Psychother Psychosom Med Psychol 2014; 64(08): 322-327
DOI: 10.1055/s-0034-1374593
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Vom Studienstart bis zum ersten Staatsexamen – Zunahme von Depressivität bei gleichzeitigem Verlust des Kohärenzgefühls und der psychischen Lebensqualität in höheren Semestern Humanmedizin

From Freshmanship to the First „Staatsexamen“ – Increase of Depression and Decline in Sense of Coherence and Mental Quality of Life in Advanced Medical Students
Pascal H. M. Burger
1   Klinik Meissenberg AG, Psychiatrische und Psychotherapeutische Spezialklinik für Frauen, Zug/Schweiz
,
Ozan Y. Tektas
2   Institut für Anatomie II, FAU Erlangen-Nürnberg, Erlangen
,
Friedrich Paulsen
2   Institut für Anatomie II, FAU Erlangen-Nürnberg, Erlangen
,
Michael Scholz
2   Institut für Anatomie II, FAU Erlangen-Nürnberg, Erlangen
› Author Affiliations
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Publication History

eingereicht 03 July 2013

akzeptiert 09 March 2014

Publication Date:
08 August 2014 (online)

Zusammenfassung

Psychische Belastungen und manifeste psychiatrische Erkrankungen (Depressionen, Angststörungen, Burnout) haben bei Medizinstudierenden eine deutlich erhöhte Prävalenz. Auch wenn die meisten Medizinstudierenden in einem, der Normalbevölkerung vergleichbaren, guten Gesundheitszustand ihr Studium beginnen, ließ sich in nationalen und internationalen Studien eine deutliche Verschlechterung zu späteren Zeitpunkten im Studium und in der anschließenden Assistenzarztzeit beobachten. Wir untersuchten im Rahmen unserer Studie ESTRELLAS insgesamt 530 Studierende im vorklinischen Studienabschnitt Humanmedizin (Semester 1–4) vor dem 1. Staatsexamen mithilfe validierter psychologischer Fragebögen zu Depressivität, Angst/Ängstlichkeit, Lebensqualität und Kohärenzgefühl. Die Erstsemesterstudierenden zeigten eine Prävalenz psychischer Belastungen, die der in der Normalbevölkerung vergleichbar ist. Mit steigendem Semester zeichnete sich eine langsam-kontinuierliche Zunahme von Depressivität und Ängstlichkeit bei gleichzeitig sinkender Lebensqualität und abnehmendem Kohärenzgefühl ab. Eine Zunahme körperlicher Belastungen war nicht eruierbar. Im 4. Semester hatte sich die Zahl der zumindest leicht depressiven Studierenden bereits mehr als verdoppelt. Die Entwicklung der stärker werdenden psychischen Belastung und dadurch ansteigenden manifesten psychiatrischen Erkrankungen im Verlauf des Medizinstudiums imponiert als kontinuierlicher Prozess, der mit Anfang des Medizinstudiums beginnt und sich im vorklinischen Studienabschnitt bedenklich fortsetzt. Aktives Entgegenwirken über z. B. das Erlernen von Entspannungstechniken u. ä. sollte am besten im medizinischen Ausbildungscurriculum bereits vom 1. Semester an integriert werden.

Abstract

Psychiatric disorders (Burnout, depression, anxiety disorders) are common among medical students with a distinctly higher prevalence compared to the general public. Although medi­cal students show a normal health status at the beginning of their university study period, a deterioration of these aspects in higher semesters is evident and continues when they become residents. In our study ESTRELLAS we examined 530 medical students in the preclinical semesters (1st–4th) before their first “Staatsexamen” with validated psychological questionnaires for depression, anxiety, quality of life and sense of coherence. Students in their 1st semester show normal values like the general public. During the 4 semesters a slow and continuous rise of depressive symptoms and anxiety was detected. Quality of life and sense of coherence constantly deteriorated. An increase of physical symptoms was not detected. In the 4th semester the number of depressive students had already doubled. The development of worsening psychological problems and resulting psychiatric disorders seems to be a continuous process, starting with the beginning of the medical studies and growing continuously during the preclinical semesters. Effect­ive strategies for coping with distress should be integrated in the medical curriculum at universities from the very first semester on. Relaxation techniques could thus be an opportunity.