Gesundheitswesen 2016; 78(06): 378-386
DOI: 10.1055/s-0035-1548777
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Mit Tabak- und Alkoholkonsum assoziierte Mortalität – Ein Benchmarking regionaler Trends und Niveaus

Mortality Related to Alcohol and Tobacco Consumption – A Benchmarking of Regional Trends and Levels
V. Vogt*
1  Fachbereich Health Services Management, Ludwig-Maximilians-Universität München, München
,
L. Sundmacher*
1  Fachbereich Health Services Management, Ludwig-Maximilians-Universität München, München
,
K. B. Witzheller
2  Fachgebiet Management im Gesundheitswesen, Gesundheitsökonomisches Zentrum Berlin, Technische Universität Berlin, Berlin
,
N. Baier
2  Fachgebiet Management im Gesundheitswesen, Gesundheitsökonomisches Zentrum Berlin, Technische Universität Berlin, Berlin
,
T. Creutz
2  Fachgebiet Management im Gesundheitswesen, Gesundheitsökonomisches Zentrum Berlin, Technische Universität Berlin, Berlin
,
C. Henschke
2  Fachgebiet Management im Gesundheitswesen, Gesundheitsökonomisches Zentrum Berlin, Technische Universität Berlin, Berlin
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Publication History

Publication Date:
25 June 2015 (eFirst)

Zusammenfassung

Ziel der Studie: Regionale Merkmale finden in Studien zu den Determinanten von Gesundheit und Gesundheitsversorgung zunehmend Berücksichtigung. Eine systematische Beobachtung und Einbeziehung regionaler Besonderheiten in strategische Planungs- und Finanzierungsentscheidungen wurde bisher jedoch vernachlässigt. Zudem werden in den vorliegenden Studien Veränderungen auf regionaler Ebene über die Zeit meist nicht berücksichtigt. In diesem Beitrag sollen daher sowohl Niveaus als auch Trends potentiell vermeidbarer Sterbefälle auf Kreisebene dargestellt und ein Benchmark erstellt werden, der die theoretisch zu erreichende Reduktion der vermeidbaren Sterbefälle für die Kreise aufzeigt.

Methodik: Auf Basis der Todesursachenstatistik der Statistischen Ämter der Bundesländer werden die potentiell vermeidbaren Sterbefälle geschlechterspezifisch und altersstandardisiert für jeden der 413 deutschen Kreise und kreisfreien Städte im Zeitraum von 2000 bis 2008 ermittelt. Berücksichtigt werden Sterbefälle durch Lungenkrebs und alkoholbedingte Erkrankungen, da diese als potentiell durch Primärprävention vermeidbar gelten. Die kreisspezifischen Werte für das Benchmark werden in 2 linearen, hierarchisch geschachtelten Modellen ermittelt und anhand eines F-Tests auf Signifikanz überprüft.

Ergebnisse: Insgesamt nimmt die Lungenkrebsmortalität bei Männern im betrachteten Zeitraum ab, während sie für Frauen sukzessive ansteigt. Der Benchmark für Sterbefälle durch Lungenkrebs für Frauen zeigt, dass der Anstieg der Sterblichkeit vor allem in westdeutschen und urbanen Kreisen zu finden ist. Bezüglich der alkoholbedingten Sterblichkeit beobachten wir ein Ost-Westgefälle mit höheren Raten in Ostdeutschland. Schrumpfende Kreise in Ostdeutschland konnten in den letzten Jahren jedoch einen starken Rückgang der Raten verzeichnen. Eine ungünstige Trendentwicklung der alkoholbedingten Mortalität lässt sich für Frauen vor allem in ländlichen Gebieten Bayerns beobachten.

Schlussfolgerung: Die Analyse bietet Entscheidungsträgern die Möglichkeit Regionen mit verstärktem Handlungsbedarf bezüglich Präventionsmaßnahmen zu lokalisieren. Die steigenden Lungenkrebsmortalitätsraten von Frauen in Städten weisen bspw. auf einen erhöhten Bedarf von Anti-Rauch-Kampagnen in urbanen Gegenden hin. Für alkoholbedingte Erkrankungen konnte neben den ostdeutschen Kreisen auch in einigen Kreisen Bayerns ein erhöhter Bedarf für zielgruppenspezifische Prävention identifiziert werden.

Abstract

Study Aim: Regional characteristics are being increasingly taken into account in studies on the determinants of health and health-care. A systematic observation and inclusion of regional particularities has, however, been absent from strategic planning and financing decisions to date. Furthermore, regional-level changes over time have, for the most part, not been considered in the existing studies. Accordingly, this article seeks to depict both the levels and trends in potentially avoidable mortality on the district level and to establish a benchmark that shows the theoretical goals for the reduction in avoidable deaths in each district.

Method: Gender-specific and age-standardised potentially avoidable deaths were determined for each of the 413 German districts in the period from 2000 to 2008 on the basis of cause of death statistics provided by statistical agencies of the German federal states. Deaths due to lung cancer and alcohol-related diseases were taken into account as these are considered to be avoidable through primary prevention. The district-specific benchmark values were ascertained using 2 linear hierarchic nested models and tested for significance using an F-test.

Results: Overall, the lung cancer mortality was found to have declined amongst men and gradually increased amongst women during the time period under consideration. The benchmark for deaths from lung cancer in women shows that the increase in mortality is principally observed in West German and urban districts. In relation to the alcohol-related deaths we also see an east-west divide, with higher rates in eastern Germany. Shrinking districts in eastern Germany were able, however, to record a big reduction in rates in recent years. An unfortunate development in the trend of alcohol-related mortality in women was notably observed in regional areas of Bavaria.

Conclusion: The analysis offers decision makers the possibility of pinpointing regions with high intervention need. Increasing lung cancer mortality rates in women living in cities points to, for example, a heightened need for anti-smoking campaigns in urban areas. In relation to alcohol-related diseases, a heightened need for target group-specific prevention was identified in East German districts as well as some districts in Bavaria.

* geteilte Erstautorenschaft