das biologische Alter stellt den Gradmesser der individuellen körperlichen Funktion und Selbstständigkeit dar. In höherem Lebensalter sollten der Funktion und Selbstständigkeit zunehmend Beachtung geschenkt werden. Wie folgende epidemiologische Daten zeigen, gibt es noch Raum, die Funktion und Selbständigkeit ab dem 65. Lebensjahr zu verlängern: Die durchschnittliche Lebenserwartung nach dem Überschreiten des 65. Lebensjahres beträgt bei Frauen etwa 22 Jahre, davon 9,5 Jahre mit guter Funktion/hohem Aktivitätsniveau. Männer erreichen ab dem 65. Lebensjahr im Durchschnitt 18 Jahre und davon durchschnittlich 9,5 Jahre mit guter Funktion/hohem Aktivitätsniveau. Für die Schweiz gelten hier deutlich längere Intervalle bei guter Funktion, sie entwickeln sich aber auch für Deutschland positiv [1] [5].

Das Altern bei guter Funktion/hohem Aktivitätsniveau kann gefördert werden. Aus aktuellen Studien ergeben sich neue Untersuchungs- und Trainingsmethoden für „junge“ Alte und auch für „alte“ Alte/Hochbetagte. Diese Untersuchungs- und Trainingsmethoden kann die Physiotherapie für sich ableiten. Die Bewegungstherapie spielt zur Förderung bzw. Prävention körperlicher Funktionsverluste und der Selbstständigkeit bei älteren Menschen eine bedeutende Rolle. Um mit gezielten Trainings-/Therapiemaßnahmen zu beginnen und dann systematisch auf dokumentierten Fortschritten aufbauen zu können, wird empfohlen, ältere Menschen Leistungsklassen zuzuordnen. Da bisher jedoch keine an Leistungsfähigkeit orientierten Klassifikationen für „junge“ Alte und „alte“ Alte/Hochbetagte vorliegen, die eine individuelle und angepasste Form von Trainingsmaßnahmen erhalten sollen, wurde auf der Grundlage von Forschungsergebnissen eine Klassifikation in „Go-Goes“, „Slow-Goes“ und „No-Goes“ eingeführt [4]. Mit Go-Goes werden Personen beschrieben, die unabhängig leben und nicht geriatrisch sind. Slow-Goes sind hilfsbedürftige Personen und geriatrische Patienten mit leichter Behinderung. Bei No-Goes handelt es sich um pflegebedürftige Personen mit schweren funktionellen Einschränkungen.

„Go-Goes“ und „Slow-Goes“ können im Gegensatz zu „No-Goes“ aufgrund ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit unter anderem mit traditionellen Trainingsprogrammen trainieren. Dies ist für „No-Goes“ nicht oder nur schwierig möglich. Gerade wegen der eingeschränkten körperlichen Leistungsfähigkeiten von Gebrechlichen sollten Bewegungsprogramme so aufgebaut sein, dass sie sich innerhalb kurzer Zeit durchführen lassen und die Komponenten Kraft, Gleichgewicht und Kognition berücksichtigen. Innovative Trainingsprogramme, wie z. B. Ganzkörpervibrationstraining oder virtuelle Exergames könnten hier Potenzial bieten [3].

In der vorliegenden Ausgabe finden sich verschiedene Arbeiten mit Relevanz für das beschriebene Themenfeld. In der Rubrik „gelesen und kommentiert“ werden innovative Trainingsprogramme behandelt: Eine Studie beschreibt die Effekte von virtuellen Exergames auf Doppelaufgaben während des Gehens und eine Übersichtsarbeit stellt sensomotorische und mechanische Effekte auf die Gleichgewichtsfähigkeit und das Gangbild bei älteren Personen dar.

Zudem präsentieren Aegerter und Kool in ihrer Originalarbeit Ergebnisse zur Schmerzmessung durch Selbstbeurteilung bei älteren Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung.